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Medien

12. Juni 2014

Zum Tode des FAZ-Mitherausgebers: Frank Schirrmacher, der Enthusiast

 Von 
FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher im September 2013 bei der Trauerfeier für den verstorbenen Literaturkritiker Reich-Ranicki in Frankfurt, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Am 12. Juni 2014 starb Schirrmacher im Alter von 54 Jahren an einem Herzinfarkt.  Foto: dpa

Der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, ist tot. Er starb mit 54 an den Folgen eines Herzinfarkts. Als Feuilletonchef und Bestsellerautor prägte er zahlreiche intellektuelle Debatten. Ein Nachruf.

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Er sei, so heißt es, „überraschend gestorben“. Alles andere wäre eine wirkliche Überraschung. Der 1959 in Wiesbaden geborene Frank Schirrmacher mag Überraschungen nicht so sehr geliebt haben, aber er liebte es zu überraschen. Den Leser, das Gegenüber, die Redaktion. Er war keiner, auf den man bauen konnte. Hatte er eine Fronde mit aufgebaut, war er fähig, sie von einem auf den anderen Tag zu verlassen. Es war sicher kein Vergnügen, ihn zum Vorgesetzten zu haben. Aber es war eines der schönsten Vergnügen des in einem weit entfernten Sessel sitzenden Lesers, Schirrmacher bei seinen Kapriolen zu beobachten.

Er liebte Rollenspiele. Ob er jetzt noch seine FAZ-Rolle so liebte wie er es 1989 als Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki auf dem Stuhl des Literaturchefs tat? Oder gar wie 1994, als er Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde? Er langweilte sich schnell. Aber er war auch fähig, stundenlange Sitzungen zu ertragen. In der Kunst der über Monate ausgesponnenen Intrige, hört man, von denen, die es wissen müssen, von Intriganten also, sei er ein Meister gewesen. Das spricht für Sitzfleisch, für die Fähigkeit sehr lange gar nichts zu tun, um im richtigen Moment zuschnappen zu können.

Seine Quirligkeit ist nicht zu begreifen ohne sein ausgeprägtes Gespür für die Trägheit des Bestehenden. Und seine Bereitschaft dieser Trägheit nachzugeben, ja sich zu ihrem Sprecher zu machen. Er war schon, als er gerade mal Mitte dreißig war, gut darin, den Kohl zu geben. Am Kanzler studierte er, wie Macht funktioniert. Er tat das mit vollem Körpereinsatz. Schirrmacher war, auch darin war er den meisten seiner Kollegen in den Redaktionen weit überlegen, eine mimetische Intelligenz. Er lernte, indem er die Haltung dessen einnahm, von dem er etwas lernen wollte.

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Man konnte das Anfang der Neunzigerjahre beobachten, wenn er in der Kantine des Berliner Ensembles Heiner Müller gegenüber saß und ihn so ansah, dass der sich in ihm erkannte. Saß Schirrmacher Reich-Ranicki gegenüber, geschah fast dasselbe. Weder Müller noch Reich-Ranicki waren von dem Spiegelbild, das ihnen Schirrmacher bot, entzückt. Sie spotteten gerne über ihn. In Wahrheit aber waren sie völlig wehrlos. Schirrmacher war offensichtlich so begeistert von ihnen, wie sonst nur sie selbst es waren.

Seine Begeisterung war das Schwungrad

Aber das war nicht alles. Die Begeisterung Schirrmachers war echt. Sie war das Schwungrad, mit dem er sich antrieb. Sie war das Schwungrad, mit dem er seine Leser in Bewegung setzte. Der Schirrmachersche Enthusiasmus war immer wieder ein sehr ansteckender Virus. Die Geste, mit der am 27. Juni 2000 das Feuilleton leer räumte, um die Buchstabenfolge des entschlüsselten menschlichen Genoms abzudrucken, war eine Großtat des Feuilletons. Es war die Aktion eines Künstlers, eine Performance. In diesem Augenblick war klar: Ein Feuilleton muss sich nicht aufs Wort beschränken, es kann auch demonstrieren.

Wer jemals in einer Redaktion saß, weiß, wie eifersüchtig die Ressorts ihre Plätze verteidigen. Rohrspatzen sind in Sachen Revierverteidigung Leisetreter im Vergleich zu Feuilletonisten. Die Theater-, die Musik-, die Literatur-, die Kunstkritiker – sie alle einfach bei Seite zu schieben und zu sagen: Weg mit Euch, heute ist das Genom dran und sonst nichts, das verlangt Durchsetzungskraft, ja: Willen zur Macht. Und die Lust an ihr.

Aber das ist – ich bin ins Präsenz gefallen; ich mag nicht verzichten auf ihn – nur die eine Seite Schirrmachers. Die andere ist, dass er es nicht bei dieser Geste beließ. Er blieb bei dem Thema. Er war ein paar Jahre fähig, wochenlang das Feuilleton der FAZ mit sehr speziellen Beiträgen zur Nano-Technologie zu füllen. Er tat das, weil er es wichtiger fand als den neuesten Roman, die neueste Inszenierung. Jedenfalls hatte es in seinem Kopf eine Explosion gegeben, die die Debatten um Stefan George oder Gottfried Benn, um die Bewertung der DDR-Literatur, ja die nationale Frage, die ihn doch so bewegte, zerstäubte.

Die wahre Revolution war ihm nicht mehr der Mauerfall, sondern die Umwertung aller Werte durch den Einbruch des digitalen Zeitalters. Er begriff, dass die Gesellschaft, Staat und jeder Einzelne gerade umgebaut werden. Er hat einer zunächst ungläubigen Öffentlichkeit im Feuilleton seiner Zeitung und in Büchern, die zu Bestsellern wurden, beigebracht, dass sie, während sie glaubt, das iPhone, den Computer zu nutzen, von diesem benutzt wird. Nein, so technikbeschränkt war Schirrmacher nicht. Er wusste sehr genau und er beschrieb uns ebenso exakt, dass es nicht die Geräte sind, die uns ausbeuten, sondern deren Betreiber. Jedes Mal, wenn wir etwas tun oder auch etwas nicht tun in der digitalen Welt, gibt das ein Datum, ein weiteres Mosaiksteinchen bei dem immer genauer werdenden Abbild unserer Identität im Netz.

Schirrmacher war Enthusiast. Das ist eine Spezies, vor der man flieht. Sie ist einem zu laut, zu fordernd, zu dominant. Oder aber man lässt sich – wenigstens für eine Strecke oder immer mal wieder – mitreißen vom Enthusiasten. Sieht sich an, worauf er zeigt. Liest, was er einem zu lesen empfiehlt. Probiert die Gedanken aus, die er einem einzupflanzen versucht.

Enthusiastischer als Schirrmacher war keiner im deutschen Journalismus. Er hat die Feuilletonisten, die Kulturliebhaber seit fast zwanzig Jahren immer wieder daran erinnert, dass wir verblöden, wenn wir nicht endlich kapieren, dass die in einem Handy steckende Intelligenz unser Leben nicht nur stärker beeinflusst als Boulez’ Bayreuther Ring das tat, sondern dass sie mit ebensolcher Sorgfalt beobachtet und analysiert gehört von einer ihre Aufgabe ernst nehmenden Kritik. Schirrmacher hat uns das vorgeturnt. Wir haben daneben gestanden und mal applaudiert, mal gegrinst über diesen Mann, der nur leben konnte, wenn er das Gefühl hatte, er sei dabei, wie gerade eine Epoche zu Ende geht und eine andere kommt. Wir sind kleingläubiger, kleinmütiger als er. Wir glauben oft, wir wären, nur weil wir vorsichtiger sind, klüger. Aber das ist dumm. Vorsicht allein bringt in einer unübersichtlichen Lage gar nichts.

Wir vermissen ihn jetzt schon

Ganz abgesehen davon, dass Vorsicht und Wahn einander nicht ausschließen. Frank Schirrmacher hat uns das gezeigt. Fotos haben den Kohljünger gezeigt, den Mann, der Macht demonstriert, den Mann, der auch weiß, wie man an der Macht bleibt. Es zeigt nicht die andere Seite Schirrmachers: seine Begabung zum Widerspruch, ja zur Asozialität. Er konnte beides. Er brauchte wahrscheinlich beides: Rausch und Kalkül. In seinem literarischen Leben tat er immer mal wieder so, als wäre er begeistert von Ernst Jünger. Das war eine Aktion, die gut aufgenommen wurde bei einigen in der Redaktion und bei einem gewichtigen Teil der Leserschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Vielleicht war es aber gar kein literarisches Urteil. Vielleicht bewunderte er, dass da einer durchgehalten hatte: ein ganzes Jahrhundert.

Dass er das nicht tun würde, war klar. Vor allen anderen ihm. Man kann sich Schirrmacher nicht vorstellen in einem Häuschen, in dem seit Jahrzehnten alles seinen Platz hat: Hemden, Orden und Tausende von Käfern. Schirrmacher liebte die Ordnung, die es ihm erlaubte, sie durcheinander zu bringen und es gelang ihm, immer wieder dafür zu sorgen, dass er von ihr – und von den notorischen Unruhestiftern – geliebt wurde. Wir vermissen ihn jetzt schon.

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