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Medizin

24. Juni 2011

ADHS: Süßes Gift macht Kinder zappelig

 Von Birgitta vom Lehn
Kleinkinder essen einer Studie zufolge zu wenig Gemüse und zu viel Süßes. (Bild: dpa)

Lebensmittelzusätze in Naschereien und toxische Substanzen, die in der Umwelt lauern, steigern das ADHS-Risiko.

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Schön bunt kommen sie daher: die vielen kleinen Gehilfen der Lebensmittelindustrie. Hinter den dreistelligen Nummern wie E102, E104, E110, E122, E124, E129 aber verbergen sich allesamt künstliche Farbstoffe, die die Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinträchtigen können. Seit dem 20. Juli vergangenen Jahres muss das wortwörtlich so auf vielen süßen Produkten stehen. Zugleich besserte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bei ihren Empfehlungen nach; sie legt nun eine geringere tägliche Aufnahme der umstrittenen Stoffe pro Kilo Körpergewicht nahe. Zugelassen sind die Substanzen dennoch.

Immerhin: Als britische Forscher im Jahr 2007 im Fachblatt „Lancet“ eine Studie präsentierten, nach welcher der Verzehr von Mixturen aus vier der oben genannten künstlichen Farbstoffe und von Natriumbenzoat als Konservierungsmittel bei Kindern zwischen drei und neun Jahren zu Hyperaktivität führen sollte, winkte die EFSA noch ab.

Die „klinische Signifikanz der beobachteten Effekte“ sei „zu gering“, hieß es. Außerdem sei „nicht bekannt, ob diese geringfügigen Veränderungen des Aufmerksamkeitsverhaltens und der Aktivität die schulische Leistung und andere geistige Fähigkeiten beeinflussen“. Insofern ist die Kehrtwende beachtlich. Dass die Stoffe dabei aber noch nicht ganz vom Lebensmittelmarkt genommen wurden, ist ärgerlich. Denn künstliche Farb- und Konservierungsstoffe in Lebensmitteln werden von Experten mittlerweile als entscheidende Mitverursacher für Aufmerksamkeitsprobleme bei Kindern und Jugendlichen bewertet.

Aber auch Gifte aus der Umwelt stehen im Verdacht, ADHS auszulösen. „In jedem Buch über ADHS müsste ein dickes Kapitel über Umweltgifte und ADHS stehen. Das gibt es aber nicht“, bemängelt etwa Ulf Sauerbrey. Und so hat der Jenaer Erziehungswissenschaftler selbst ein ganzes Buch dazu geschrieben: „ADHS durch Umweltgifte?“

Die Resonanz der ADHS-Koryphäen sei „verhalten bis kritisch“ gewesen. „Ich solle keine Panik schüren, hieß es.“ Doch Sauerbrey lässt nicht locker und plädiert für einen interdisziplinären Ansatz. „Ich bin Pädagoge, kein Toxikologe. Aber ADHS ist ein Thema, das in der Pädagogik eine große Rolle spielt. Deshalb habe ich mich näher damit befasst und war erstaunt, was es an Erkenntnissen auf diesem Gebiet schon alles gibt.“ Doch leider würden diese Arbeiten nicht nur sehr selten zitiert, sondern auch ignoriert, kritisiert Sauerbrey.

Toxikologie kein Thema

So erwähnen die einschlägigen Experten in ihren Schriften zu ADHS meist nur die Alkohol- und Nikotinbelastung im Mutterleib als mögliche externe Ursache neben einer genetischen Vorbelastung. Sauerbrey ist das zu wenig: „Leider ist im Medizinstudium Toxikologie kein Thema, so dass der normale Arzt sich mit Umweltgiften nicht auskennt. Um sich damit näher zu befassen, muss er ein Fachstudium absolvieren oder sich persönlich dafür interessieren.“

Fakt sei laut Sauerbrey jedenfalls, dass einige Umweltgifte ähnliche Kernsymptome und neurobiologische Auffälligkeiten verursachen, wie sie bei ADHS auftreten. Sie können unmittelbar Verhaltensprobleme auslösen.

Eine Studie der Michigan State University im Jahr 2008 zeigte an 150 Kindern zwischen acht und 17 Jahren: Schon leichte Bleiwerte im Blut machen Kinder hyperaktiv und hängen mit einem niedrigeren Intelligenzquotienten zusammen. Die Forscher schlossen deshalb auf Blei als eine „wichtige“ mögliche Ursache der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.

Beinahe zeitgleich verglichen chinesische Wissenschaftler je 630 Kinder mit und ohne ADHS zwischen vier und zwölf Jahren und stellten fest: Schon geringe Bleiwerte im Blut korrelieren mit ADHS.

Bereits im Jahr 1994 waren auch niederländische Forscher zu passenden Ergebnissen gekommen: In einer Studie an 43 lernschwachen Jungen hatten sie beobachtet, dass jene mit hohen Bleiwerten im Haar vermehrt an Aufmerksamkeitsstörungen litten.

Auf die dramatische Lage bleiverseuchter Kinder in China macht soeben ein 75-seitiger Bericht der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ aufmerksam (www.hrw.org). Danach ignorieren die chinesischen Behörden die unmittelbaren und langfristigen gesundheitlichen Folgen der Bleiverseuchung immer noch hartnäckig. Betroffenen Kindern würde oft gerade einmal „empfohlen, nur gewisse Nahrungsmittel wie Äpfel, Knoblauch, Milch oder Eier zu essen“. Eine angemessene Behandlung erfolge dagegen nicht.

Blei sei aber hochgiftig und könne neurologische, biologische und kognitive Körperfunktionen beeinträchtigen. Kinder seien „besonders empfindlich“. Erhöhte Bleiwerte im Blut könnten „dauerhafte geistige Behinderung und Entwicklungsschäden“ zur Folge haben. „Dazu zählen Lese- und Lernschwächen, Verhaltensprobleme, Gehörverlust, Konzentrationsschwäche sowie Störungen der Entwicklung des Sehvermögens und der Motorik. Auch hierzulande spüren Kontrolleure immer wieder zu hohe Bleiwerte in Spielzeug aus China auf, das deutsche Eltern ihren Kindern mitbringen.

PCB im Verdacht

Doch auch polychlorierte Biphenyle (PCBs), die sich vor allem in Fugenmassen und Fertigbauteilen aus den 70er Jahren verbergen, stehen im Verdacht, ADHS auszulösen. Experten vermuten, dass hierzulande noch viele Kitas und Schulen PCB-verseucht sind.

Amerikanische Forscher der Universität von Oswego zeigten im Jahr 2005 in einer Studie an 202 Kindern, dass eine PCB-Belastung im Mutterleib noch gut neun Jahre später mit einer gestörten Aufmerksamkeit bei kognitiven Aufgabenstellungen einhergeht.

Offenbar wird durch PCBs die Fähigkeit zur Impulskontrolle gestört; die Schüler können sich schlechter konzentrieren.

Auch Pestizide zählen zu den Giften, die ADHS verursachen können. Spanische Forscher berichteten 2006 von einem solchen Zusammenhang, nachdem sie zwei Geburtskohorten mit insgesamt 475 vierjährigen Kindern verglichen hatten: Diejenigen, die im Mutterleib einer erhöhten Belastung durch Hexachlorbenzol ausgesetzt waren, wiesen zwar keinen niedrigeren IQ und auch keine eingeschränkte Psychomotorik auf, dafür aber das ADHS-Syndrom.

Vor einem Jahr veröffentlichte ein Team um die Harvard-Wissenschaftlerin Maryse Bouchard eine Studie in der Zeitschrift „Pediatrics“, wonach Kinder, deren Urin Umbauprodukte der weltweit verwendeten Organophosphatpestizide enthält, vor allem Dimethylalkyl-Phosphat (DMAP), häufiger an ADHS leiden. Die Untersuchung bezog 1139 Kinder zwischen acht und 15 Jahren ein. Eine zehnfach erhöhte DMAP-Konzentration erhöhte das ADHS-Risiko demnach anderthalbfach.

Die Forscher machten zudem darauf aufmerksam, dass bereits bei Organophosphat-Leveln, die für amerikanische Kinder als durchaus üblich gelten, ein erhöhtes ADHS-Risiko bestehe. Je nach individueller Disposition entwickelt sich dann die ADHS bei dem einen Kind, beim anderen nicht.

Ulrike Lehmkuhl, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Berliner Charité, reagiert verhalten auf die Frage nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Umweltgiften und ADHS: Leider, so Lehmkuhl, könne sie dazu nicht mehr sagen, als aus den einschlägigen Studien bekannt sei – einschließlich der widersprüchlichen Ergebnisse und Ansichten.

Nachgefragt, was sie angesichts der doch recht eindeutigen Studienergebnisse mit „widersprüchlich“ meine, verweist Lehmkuhl auf „die Tatsache, dass etwa zur gleichen Zeit, in der die gesamte Menschheit sich mit mehr Umweltgiften auseinandersetzen muss, sich auch viele andere Dinge verändert haben, wie etwa der Medienkonsum, der Lebensrhythmus, unsere Zeitplanung“. Keiner könne mehr „auseinanderhalten, was welche Folgen verursacht“.

Ulf Sauerbrey stimmt der Psychiaterin zu, was das Ursachenbündel betrifft, moniert aber zugleich, dass die Umweltgifte in den diversen ADHS-Handbüchern nicht ausreichend berücksichtigt würden: „Hier besteht dringend Nachholbedarf. Die Bücher müssen neu geschrieben werden.“

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