Wie berichtet das Staatsfernsehen, wenn es um Ereignisse in China geht? Wird da zensiert?
Natürlich! Nur wie stark, das kommt sehr aufs Thema an. Ich war da, als die Chinesen zum ersten Mal ein Weltraummodul gestartet haben. Da waren sie sehr stolz drauf, die Regierung wollte das in den Medien zelebrieren – da wurde breit berichtet und wenig zensiert. Man will zu solchen Anlässen das Bild eines modernen, weltoffenen Chinas vermitteln, in dem jeder seine Meinung sagen darf. Das wird immer dann schwierig, wenn es um negative Ereignisse geht. Da gab es zum Beispiel einen Crash zweier Hochgeschwindigkeitszüge, bei dem viele Menschen verletzt und einige getötet wurden. Da wurde stark zensiert und dann in einer Art berichtet, dass man andere Unglücke als Vergleich heranzog, etwa den ICE-Unfall von Eschede, bei dem über hundert Leute starben. Da wurde dann gesagt: Schaut mal, in Deutschland starben bei einem ähnlichen Unglück viel mehr Menschen – so versucht man Ereignisse, die man nicht vollkommen wegzensieren kann, herunterzuspielen.
Man sagt, es gebe in China die drei großen „T“, die tabu sind: Tiananmen, Tibet und Taiwan.
Das mit den drei „T“ stimmt wirklich. Man darf niemals den Dalai Lama im Bild zeigen. Das Massaker von Tiananmen 1989 ist absolut tabu, manche der jungen Journalisten haben noch nie davon gehört, ich habe ihnen dann davon erzählt. Und als der amerikanische Vizepräsident Peking besuchte und klar war, dass die USA in Zukunft Kampfjets an Taiwan verkaufen würden, da wurde Taiwan heftig kritisiert, man würde sich jetzt in die Arme des Westens begeben. Man muss aber insgesamt sagen, dass die Zensur doch sehr clever daherkommt – das ist keine plumpe Propaganda, sondern eher subtil. Das ist teilweise schon recht überzeugend gemacht.
Wie funktioniert die Zensur genau, muss da jeder Text, jeder Beitrag vorab abgenommen werden? Wie funktioniert die Zensur genau? Wird jeder Text, jeder Beitrag vorab abgenommen?
Jede Formulierung, jedes Wort wird kontrolliert. Das Augenfälligste war, dass die Zensoren sich selbst nicht zu erkennen geben, aber leicht zu erkennen waren: Für das Magazin arbeiten überwiegend sehr junge Journalisten, die so um die 30 sind. Die Zensoren aber waren um die 60, teilweise über 70. Auch die Themen selbst werden von ihnen festgelegt. Überraschend war für mich vor allem, dass in der morgendlichen Redaktionssitzung gar keine Diskussionen aufkamen. Das war keine Besprechung, sondern eher ein Rapport: Der Chefredakteur verkündete, was gemacht wird und wie die Themen aufzubereiten seien. Da wurde offensichtlich schon vorher die offizielle Linie festgemacht. Manchmal verschwinden Themen auch nach einigen Tagen einfach wieder, obwohl sie durchaus noch aktuell sind – da haben die Zensoren offenbar gesagt, dass es besser sei, nicht mehr darüber zu berichten.
Wie gehen die chinesischen Journalisten mit der offiziellen Propaganda um?
Die meisten von ihnen wissen genau, wie man die Internetsperren umgeht und lesen bevorzugt westliche Medien. Sie stehen dem Regime teilweise sehr kritisch gegenüber. Für mich hängt die Zukunft der Zensur deshalb vor allem davon ab: Wie kriegt das Regime das Internet in den Griff? Gelingt es, das Internet so stark zu zensieren wie die Medien, also CCTV? Das bezweifle ich. Insofern glaube ich nicht, dass die Zensur in einigen Jahren noch so streng sein kann wie sie heute ist.
Das Interview führte Michael G. Meyer.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.