Medizin

07. September 2012

Brustkrebs: Nach der Operation "blutig entlassen"

 Von Lilo Berg
Ein Mammografie-Screening wird bei einer Patientin angewendet. Foto: dpa/Symbolbild

Mediziner kritisieren, dass die Krankenkassen aus Spargründen zunehmend den Behandlungserfolg gefährden.

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Der winzige Tumor war bei einer Röntgenuntersuchung der Brust aufgefallen, die Ärzte im Brustzentrum in Berlin-Buch hatten eine zügige Operation empfohlen. Schon zwei Tage nach dem Eingriff, bei dem die Brust erhalten wurde, konnte die 51-jährige Patientin wieder nach Hause gehen. Die kleine Wunde verheilte rasch, Schmerzen traten nicht auf und die Gefahr eines Rückfalls war nach Aussage der Mediziner sehr gering. Für die Patientin war die Behandlung fürs Erste abgeschlossen, für das Brustzentrum aber begann der Ärger.

Gut viertausend Euro beträgt die Fallpauschale, die die Krankenkassen einem Krankenhaus für die brusterhaltende Therapie einer Patientin vergüten. Gezahlt wird sie für eine ordnungsgemäße Behandlung, bei der Frauen hierzulande derzeit durchschnittlich 5,7 Tage in der Klinik bleiben. Seit einigen Jahren jedoch gehen die Krankenkassen dazu über, bei späteren Prüfungen der Abrechnungen Aufenthaltstage von Patientinnen nicht mehr anzuerkennen, wie Klaus Friese, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie, am Donnerstag in Berlin berichtete.

Die Kassen versuchten, kritisierte Friese, die Zahl der erforderlichen Krankenhaustage so weit zu drücken, dass letztlich nur noch ein einziger Tag nach der Operation übrig bleibe. Damit aber falle die abrechnungsfähige Verweildauer unter die untere Grenze, die der Gesetzgeber zum Schutz der Patienten vorgesehen hat. Zur Strafe können die Kassen dann ein Drittel der Fallpauschale streichen.

Streitpunkt Fallpauschale

So ist es auch dem Brustzentrum in Berlin-Buch ergangen. Die Krankenversicherung der Brustkrebspatientin forderte nachträglich einen stattlichen Betrag von der Klinik zurück. Die Leistungen nach der Operation seien nicht zwingend nötig gewesen, lautete die Begründung.

Der Streit um die Fallpauschalen schwelt schon eine Weile, und er betrifft alle medizinischen Fachbereiche. Dass die Brustzentren nun aufbegehren, hat auch mit der hier besonders deutlichen Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu tun. Denn die mittlerweile 206 bundesweit verteilten zertifizierten Brustzentren genügen hohen Qualitätsstandards, ihre Behandlungsleitlinien gelten als vorbildlich. Sie sehen unter anderem eine psychosoziale Betreuung vor, um den oft tief verunsicherten Patientinnen zu helfen. Solche Gespräche aber könnten nicht gleich nach der Operation geführt werden, man müsse der Patientin etwas Zeit lassen, betonte Hilde Schulze von der Betroffenenorganisation Frauenselbsthilfe nach Krebs. Es sei jedoch wichtig, die Beratung noch im Krankenhaus anzubieten. Denn immer mehr Menschen lebten allein, und wenn Angehörige zu Hause warteten, seien sie oft genauso ratlos wie die Patientin selbst.

Für eine leitliniengerechte Behandlung von Patientinnen, deren Brust bei der Operation erhalten wird, seien meist zwei bis vier Tage in der Klinik ausreichend, sagte der Rostocker Mediziner Bernd Gerber von der Deutschen Gesellschaft für Senologie. Der Kostendruck im Gesundheitswesen dürfe keinesfalls dazu führen, dass Patientinnen mit offener Wunde nach Hause geschickt werden. Schon ist von blutigen Entlassungen mit der Folge von Wundinfektionen und anderen Komplikationen die Rede, der Trend nehme auch in der Brustmedizin deutlich zu, berichteten die Experten. Zahlen können sie nicht vorlegen, es handele sich um ein chronisches Problem, hieß es in Berlin.

In Schieflage

Die niedergelassenen Frauenärzte könnten die Schieflage nicht ausgleichen, betonte Christian Albring, der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Je nach Region vergüteten die Krankenkassen nur 14 bis 21 Euro pro Quartal und pro Fall, egal wie oft und wie lange die Patientin in die Praxis kommt. Eine zeitintensive Nachbetreuung sei bei derart niedrigen Pauschalbeträgen nicht zumutbar, sagte Albring.

Den Schwarzen Peter akzeptieren die Kassen nicht. Der Trend zu kürzeren Verweildauern und zur ambulanten Behandlung sei international zu beobachten, sagt der Sprecher des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen, Florian Lanz. Deutschland mache da keine Ausnahme. Die Versorgung sei jedoch in keiner Weise gefährdet – auch wenn es gelegentlich Streit über die Vergütung gebe.

Was soll der Gesetzgeber nun tun, fragte eine Parlamentarierin bei der Pressekonferenz. Soll er auf die Forderung der Kliniken eingehen, derzufolge die Fallpauschale für die Behandlung einer Brustkrebspatientin nachträglich nicht in Frage gestellt werden darf? Und damit auf ein Instrument der Kontrolle verzichten? Oder sollte man über ganz neue Lösungen jenseits von Fallpauschalen nachdenken, wie Susann Albert, Leiterin des Brustzentrums der Universität Marburg, es vorschlägt: Sie plädiert für Modellprojekte, in denen eine bessere Verzahnung von Krankenhaus, Praxen und Rehakliniken erprobt wird.

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Gesundheit von A-Z

Quelle: Onmeda

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