Vor fünf Jahren versetzte eine deutsche Studie Hunderttausende von Diabetikern weltweit in Angst und Schrecken. Das Insulinpräparat Glargin, besser bekannt unter dem Handelsnamen Lantus, erhöhe das Krebsrisiko, warnten die Autoren – unter ihnen der damalige Chef des renommierten Kölner Instituts zur Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig), Peter Sawicki.
Obwohl die Studie schon damals unter Medizinern umstritten war, griffen die Medien das Thema begeistert auf. Jahr für Jahr seien in Deutschland vermutlich knapp 3 500 Krebsfälle auf Lantus zurückzuführen, berichtete etwa das Nachrichtenmagazin Spiegel.
Die Arzneimittelbehörden versuchten die aufgeregten Gemüter zu beruhigen. Man halte Glargin nach wie vor für sicher, hieß es unisono in Bonn und in London, wo die europäische Behörde EMA (European Medicine Agency) ihren Sitz hat. Dennoch blieben die Patienten, die sich das Analog-Insulin (siehe Kasten) jeden Tag spritzten, beunruhigt.
Das Krebsrisiko von Glargin war daher auch ein Thema der diesjährigen Tagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD). Rund 18.000 Teilnehmer aus 130 Ländern hatten sich diese Woche in Berlin versammelt, um über die neuesten Ergebnisse der Diabetesforschung zu diskutieren.
Eine Botschaft der Tagung lautete: Die Anwender von Lantus können aufatmen. „Zwei große Studien haben erneut gezeigt, dass das Krebsrisiko von Glargin vernachlässigbar ist“, sagt der Kongresspräsident und Charité-Mediziner Andreas Pfeiffer, Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin am Campus Benjamin Franklin. Beide Untersuchungen sind allerdings vom Hersteller des Insulinpräparats, dem Pharmariesen Sanofi Aventis, finanziert worden – und auch aus diesem Grund nicht unumstritten.
Moderne Insulinpräparate werden nicht wie früher aus Tieren gewonnen, sondern mit gentechnischen Methoden hergestellt. Die verschiedenen Präparate unterscheiden sich vor allem in ihrer Wirkdauer und dem Zeitpunkt, zu dem die Wirkung eintritt.
Eine der Studien wurde bereits im Juli in der angesehenen Fachzeitschrift New England Journal of Medicine veröffentlicht (Bd. 367, S. 319). Der kanadische Forscher Hertzel Gerstein, Professor für Endokrinologie an der MacMaster University in Hamilton, und sein Team hatten rund 12.500 Probanden, die an Diabetes oder Vorstufen der Krankheit litten und zugleich ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufwiesen, gut sechs Jahre lang beobachtet. Ein Teil der Patienten wurde mit Glargin behandelt. Es zeigte sich, dass in der Glargin-Gruppe Krebserkrankungen nicht häufiger waren als in der Kontrollgruppe. Auch im Hinblick auf verschiedene Krebsarten fanden die Forscher zwischen den beiden Gruppen keine Unterschiede.
Ziel der Studie war es allerdings nicht gewesen, das Krebsrisiko von Glargin zu untersuchen. Vielmehr wollten die Forscher unter anderem herausfinden, ob eine Senkung des Blutzuckerspiegels das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mindert. Aus diesem Grund halten manche Experten die jetzige Interpretation für unzulässig. „Eine Studie, die nicht auf die Überprüfung der krebsauslösenden Eigenschaften eines Mittels ausgelegt ist, kann nicht für eine Entwarnung herangezogen werden“, sagt Wolfgang Becker-Brüser, Pharmazeut und Chefredakteur der pharmakritischen Zeitschrift Arznei-Telegramm.
Das persönliche Risiko lässt sich durch einen gesunden Lebensstil, regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und die Behandlung von Grunderkrankungen wie etwa Diabetes senken. Welche Risikofaktoren die Anfälligkeit für einen Schlaganfall erhöhen, lesen Sie in der Bilderstrecke.
Foto: dpaDie andere auf dem EASD-Kongress vorgestellte Studie kommt aus Frankreich und ist bislang noch unveröffentlicht. Das Team um Lucien Abenhaim, Professor für öffentliche Gesundheit an der Université Paris, hatte untersucht, ob Glargin den Verlauf einer Brustkrebserkrankung negativ beeinflusst.
Dazu hatten die Forscher 775 Brustkrebspatientinnen, die zugleich an Diabetes litten, mehrere Jahre lang beobachtet. Ein Teil der Probanden spritzte sich täglich Glargin, die anderen griffen auf konventionelle Insulinpräparate zurück. Es zeigte sich, dass das künstliche Insulin offenbar keinen Einfluss auf das Fortschreiten der Erkrankung hatte.
Schon im Juni war auf der Jahrestagung der American Diabetes Association in Philadelphia eine weitere Studie vorgestellt worden, die sich mit dem Krebsrisiko von Glargin befasst. Das Team um den Epidemiologen Peter Boyle, den Präsidenten des International Prevention Research Institute im französischen Lyon, hatte 448.000 Insulin-Patienten im Schnitt drei Jahre lang beobachtet. 17.800 Probanden erkrankten in dieser Zeit an Krebs. Den Forschern zufolge fand sich jedoch für keine Krebsart ein Hinweis, dass Glargin das Erkrankungsrisiko erhöht.
Die ebenfalls von Sanofi finanzierte Studie ist bislang noch unveröffentlicht. Trotzdem gab die EMA daraufhin im Juli eine Pressemitteilung heraus, in der sie die Sicherheit von Glargin betonte. Die verfügbaren Daten böten keinen Grund zur Beunruhigung, heißt es darin. Es sei daher nicht nötig, die Verschreibungsempfehlungen zu ändern.
Das sieht auch der Berliner Experte Andreas Pfeiffer so. Dennoch gibt er zu: „Die meisten Studien, die sich mit dem Zusammenhang von Diabetes, der Insulintherapie und Krebs beschäftigen, sind sehr schwer zu interpretieren.“ Als gesichert gilt Pfeiffer zufolge inzwischen, dass jede Insulintherapie – unabhängig von der Wahl eines speziellen Präparats – das Tumorrisiko erhöht.
Denn zum einen senkt Insulin nicht nur den Blutzuckerspiegel, sondern wirkt darüber hinaus im Körper wie ein Wachstumsfaktor, der die Zellteilung ankurbelt. Zum anderen aktiviert das Hormon in hohen Dosen einen zweiten Motor der Zellteilung, den Insulin-like Growth Factor, kurz IGF.
1. Was ist der Blutdruck überhaupt
Der gemessene Blutdruck entspricht dem Druck in den Arterien. Gemessen werden zwei verschiedene Werte. Das hängt mit dem An- und Absteigen des Drucks in den Arterien während der Pumparbeit des Herzmuskels zusammen. Der obere (systolische) Wert entspricht dabei dem höchsten, der untere (diastolische) Wert dem niedrigsten Druck in der Arterie.
Foto: dpaDennoch müssten Diabetiker nicht beunruhigt sein, sagt Pfeiffer: „Wir kennen mindestens zwei Wege, um das Krebsrisiko der Patienten wieder zu senken.“ Der eine Weg bestehe darin, das Medikament Metformin zu verabreichen. Das blutzuckerregulierende Mittel, das vielen Typ-2-Diabetikern zusätzlich zum Insulin verordnet wird, reduziere das Krebsrisiko auf ein Normalmaß, sagt der Mediziner.
Der zweite Weg ist einer, der laut Pfeiffer im wahrsten Sinne des Wortes begangen werden muss: „Bewegung in jeglicher Form senkt die Gefahr einer Krebserkrankung“, betont er. Und zwar nicht nur bei Diabetikern, sondern bei allen Menschen.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.