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Medien

09. September 2014

Zeitungskrise: Entschleunigt in die Zukunft

 Von Fedor Besseler
"Kontext"-Redakteurin Anna Hunger.  Foto: Eric Vazzoler / Zeitenspiegel / Kontext

Interessieren sich Online-Leser auch für lange Texte? Und kann man in diesen Jahren ernsthaft eine Zeitung gründen, die in elektronischer und gedruckter Form vorliegt? Anna Hunger von der Stuttgarter Wochenzeitung „Kontext“ über kritischen und puristischen Journalismus und die Grenzen der Selbstausbeutung..

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Viele Zeitungen schrumpfen oder melden Insolvenz an. Einige Stuttgarter Journalisten hingegen wagten 2011 – als die Konflikte um das Bauprojekt Stuttgart 21 eskalierten – den Versuch, eine Zeitung auf Spendenbasis zu gründen. Die „Kontext Wochenzeitung“ erscheint seitdem wöchentlich kostenlos, gedruckt und online. Die Printversion liegt samstags der „tageszeitung“ bei. Gerade einmal sechs feste Redakteure beschäftigt die „Kontext“. Blattmacherin Anna Hunger ist eine von ihnen.

Frau Hunger, der Sender Arte zeigte kürzlich die Dokumentation „Journalismus von Morgen – Die virtuelle Feder“. Darin wird das Ende des Journalismus auf 2030 datiert. Bereits 2011 – im Jahr der Gründung von „Kontext“ – galt die Branche als höchst krisenhaft. Wie finanziert sich eine Zeitung wie „Kontext“?

Wir haben zwei Säulen, die uns tragen. Zum einen bekommen wir jeden Monat eine Lizenzgebühr von der „taz“. Wir sind ja bundesweit jeden Samstag mit vier Seiten in der „taz am Wochenende“. Und dann haben wir einen großen Kreis an Spendern, die uns unterstützen. Die haben offenbar soviel Vertrauen, dass sie uns jeden Monat Geld überweisen.

Ist es möglich eine Zeitung, die kostenlos erscheint, ohne Selbstausbeutung zu betreiben?

Mein Gehalt ist jetzt nicht super üppig, aber es reicht mir. Ich weiß nicht, ob ich das „selbstausbeuterisch“ nennen würde. Aber vor allem ist das kein Projekt, das jemand irgendwie so nebenher macht – „Kontext“ ist ein Herzensprojekt.

Zur Person

Anna Hunger, 1980 in Böblingen geboren, hat in Konstanz, Berlin, Tübingen studiert. Seit 2011 ist sie Journalistin in Stuttgart, wo sie zur kleinen „Kontext“-Redaktion gehört.

„Kontext“ wurde im April 2011 gegründet. Nach einem Jahr war es finanziell so eng, dass es heute auf der Internetseite heißt, man sei damals dem Totengräber von der Schippe gesprungen. Nach mehr als drei Jahren ist „Kontext“ immerhin noch da.

Man spricht ja auch von „selbstgewähltem Prekariat“.

Ich kenne viele Kollegen, darunter sind auch einige Freie Journalisten, und ich weiß, dass es ein Kampf ist. Ich würde schon sagen, Journalismus ist generell nicht gut bezahlt. Wenn man nicht voll dahintersteht, dann geht es nicht. Aber ich sehe den Journalismus eben auch als demokratische Pflicht.

Sie sagen „demokratische Pflicht“, damit sprechen Sie eine politische Aufgabe an. „Kontext“ hat sich als Reaktion auf das Großprojekt Stuttgart 21 gegründet. Wie ist das Verhältnis der „Kontext“ zu S21?

Die Zeitung ist entstanden aus einer Unzufriedenheit mit den vorhandenen Medien. Natürlich hängt das auch mit S21 zusammen. Ein Großteil der Menschen sagte, „wir wollen dieses Projekt nicht“, und die beiden Stuttgarter Zeitungen haben sich nur sehr einseitig damit befasst. Aber keine Bange: Ich habe von Seiten der Protestbewegung auch schon schwere Kritik einstecken müssen. Richtig ist hingegen auch, dass wir von S21-Gegnern gerne gelesen werden. Wir bekommen auch Spenden aus diesen Reihen. Aber es ist nicht so, dass wir uns da anbiedern würden. Ich persönlich möchte nicht zu viel über S21 bringen. Ich sage dann: „So, jetzt ist echt genug! So viel braucht man nicht!“

Ihre Arbeit wird anstrengend sein, nicht zuletzt wegen des einen oder anderen Verfahrens gegen Sie.

Also beispielsweise das Pressehaus Stuttgart hat uns angezeigt, weil wir deren Berichterstattung kritisiert haben. Einer meiner Dozenten in der Ausbildung sagte einmal zu mir: „Wenn du nie verklagt wirst, dann hast du was falsch gemacht.“

Der Kampf gegen Goliath bereitet Ihnen also Freude?

Ja! Und es ist auch notwendig, nicht klein beizugeben. Da verteidigt man ein Stück Pressefreiheit. Wir machen das ja auch für Andere. Die „Stuttgarter Zeitung“ hatte Ärger mit der Bahn, weil sie geschrieben hat, dass S21 erst er im Jahr 2022 fertig wird. Da sind dann wir für die Kollegen in die Bresche gesprungen. Weil auch wenig geschrieben wird aus dem Innenleben dieser Medienlandschaft.

Sie sprechen damit journalistische Standards an. Was denken Sie über die Objektivität?

Natürlich muss man bedacht sein, Objektivität zu bewahren. Andererseits gibt es diese Objektivität so gar nicht. Jeder hat eine Haltung, eine Meinung zu einem bestimmten Thema. Wir beleuchten die Dinge aber immer von allen Seiten. Nur manchmal muss man Meinungen eben auch zulassen. Wenn ich über Nazis schreibe, sage ich ja auch, die sind blöd.

Die Dokumentation „Journalismus von Morgen“ zeichnet ein futuristisches Bild des Journalismus, der in schnelllebigen Blogger-Communities fortbesteht. Das Konzept der „Kontext“ – Stichworte sind „lange Texte“, „Kontextualisierung“, „kritischer Journalismus“ – wirkt da geradezu archaisch. Wie bringt man Zeitung und intensive Recherche zusammen?

Heute gehen wir davon aus, dass lange Texte im Netz nicht gelesen werden. Das ist nach unserer Erfahrung nicht so. Wir bemühen uns zwar um Kürze, aber manche Texte sind schon sehr lang. Diese Artikel werden aber gelesen und auch goutiert. Was den kritischen Journalismus angeht: Wenn Journalismus keinen politischen oder gesellschaftlichen Background hat, dann läuft was falsch! Die Menschen können nicht von der reinen Nachricht leben. Man braucht immer auch einen Kontext. Wenn es heißt, „Heckler & Koch exportiert Waffen“, dann ist das die eine Sache. Wie das funktioniert und in welchem Zusammenhang das steht, ist eine andere. Vielleicht ist die „Kontext“ in dieser Hinsicht ein Zukunftsmodell, denn manchmal braucht man einfach Platz um Dinge zu erklären. Schauen Sie sich an, was die „Krautreporter“ uns jetzt nachmachen. In dieser hektischen Zeit mit blinkender Werbung und Singlebörsen wirkt das entschleunigend. Weil es den Menschen zu viel wird. Eigentlich ist die „Kontext“ sehr puristisch.

Interview: Fedor Besseler

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