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Zum Tode von Reinhard Mohn: Der Patriarch

Auf die Frage, was ihn antreibe, sagte er einmal: "Der eine trinkt gerne ein Bier, der andere liegt gern in der Sonne - ich denke gern." Reinhard Mohn, der Nachkriegsgründer von Bertelsmann, ist tot. Von Thomas Schuler

Der Bertelsmann-Unternehmer Reinhard Mohn (vorne) spricht 1947
anlaesslich eines ersten Richtfestes zu seinen Mitarbeitern.
Der Bertelsmann-Unternehmer Reinhard Mohn (vorne) spricht 1947 anlaesslich eines ersten Richtfestes zu seinen Mitarbeitern.
Foto: ddp

Seine älteste Schwester Ursula habe Reinhard Mohn vor einigen Tagen noch einmal besucht, heißt es in der Familie. Da sei es ihm schon sehr schlecht gegangen. Der Arzt habe der Familie gesagt: es könne morgen zu Ende sein, oder in einem Jahr oder in drei Jahren. Der Tod kam am Samstag plötzlich, aber nicht überraschend.

Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, Hartmut Ostrowski, erklärte: "Reinhard Mohn hat deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Wie kein anderer verkörpert er, was Bertelsmann ist: ein weltoffenes und den Mitarbeitern verpflichtetes Unternehmen. Er hat gesellschaftliche Verantwortung übernommen." Kritiker sagen, er habe sie mit missionarischem Eifer durchgesetzt und dabei oft mehr das eigene Wohl als das der Gesellschaft im Auge gehabt.

Reinhard Mohn habe mit seiner Stiftung eine Sekte geschaffen, die alles messbar machen wolle. Im hohen Alter beschäftigte Mohn die Frage der Religion und er regte an, weltweit den Glauben der Leute zu messen. Dafür hat die Stiftung einen so genannten "Religionsmonitor" erfunden und erstellt dicke Studien. Dabei, schrieb seine Frau Liz, interessierte ihn die Frage: Was gibt den Menschen Orientierung?

Unbestritten ist: Reinhard Mohn baute den kleinen mittelständischen Verlag Bertelsmann nach dem Krieg bis 1981 als Vorstands- und bis 1991 als aktiver Aufsichtsratschef zu einem Weltunternehmen mit heute mehr als 100.000 Mitarbeitern und 16 Milliarden Euro Umsatz aus. Zeitweise stand Bertelsmann sogar an der Spitze der internationalen Medienkonzerne; heute ist das Unternehmen in mehr als 50 Ländern aktiv. Es belegt weltweit zwar nur mehr Rang sieben, steht in Deutschland und Europa aber immer noch unangefochten an der Spitze. Bis zuletzt habe Reinhard Mohn die Entwicklung des Unternehmens "eng begleitet", hieß es am Sonntag in einer Stellungnahme der Bertelsmann AG.

1977 gründete Mohn die gemeinnützige Bertelsmann Stiftung, um so zu sichern, dass Bertelsmann nach seinem Tod nicht zerfällt. Die Stiftung hält 76,9 Prozent der Kapitalrechte des Unternehmens, die restlichen 23,1 Prozent liegen bei der Familie Mohn. Bis zu seinem Tod saß Reinhard Mohn in der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG), dem Machtzentrum des Konzerns und der Stiftung, außerdem als Ehrenvorsitzender im Aufsichtsrat und er gehörte dem Kuratorium der Stiftung an.

Auf die Frage, was ihn antreibe, sagte Mohn einmal: "Der eine trinkt gerne ein Bier, der andere liegt gern in der Sonne - ich denke gern." Das klingt harmlos. Die Stiftung und ihr politisch-gesellschaftlicher Einfluß ist jedoch der Grund, weshalb Mohn nicht nur Bewunderer hat. Die Stiftung hält viele Kontakte zu einflussreichen Politikern aller Parteien, organisiert Konferenzen und lädt Eliten zu Hintergrundrunden. Sie operiert längst international, jetzt soll nach China expandiert werden.

Kritiker fordern, ihr die Gemeinnützigkeit abzuerkennen. Unterstützt mit Steuergeldern, die ihr erlassen werden, trage die Stiftung zu einem unsozialen Umbau der Gesellschaft bei. Die Stiftung ersann Konzepte für Hartz IV und für die Privatisierung des Gesundheits- und Bildungswesens. Heikel war, als sie vor Jahren erfolglos Aufgabe und Einfluss des öffentlich-rechtlichen Rundfunks schmälern wollte. Immerhin ist Bertelsmann mit RTL im privaten Rundfunk engagiert.

Reinhard Mohn wurde am 29. Juni 1921 geboren, als fünftes Kind des Verlegers Heinrich Mohn. "Wer wie ich mit vier älteren Geschwistern und einem jüngeren Bruder aufgewachsen ist, dem sind Freuden und Nöte der menschlichen Gemeinschaft von Kindesbeinen an vertraut", schrieb er in seinen Erinnerungen "Von der Welt lernen".

Mohn galt als sensibel, wie er selbst meinte. Er litt an Allergien, war oft krank. "Krank sein aber hieß immer auch allein sein, der streng geführte Haushalt meiner Mutter Agnes ließ keine Sonderbehandlungen zu. So war ich spürbar das fünfte Kind in unserer großen Familie". Reinhard rebellierte und verweigerte sich. "In einem auf christliche Erziehung und strenge Disziplin ausgerichteten Elternhaus musste das zu Konflikten führen."

Im Alter von 16 Jahren schrieb er einen Hausaufsatz mit dem Titel "Meine Gedanken bei der Wahl des Berufes", den er zeitlebens zitierte. Darin nannte er drei Dinge, die sein Leben bestimmen sollten: "Verantwortung gegenüber dem Volk, Veranlagung und der Wunsch nach innerer Freiheit und innerem Leben."

Mohns Ur-Ur-Großvater hat den gleichnamigen Verlag und eine Druckerei gegründet. Sein Großvater Johannes hat in das Unternehmen eingeheiratet. Seit 1887 ist es in Besitz der Familie Mohn. Im Dritten Reich expandierte Bertelsmann durch Aufträge der Wehrmacht. Eigentlich wollte Reinhards Vater Heinrich nach dem Krieg mit den gleichen Autoren weitermachen. Aber die britischen Lizenzbehörden zweifelten an seiner Legende vom Widerstandsverlag. Also musste schnell ein unbelasteter Nachfolger her. Die Geschichte des Verlags hat Mohn aufklären lassen, stand aber nie öffentlich Rede und Antwort über seine fragwürdige Rolle bei der Lizenzvergabe.

Nach Kriegsgefangenschaft übernahm er 1947 die Leitung des familieneigenen Druck- und Verlagshauses, expandierte über einen Buchclub, kaufte den Zeitschriftenverlag Gruner+Jahr, Buchverlage (die heute im weltgrößten Buchverlag Random House gebündelt sind) und den Fernsehsender RTL.

Als Verleger mochte Mohn sich nie sehen. Darin liege das Problem, schrieb einmal der Journalist Herbert Riehl-Heyse. Inhalte seien bei Mohn austauschbar. Für ihn zähle nur der messbare Erfolg. Am liebsten würde er sogar den Erfolg von Politikern messen, "um es damit Wählern leichter zu machen, zu erkennen, ob eine Regierung erfolgreich arbeitet".

Die Beisetzung soll "im ganz kleinen Kreis" stattfinden. In eineinhalb Wochen ist dann eine Trauerfeier geplant.

Autor:  Thomas Schuler
Datum:  4 | 10 | 2009
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