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Medien

20. November 2012

Zeitungssterben: Ende für Financial Times Deutschland?

 Von Thomas Schuler und Ralf Mielke
Im Verlag Gruner + Jahr stehen die Zeichen auf Sturm.Foto: dapd

Gruner + Jahr will die Financial Times Deutschland einstellen. Die Wirtschaftsmagazine Impulse und Börse Online sollen verkauft werden. Wie viele der 350 Arbeitsplätze im Bereich der G+J-Wirtschaftsmedien verloren gehen, wurde noch nicht bekannt.

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Gruner + Jahr will die Financial Times Deutschland einstellen. Die Wirtschaftsmagazine Impulse und Börse Online sollen verkauft werden. Wie viele der 350 Arbeitsplätze im Bereich der G+J-Wirtschaftsmedien verloren gehen, wurde noch nicht bekannt.

Das Ende der Financial Times Deutschland rückt ein Stück näher: Der Vorstand des Verlags Gruner + Jahr (G+J), der die Wirtschaftszeitung herausgibt, hat sich am Dienstag für die Einstellung des Blattes ausgesprochen. Das berichtet die FAZ und bezieht sich dabei auf eine Beschlussvorlage, die der G+J-Vorstand in die Aufsichtsratssitzung am Mittwoch einbringen will. Demnach sollen die Wirtschaftsmagazine Impulse und Börse Online verkauft werden. Festhalten will Gruner + Jahr dem Bericht zufolge an dem Traditionsblatt Capital, dessen Redaktion allerdings von Hamburg nach Berlin ziehen soll.

Wie viele der 350 Arbeitsplätze im Bereich der G+J-Wirtschaftsmedien verloren gehen, wurde noch nicht bekannt. Auch eine offizielle Bestätigung des Verlages steht noch aus. Der G+J-Aufsichtsrat muss dem Vorstandsbeschluss ebenso noch zustimmen wie der Aufsichtsrat des G+J-Mehrheitseigners Bertelsmann. Dessen Mitglieder tagen am 30. November.

Was will die Familie Jahr?

Während die Meldung vom bevorstehenden Ende der FTD am Dienstagnachmittag schnell die Runde machte, werden manche Nachrichten über wichtige Weichenstellungen einfach übersehen: So geschehen mit einer Meldung des Hamburger Mediendienstes Media Tribune, der am 8. November berichtete, die Jahr-Holding befinde sich nun „fast vollständig“ im Besitz der dritten Generation der Familie. Michael Jahr (74) und Angelika Jahr-Stilcken (71), die beiden noch lebenden Kinder des Verlagsgründers John Jahr senior (1900 bis 1991), haben ihren Kindern demnach den größten Teil ihres Firmenvermögens übertragen und halten nur noch ein Prozent (vorher 20 Prozent) an der Familienholding. Die Anteile ihrer beiden 2006 verstorbenen Brüder Alexander und John Jahr werden schon seitdem von deren Erben gehalten.

Warum ist das in diesem Zusammenhang wichtig? Seit Monaten werden viele Details aus dem Verlag Gruner + Jahr, einem der größten Zeitschriftenverlage Europas (Stern, Brigitte, Geo, Financial Times Deutschland), berichtet und es geht dabei fast immer um die Frage, wie viel verlegerischen und journalistischen Anspruch die Familie Jahr noch hat. Mit dem fast völligen Abschied von ihren Wirtschaftstiteln, der sich nun abzeichnet, scheint er mehr und mehr zu bröckeln. Die Jahrs verfügen durch ihren 25,1-prozentigen Anteil über ein Vetorecht gegenüber Bertelsmann mit seinen 74,9 Prozent. Stellt sich die Frage: Werden die Jahrs daran festhalten oder ihren Verlagsanteil vielleicht doch irgendwann an Bertelsmann verkaufen? Neun Monate haben die Familie und Bertelsmann bis Oktober darüber verhandelt, ohne dass sie sich über den Kaufpreis einigen konnten.

Heute treffen die Vertreter der Eigentümer im Aufsichtsrat aufeinander – um das Ende der Financial Times zu beschließen? Viel spricht dafür. Allein die FTD hat seit dem Start vor mehr als elf Jahren rund 250 Millionen Euro Verlust gemacht. Im G+J-Aufsichtsrat ist Bertelsmannchef Thomas Rabe, der lieber in den Wachstumsregionen China, Brasilien und den USA investiert als in Europa, der Vorsitzende. Als sein Stellvertreter sitzt Winfried Steeger in dem Gremium, der als Geschäftsführer der Jahr-Holding die Interessen der vier Stämme der Familie Jahr bündelt. Im Hause gilt er als jemand, der schlicht ein Portfolio betreuen soll – also nur am Gewinn der Familieninvestitionen (dazu gehören auch Casinos und Immobilien) interessiert sei. Auch Angelika Jahr entscheidet mit. Sie hat einst den Zeitschriftenbereich Living mit aufgebaut und fungierte als Chefredakteurin. Bis 2008 arbeitete sie im Vorstand; seitdem bewahrt sie die Familientradition im Aufsichtsrat.

Sie war gestern laut ihrem Büro nicht erreichbar, um die angeblich Anfang November vollzogene Schenkung von ihr und ihrem Bruder zu bestätigen oder zu dementieren. Die Richtigkeit der Meldung vorausgesetzt, überrascht der Zeitpunkt, denn kurz davor haben die Jahrs das Angebot von Bertelsmann endgültig abgelehnt. Das wirkte so, als hätte sich die verlegerische Familientradition mit einem Veto durchgesetzt.

Angeblich zahlt Bertelsmann zu wenig

Aus inhaltlichen Gründen war dem Vernehmen nach vor allem Angelika Jahr dagegen, weil sie nicht als Verräterin gelten wollte, die Anteile des traditionsreichen Qualitätsverlags Gruner + Jahr etwa gegen das anspruchslose RTL tauscht. Andere Erben, so heißt es in Hamburg, lehnten das Angebot schlicht deswegen ab, weil Bertelsmann zu wenig zahlen wollte.

Warum also übertragen sie und ihr Bruder gerade jetzt ihre Anteile? Ist es ein Zeichen, dass endgültig eine neue Generation des Verlags leitet? Dass künftig kühler Finanzverstand über das Portfolio bestimmt und nicht der verlegerische Anspruch? Zwar haben sie ihren Einfluss nicht ganz aufgegeben; viel zu melden haben sie aber mit einem Ein-Prozent-Prozent-Anteil nicht mehr.

Angelika Jahr ist eine journalistische Autorität bei Gruner + Jahr und sie hat sich diese Position erarbeitet. Die 71-Jährige absolvierte ein Volontariat bei der Welt. Sie arbeitete in den USA bei Glamour, Vogue und Time Magazine und stieg in den väterlichen Verlag als stellvertretende Chefredakteurin von Petra und Schöner Wohnen ein. 1972 entwickelte sie mit Essen & Trinken das erste Magazin dieser Art in Deutschland. 1988 übernahm sie die Chefredaktion von Schöner Wohnen, fungierte als Herausgeberin weiterer Titel und leitete schließlich bis 2008 acht Hochglanztitel in der Verlagsgruppe Living.

Der Wert des Verlages sinkt

Als sie im April 2008 vom Vorstand in den Aufsichtsrat rückte, sagte sie bei einer Feier vor 700 Gästen über das Verhältnis ihrer Familie zum Verlag: „Der Jahr-Clan wächst und er hält zusammen wie Pech und Schwefel. Und wenn es wirklich einmal so weit kommen sollte mit dem Verkauf, dann werden wir zu Gruner + Jahr stehen, denn wie ich schon sagte, es ist Liebe und dies ist ein Versprechen.“ Gilt es viereinhalb Jahre später noch?

Der Wert des Verlags sinkt, Gruner + Jahr verliert gegenüber Burda, Springer und Bauer Marktanteile. Stern, Brigitte und andere Marken hinken digital hinterher, weil die Gesellschafter in den vergangenen zehn Jahren kaum mehr investiert haben. Vor allem Bertelsmann drängte G+J, jährlich im Schnitt 200 Millionen Euro auszuzahlen, um Schulden zu begleichen. Das ergibt eine Milliardensumme, die hätte investiert werden müssen.

Der Verlag G+J verliert angeblich jährlich rund 200 Millionen Euro an Wert, zitierte das Manager Magazin aus einer Banken-Analyse. Innerhalb von zehn Jahren sei der Wert von 3,5 auf 2,5 Milliarden Euro gesunken. Die zweite Erben-Generation der Familie Jahr arbeitet nicht mehr im Verlag und hat kaum Interesse am Journalismus. Der ehemalige Geschäftsführer der Jahr-Holding, Burkhard Schmidt, der im Interesse der Familie jahrelang einen harten Kurs gegen Bertelsmann fuhr, wurde 2011 ausgetauscht gegen Winfried Steeger, der sich gut mit Rabe versteht.

Unter den Mitarbeitern herrscht Unsicherheit. Der Chefredakteur der Financial Times Deutschland, Steffen Klusmann, schrieb am Dienstag „in eigener Sache“ seinen Lesern: „Sie haben möglicherweise in den vergangenen Tagen Meldungen in anderen Medien gelesen, wonach der Financial Times Deutschland das Aus droht. Richtig ist: Unser Verlag Gruner + Jahr prüft angesichts der Verluste, die diese Zeitung schreibt, verschiedene Optionen. Wir erwarten eine Entscheidung dazu in den kommenden Tagen.“

Es könnte aber noch viel schneller zu Ende gehen.

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