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ZDF.reporter: Weg von der Straße

In Mainz tut sich etwas: Die "ZDF.reporter" finden zu ihrer alten guten Form zurück: Das Kontroletti-Fernsehen mit Blaulicht und Autobahnraserei scheint passé. Von Daniel Bouhs

Der Moderator der Sendung ZDF.Reporter, Norbert Lehmann.
Der Moderator der Sendung ZDF.Reporter, Norbert Lehmann.
Foto: Mathias Wohlrab/ZDF

Lange sind die "ZDF.reporter" gescholten worden. Sie hätten nur noch auf Blaulicht-Beiträge gesetzt, sich in die Niederungen des Boulevard und Trash-Fernsehens begeben und so als eine beschämend unprofessionelle Konkurrenz zu den Privatsendern aufgestellt. Jetzt jubilieren sie auf dem Lerchenberg. In der Redaktion heißt es: "Endlich sitzen wir nicht mehr in Polizeiautos und sind nur noch auf Autobahnen unterwegs!"

Schon im März hat die Mainzer Redaktion ein Sinneswandel getroffen: Das von den Privaten geprägte Kontroletti-Fernsehen, in dem sich Reporter ebenso bequem wie sensationslüstern an die Fersen von Drogenfahndern, Zöllnern und Gerichtsvollziehern heften, scheint passé. Bloß hat von dieser guten Entwicklung bislang keiner Notiz genommen. Schade eigentlich, denn die "ZDF.reporter", die seit 2001 wöchentlich auf Sendung sind, kehren damit zu ihrer alten und damit zu ihrer guten Form zurück.

Heraus kommt eine Sendung wie sie heute Abend zu sehen ist, ein wahrer Glanzpunkt in der Geschichte der Mainzer Reportage-Reihe. Die Reporter fragen, wie gerecht es eigentlich in Deutschland vor der Bundestagswahl zugeht. Statt den Zuschauern mit den immer gleichen Kleinkriminellen und Rasern auf die Nerven zu gehen, zeigt einer der Reporter, wie ungleich die Einkommen verteilt sind, wie sich die Gehaltsschere geweitet hat.

Gerechtigkeit im Selbstversuch

Erst erkundigt sich der Wagemutige bei den Reichen auf Sylt, wie die es denn finden, dass Menschen für drei Euro die Stunde schuften müssen und fängt sich bei seinem zunächst unspektakulär erscheinenden Auftritt Antworten wie diese ein: "Man hört das so, aber ich zweifle daran." Und dann malocht der Journalist selbst mit versteckter Kamera in einem Sortierlager für Leergut, spürt den Druck des Akkords, in dem ihn Kollegen anmaulen, weil seine Langsamkeit alle trifft.

Statt auf Autobahnen sind die "ZDF.reporter" auch im bekanntlich längst nicht minder ungerechten Gesundheitswesen unterwegs. Sie selbst versuchen, möglichst schnell Termine bei Ärzten zu ergattern, damit die ihre akuten Rückenschmerzen lindern. Das ganze mal als Kassen- und mal als Privatpatient. Die - wie zu erwarten - erdrückenden Erkenntnisse diskutieren die beiden angenehm unaufgeregt mit einem Chefarzt.

Eine Reporterin begleitet zudem den Verkauf eines kurz vor der Pleite stehenden Unternehmens, einem Krisenopfer. Sie zeigt die betrübten Arbeiter. Aber überraschend offen auch die angereisten Berater und Anwälte der neuen Eigentümer, die "über die Menschen fünf Minuten reden, über Maschinenwerte aber drei Stunden".

Einblicke, die zeigen, wie wenig gerecht es in unserer Republik zugeht. Und ein Format, das an seine ersten Ausgaben vor acht Jahren erinnert. Damals waren die "ZDF.reporter" tatsächlich etwas Neues - und Sehenswertes. Das ist jetzt wieder so. Fragt man Norbert Lehmann, der die Sendung leitet und moderiert, warum sich sein Magazin so gewandelt hat und vor allem auf Blaulicht verzichtet, sagt er: "Die Zuschauer empfinden eine deutliche Übersättigung durch Beiträge dieser Art."

Ist vom Blaulicht die Rede, spricht Lehmann auch lieber von

"Spannungs-Reportagen", denen man nicht die Relevanz absprechen dürfe. Immerhin berührten sie "wichtige Teile der Lebenswirklichkeit" seines Publikums. Und dennoch setzten die "ZDF.reporter" in einem ersten Schritt seit dem vergangenen Jahr seltener auf Falschfahrer und Dealer: Lehmann sagt, seine Redaktion versuche, sich seitdem als "Anwalt des Zuschauers" zu verstehen - und decke dafür "Abzocke"-Maschen auf. Ein Metier, in dem sich freilich ebenso gerne halbstarke Privatsender-Reporter tummeln und Betreibern von Kaffeefahrten wie säumigen Ebay-Aktionären nachstellen.

Doch auch damit ist es jetzt weitgehend vorbei. Denn "angesichts der dramatischen Wirtschaftskrise und eines Jahres voller wichtiger politischer und zeitgeschichtlicher Ereignisse" habe sich die Redaktion laut Lehmann entschlossen, ihre Sendung "fast ausschließlich auf soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklungen in Deutschland zu fokussieren". Endlich.

ZDF.reporter, ZDF, 21 Uhr.

Autor:  Daniel Bouhs
Datum:  23 | 9 | 2009
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