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Medien

20. Januar 2013

ZDF-Nachtschicht: Einer dreht immer am Rad

 Von Martina Ribbert
Bankchef Petry (Ben Becker, l.) und Kommissar Erichsen (Armin Rohde, M.). Foto: ZDF

Mit "Geld regiert die Welt" bringt das ZDF am Montag eine spannende „Nachtschicht“-Folge, die sich zwar weit von der Krimireihe entfernt, aber mit sorgfältig besetzten Charakteren glänzt.

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Das Leben von Sparkassendirektor Roland Petry ist so echt wie die Liebe auf der Reeperbahn. Hinter der schillernden neureichen Kulisse – der Limousine vor dem Architekten-Bungalow, der exzentrischen Ehefrau am iPhone – gilt nur der Grundsatz, den Lars Becker zum Titel seiner neuen „Nachtschicht“ gemacht hat: Geld regiert die Welt.

Leider hat Roland (Ben Becker) erheblich weniger davon, als er seinen Schulfreunden auf den regelmäßigen Spritztouren durch St. Pauli weismachen will. Aber auch die anderen sind nicht ganz ehrlich zueinander: Der milieubekannte Kiez-Anwalt Boris Quante (Alexander Held) hat mit Rocker Rudi Mabuse einen Schuldeneintreiber im Nacken, der beileibe nicht zimperlich ist, und Kommissar Erichsen kämpft insgeheim mit dem Burnout. Wie immer endet die Sause im Puff. Und wie so oft kippt sich Erichsen (Armin Rohde) bis zum Filmriss Schnaps hinter die Beamten-Binde. Am nächsten Tag wird Quante tot in der Tiefgarage gefunden.

Der Zuschauer weiß mehr

Der Zuschauer weiß schon, was die Nachtschicht-Ermittler erst in mühsamer Kleinarbeit herausfinden müssen: Nicht der Inkasso-Rocker (großartig: Aljoscha Stadelmann), sondern ein schießwütiger Ex-Klient des Rechtsanwalts (Alexander Scheer) war der kaltblütige Schütze.

Als Banker Roland ausgerechnet auf die Idee kommt, diesen Psycho für einen fingierten Bankraub anzuheuern, der seine Geldprobleme lösen soll, entsteht eine klassische Suspense-Situation: Der Zuschauer hört die Zeitbombe unter Boris’ Kartenhaus bereits laut und vernehmlich ticken, während der bauernschlaue Filialleiter noch das trügerische Gefühl hat, seinen perfekten Plan mindestens so schlau konstruiert zu haben wie George Clooney in „Ocean’s Eleven“. Dass bis zum Schluss offen bleibt, wer Recht behält, macht das Schauvergnügen dieser Episode maßgeblich aus.

Bei genauerem Hinsehen entsteht freilich die vergnügliche Spannung oft nur aus einer mutwilligen Verwirrung, die der Autor Becker mit seinem überbordend großen Personal relativ leicht stiften kann. Ob der entfesselte Bürger Roland oder Rolands frustrierte Ehefrau (irrlichtig wie immer: Sophie Rois), ob der Ex-Knacki mit der Knarre oder der Inkasso-Rocker mit den fettigen Haaren: Irgendeiner dreht immer gerade am Rad.

Bis in die kleinsten Rollen hinein besetzt der Regisseur Lars Becker seinen Film mit großer Sorgfalt. So können unter dem Schirm des großen Spannungsbogens immer mal wieder auch kleine Miniaturen entstehen, die auf den Punkt erzählt sind und für sich stehen. In der Makrostruktur hat „Geld regiert die Welt“ aber doch einige Schwächen, die wohl weniger den Kreativen als den strategischen Entscheidungen des ZDF anzukreiden sind, aber hier nicht unerwähnt bleiben dürfen: Als die Reihe 2003 mit der Folge „Amok“ begründet wurde, hieß sie ja nicht umsonst „Nachtschicht“.

Das Team um den Instinkt-Bullen Erichsen und die kopfgesteuerte Polizeipsychologin (damals noch Katharina Böhm) arbeitete von Sonnenuntergang bis zum Morgengrauen und musste als Einheit des „Kriminaldauerdienstes“ gleich mehrere Delikte gleichzeitig im Blick behalten. Der Ehrgeiz, den Kollegen der Frühschicht alle Fälle erledigt übergeben zu können, motivierte innerhalb der Handlung den Dauerstress des Teams; für den Zuschauer war die Einheit der Zeit, an die unten am Bildrand mit eingeblendeten Uhrzeit immer mal wieder erinnert wurde, ein wichtiges erzählerisches Stilmittel. Beckers hektischer und dunkler Inszenierungsstil widerspricht freilich fundamental den Grundregeln des Quotenfernsehen, möglichst hell und überschaubar zu erzählen.

Vom Team zum Starensemble

Und so hat sich die „Nachtschicht“ immer weiter von ihren Ursprüngen entfernt: Das eingeschworene Team hat sich zugunsten eines Starensembles aufgelöst, längst ist die „Nachtschicht“ Armin Rohdes Revier, in dem Barbara Auer noch zeigen darf, dass sie als Teamleiterin mehr kann als gestreng die Augenbraue hochziehen. Aus den diversen parallel verfolgten Fällen wurden Geschichten, die sich eindeutig in Haupt- und Nebenplot auffächern lassen, aus dem teuren Nachtdreh wurden ein paar wenige Szenen, die nach Einbruch der Dunkelheit spielen. Wenn nun in „Geld regiert die Welt“ ab und zu mal eine Zeitangabe auftaucht, fragt sich der Zuschauer leider nur noch irritiert, was das soll.

Nachtschicht: Geld regiert die Welt, 20.15 Uhr, ZDF

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