Herr Krohmer, rüttelt Ihr Dokudrama am Denkmal Rudi Dutschkes oder erbaut es ein neues?
Stefan Krohmer: Das liegt im Auge des Betrachters. Aber es ging mir dabei weder um das eine noch das andere. Ein reines Biopic hätte mich jedenfalls nicht interessiert, denn es ist weniger ein Film über Dutschke als einer, der dem Zuschauer die Möglichkeit gibt, seinen Machern und Zeitzeugen dabei zuzusehen, wie sie ihrerseits versuchen, sich ein Bild von Rudi Dutschke zu machen.
Das also eher in ein Denkmal oder dessen Sturz mündet?
Krohmer: Es geht nicht darum, eine Meinung über eine Person zu transportieren und dann von Zeitzeugen beglaubigen zu lassen; es geht darum, diese angeblich so humorlose Zeit auch humorvoll zu reflektieren. Es geht ums Erinnern, und wie es von Zeit und Eitelkeit beeinflusst wird, um die Ironie, dass diese jesusgleiche Figur von einigen Egoisten umgeben war. Wenn Bernd Rabehl von sich weist, eifersüchtig gewesen zu sein, macht die Entschiedenheit seiner Aussage erst klar, wie viel Konkurrenzdenken im Spiel war. Das ist überzeugender, als Konkurrenzsituationen anekdotisch zu erzählen oder nachspielen zu lassen. Wahrheiten entstehen en passant.
Christoph Bach: Und man kann ja auch am Denkmal eines Menschen rütteln, den man, wie ich im Fall Dutschke, sympathisch findet. Ich habe es, und das meine ich nicht frei von Ironie, fast als Ehre empfunden, Rudi Dutschke in seinen verschiedenen Wahrnehmungen zu verkörpern. Aber wir machen keine Heldengeschichte. Es war interessant, etwas zu spielen, dass in der anschließenden Interviewpassage sofort in Frage gestellt werden kann.
Wie wichtig war die Ähnlichkeit mit Dutschke? Bach: Darüber gab es schon Diskussionen, aber schließlich haben wir entschieden, dass ich versuche, dem Original so nah wie möglich zu kommen, ohne in die Falle der Karikatur zu tappen, etwa den Sprach-Duktus zu übertreiben.
Krohmer: Der Dutschke-Sound war uns wichtig. Christophs Fähigkeit, Dutschke sprachlich so genau zu treffen und seine physiognomische Nähe, haben uns aber erst recht Interpretationsspielräume geschaffen. Der Film behauptet ja nie: So war Dutschke. Die Spielebene macht eher ein Angebot, wie es hätte sein können, im öffentlichen Leben und im Privaten. Dem darf im Film aber gleich widersprochen werden.
Bach: In den privateren Momenten musste ich natürlich intuitiver vorgehen und mehr in eine Interpretation gehen. Krohmer: Gerade dadurch wird man der Figur erst gerecht. Ich glaube, Dutschke hätte es zu schätzen gewusst, dass wir nur einen Versuch machen, ihn zu beschreiben, statt das Modell einer abschließenden Wahrheit vorzuschlagen. Eins-zu-eins-Abbildungen hätte er als dogmatisch empfunden.
Was gibt uns ein Film über einen Antikapitalisten wie Dutschke in einer Zeit, da der Kapitalismus tief in der Krise steckt?
Krohmer: Ich habe keinen Message-Film gemacht, weil ich keine Message habe. Aber Rudi hatte eine große Glaubwürdigkeit, weil er das, was er gepredigt, gelebt hat.
Bach: Diese Integrität spricht einen auch heute noch an, seine Mischung aus Ehrlichkeit und Engagement.
Interview: Jan Freitag
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