Das Plagiat sieht dem Original zum Verwechseln ähnlich - es ist nur wesentlich dünner und etwas kleiner: Die Globalisierungskritiker vom Netzwerk Attac haben am Samstag 150 000 gefälschte Exemplare der Wochenzeitung Die Zeit in Umlauf gebracht. Aktivisten drückten Passanten die Ausgaben in die Hand: in mehr als 90 Städten, sagt Attac, darunter auch Frankfurt am Main.
Die Aktion erinnert an die Fälschung der New York Times, die von der amerikanischen Gruppe "The Yes-Men" im November vergangenen Jahres auf dem Times Square verteilt wurde. Damals machten die Aktivisten ihr ebenfalls auf den ersten Blick verblüffend professionelles Plagiat mit der Schlagzeile "Irak-Krieg beendet" auf und meldeten außerdem die Schließung des US-Gefangenenlagers in Guantánamo.
Die Attac-Fälschung kommt ebenso fiktiv daher. Unter der Schlagzeile "Am Ende des Tunnels" malen die Globalisierungsgegner - datiert auf den 1. Mai 2010 und mit einem Verkaufspreis von "weltweit 0 Euro" - das Bild einer internationalen Staatengemeinschaft nach ihren Vorstellungen. So heißt es auf dem Titel: "Klimasünder werden zur Kasse gebeten, Finanzmarktregulierungen greifen, globale Strukturen werden neu gestaltet."
Layout wie Stil gleichen in Perfektion dem Original. Im Innenteil schreiben Attac-Leute und Vertreter anderer kritischer Verbände wie vom Verein Lobby-Control Sätze wie diesen: "Gesetzespaket soll Einfluss von Lobbyisten beschränken und Demokratie fördern."
Im Editorial schreibt jemand, der sich Matthias Trocken nennt und damit den stellvertretenden Chefredakteur der echten Zeit, Matthias Naß, persifliert: "Wir haben uns doch mehr als Teil der Macht verstanden denn als ihr kritischer Gegenpart. (...) Unsere Aufgabe als Journalist besteht nicht darin, mit am Tisch zu sitzen, sondern zu berichten und kritische Fragen zu stellen."
Beim Original gaben sie sich an diesem Wochenende gelassen. Zwar meldete das ZDF, Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sei "völlig überrascht und leicht schockiert", wie er dem Sender am Morgen in einer ersten Reaktion gesagt haben soll. Er ließ sich aber bald wie folgt zitieren: "Eine Fälschung der Zeit, print wie online, können wir natürlich niemals billigen. Insbesondere nicht in dieser guten Qualität" - Anerkennung von den Machern des Originals.
Dass Attac gerade Die Zeit ausgesucht habe, verwundere nicht, sagte di Lorenzo: "Schließlich gibt es keine größere überregionale Qualitätszeitung." Tatsächlich ist die Zeit mit inzwischen mehr als einer halben Millionen Exemplaren hierzulande Spitzenreiter unter den so genannten Qualitätszeitungen, abseits von Blättern wie Bild.
Ein weiterer Kopf aus dem Hamburger Zeit-Verlag äußerte sich prompt: Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online. Auch sein Produkt wurde minutiös gefälscht: Auf www.die-zeit.net startete Attac am Samstag gleich ein zweites Plagiat, das dem Vorbild ebenfalls bis ins Detail glich. In seinem Weblog schrieb Blau: "Wir sind beeindruckt von der Qualität der Kopien." Zum indirekten Vorwurf Attacs, die Zeit-Macher seien Teil der Mächtigen, äußerte er sich nicht, aber zur grundsätzlichen Haltung der Zeit: Man hoffe, "dass die globale Finanzkrise zum Entstehen einer nachhaltig orientierten, umweltfreundlicheren Marktwirtschaft führen kann".
Da sehen sich Original wie Plagiat also auf einem Kurs. Und immerhin: Die Zeit will nach Angaben einer Sprecherin auf rechtliche Schritte gegen Attac verzichten. So werden also Wolfgang Blau und Giovanni di Lorenzo zusehen, wie heute weitere knapp 100 000 Exemplare an den Mann gehen werden: Die Fälschung soll der alternativen taz beiliegen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.