Aktuell: Trauer um Claudia Michels | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Fußball-News | Eintracht Frankfurt

Medizin

01. November 2012

Diät: "Diabetiker-Lebensmittel sind überflüssig"

Derwahl: "Prädiabetes lässt sich durch Sport oft verhindern".Foto: dpa

Der Ausbruch der Krankheit Diabetes lässt sich oft durch eine Diät verhindern, sagt der Berliner Experte Karl-Michael Derwahl. Von speziellen Diabetiker-Produkten rät er aber ab: zu teuer und zu fett. Seine Empfehlung: viel Bewegung.

Drucken per Mail

Immer mehr Menschen erkranken an der Stoffwechselkrankheit Diabetes. Experten sprechen von einer neuen Epidemie, deren Höhepunkt noch nicht erreicht sei. Karl-Michael Derwahl ist Diabetologe am Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus. Auch sein Wartezimmer wird immer voller.

Herr Professor Derwahl, wann hat die Diabetes-Epidemie begonnen?

Seit rund dreißig Jahren steigen die Fallzahlen beim Erwachsenen-Diabetes, also beim Typ-2-Diabetes, weltweit an. Zu einem drastischen Anstieg ist es jedoch erst im vergangenen Jahrzehnt gekommen. Und die Epidemie ist noch nicht zu Ende.

Wie lauten die Prognosen?
In Deutschland sind derzeit sechs bis acht Prozent der Bevölkerung betroffen. Wenn die Entwicklung so weiter geht, sind wir in wenigen Jahren bei zehn Prozent. In Saudi-Arabien ist die Entwicklung derzeit am dramatischsten. Dort sind jetzt bereits mehr als 50 Prozent der Menschen Diabetiker.

Welche Ursachen hat die Epidemie?

Sie geht eindeutig auf starkes Übergewicht zurück. In Deutschland ist mehr als die Hälfte der Männer zu dick, bei den Frauen liegen die Zahlen etwas niedriger.

Was macht Diabetes so gefährlich?

Wenn die Krankheit nicht oder nur schlecht behandelt wird, kommt es zu erheblichen Folgeschäden, etwa an Augen, Füßen und Nieren – auch die Lebenserwartung ist dann verkürzt. Diabetes erhöht auch das Risiko für schwere Krankheiten, etwa Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs. Hinzu kommen die volkswirtschaftlichen Schäden, denn die Therapie ist teuer.

"Sport ist Medizin bei Diabetes"

Lässt sich Diabetes durch Diät kurieren?

Im Vorstadium der Krankheit, dem sogenannten Prädiabetes, lässt sich der Ausbruch dadurch häufig verhindern. Aber eine Heilung ist auf diese Weise kaum möglich. Wer weniger isst, kann in der Regel jedoch viel besser mit seinem Diabetes umgehen. Dafür sind auch andere Faktoren wichtig.

Zum Beispiel?

Bewegung, Sport, körperliche Aktivität. All das ist Medizin bei Diabetes. Empfehlenswert ist eine Stunde pro Tag, ein Leben lang. Es muss nicht immer das Fitnessstudio sein: Wer auf den Fahrstuhl verzichtet und stattdessen die Treppe nimmt, hat schon etwas Gutes getan. Das muss von frühauf geübt werden, denn wenn die Fettzellen erst einmal angelegt sind, ist es schwer, schlank zu bleiben.

Aber es gibt doch auch schlanke Diabetiker.

Ja, und so merkwürdig es klingt: Manche von ihnen haben eine kürzere Lebenserwartung als Diabetiker mit leichtem Übergewicht. Die Ursachen für das Adipositas-Paradox sind noch unklar, die Forschung läuft auf Hochtouren. Das ändert aber nichts an den Empfehlungen für stark Übergewichtige.

Welche Rolle spielt die Genetik?

Wer Diabetes in der engeren Familie hat, lebt mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko. Aber zum Glück kann man durch den Lebensstil vorbeugen.

Gibt es eindeutige Warnzeichen, an den man eine beginnende Krankheit erkennen kann?

Nein, die gibt es leider nicht. Chronische Erschöpfung wird immer wieder mal als Frühsymptom genannt, aber Ursache dafür können auch Eisenmangel oder andere Störungen sein – eindeutig ist das Symptom keineswegs. Wirkliche Klarheit bringt ein Zuckertest, den man einmal im Jahr beim Arzt oder Apotheker machen sollte.

Seit vielen Jahren werden spezielle Lebensmittel für Diabetiker verkauft. Nun verschwinden sie im Zuge einer Änderung der Diätverordnung aus den Regalen. Ein Verlust?

Nein, Diabetikerlebensmittel sind überflüssig. Statt Zucker enthalten sie Süßstoff, das ist der einzige Pluspunkt. Oft ist der Fettanteil viel zu hoch. Das macht dick und schadet Diabetikern zusätzlich. Außerdem sind die Produkte völlig überteuert.

"Wichtig sind Vollkornprodukte"

Welche Ernährung empfehlen Sie Diabetikern?

Wichtig sind komplexe Kohlenhydrate. Sie finden sich vor allem in Vollkornprodukten. Günstig wirken auch Gemüse und Obst. Die Kost sollte fettarm sein, besondere Vorsicht ist bei tierischen Fetten geboten. Wenn Fleisch, dann nur magere Varianten. Und auf Softdrinks sollte man ganz verzichten.
Was ist mit Süßigkeiten?
Diabetiker, die sich sonst gesund ernähren, dürfen auch mal eine Tafel Schokolade essen.

Einfach mal zwischendurch naschen: Ist das Diabetikern, die Insulin spritzen , erlaubt?

Nach der Gabe von normalem Insulin muss man etwa eine halbe Stunde mit dem Essen warten. Spontanes Naschen ist damit nicht möglich. Eine Alternative zur Spritze sind kurzwirksame Insuline, sogenannte Analoginsuline, die als Tablette eingenommen werden. Sie wirken auch unmittelbar vor dem Verzehr einer Mahlzeit.

Die Kassen haben sich eine Weile gegen die Übernahme der Kosten gesperrt.

Das ist vom Tisch, seit die Patientenverbände sich massiv gewehrt haben. Die Krankenkassen zahlen jetzt anstandslos. Und die Preise für die Analogpräparate fallen – bald werden sie nicht mehr viel teurer als die normalen Insuline sein.

Aus Stammzellen kann man bereits eine neue Schilddrüse züchten. Wird das bald auch mit der Bauchspeicheldrüse gelingen?

Im Prinzip ist das möglich. Aber es ist schwieriger als bei der Schilddrüse, die immer nur relativ gleich große Hormonmengen absondern muss. Die Bauchspeicheldrüse jedoch muss flexibel reagieren und praktisch nach jedem Bissen Insulin bereitstellen. Es wird sicher noch etliche Jahre dauern, bis ein funktionierendes Organ gezüchtet ist.

Das Gespräch führte Lilo Berg.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Gesundheit von A-Z

Quelle: Onmeda

Selbsttest
BMI-Rechner

Errechnen Sie Ihren Body-Mass-Index!

Ihr Gewicht (in kg)
Ihre Körpergröße (in cm)
Alter (in Jahren)
Videonachrichten Wissen
Leben
Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Spezial

Vor vierzig Jahren brachen mutige Männer auf, um einen Menschheitstraum zu erfüllen - die Landung auf dem Mond.