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Forschung: Harry Potter gegen Melancholie

Die Kulturtechnik Lesen macht Jugendliche weniger anfällig für Depressionen und stärkt ihr Gemeinschaftsgefühl. Das haben Psychologen in einer neuen Studie herausgefunden.

Lesen ist eine Kulturtechnik.
Lesen ist eine Kulturtechnik.
Foto: dpa

Sie skypen und chatten, sie daddeln am Nintendo oder an der Wii. Unsere Kinder lesen kaum noch. 73 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen schauen täglich fern, aber nur 15 Prozent schmökern regelmäßig in einem Buch. Die Zahl der Totalverweigerer von Büchern steigt dabei von Jahr zu Jahr, wie der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest in seinen Umfragen ermittelte.

Dass dem so ist, wird häufig beklagt. Meist steht dabei die Sorge um den Erhalt der Kulturtechnik Lesen im Vordergrund, die Fähigkeiten wie Vorstellungskraft, abstraktes Denken und Aufmerksamkeit schärft. Bücherlesen trainiert den Geist und erweitert den Horizont. Das ist aber nicht die ganze Geschichte. Wenn Kinder nicht mehr lesen, drohen sie nicht nur kognitiv, sondern auch emotional zu verarmen. Denn: Erzählte Geschichten bereichern die Innenwelt und schirmen uns ab von den Härten des Lebens.

Evolution und Erzählung

In allen Kulturen gibt es Erzählen und Erzählungen, und es gab sie zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte. Sicherlich haben schon unsere Jäger-und-Sammler-Vorfahren am Lagerfeuer von ihren realen und womöglich auch von erfundenen Abenteuern erzählt. Das Geschichtenerzählen gehört zu den Attributen, die uns menschlich machen. Doch warum hat es sich entwickelt?
Das Erzählen ist ein so zentrales Merkmal des Homo sapiens, dass wohl ein evolutionärer Überlebensvorteil darin stecken muss. Manche Forscher vermuten, dass dieser Vorteil in dem Probehandeln besteht, das fiktive Geschichten ermöglichen: Man kann Ideen, Einstellungen, soziale Verhaltensweisen durchspielen – und beobachten, wie sie bei den anderen ankommen.
Andere Wissenschaftler sehen hingegen in dem sozialen Klebstoff das zentrale Merkmal des Geschichtenerzählens: Sie vermuten, dass gemeinsame Erzählungen Gruppen fester zusammenbinden – und dieser Zusammenhalt war für unsere in Clans lebenden Vorfahren überlebenswichtig.

Ein amerikanisches Forschungsteam der University of Pittsburgh hat jetzt festgestellt, dass Lesen Jugendliche vor Depressionen schützt. Die Psychologen um Brian Primack begleiteten 60 gesunde und 46 an einer Depression erkrankte junge Leute mehrere Wochen lang. Jeweils an den Wochenenden meldeten sich die Wissenschaftler insgesamt 60 Mal per Handy und fragten ihre Probanden, was sie gerade trieben und welcher Freizeitbeschäftigung sie nachgingen.

Wie sich herausstellte, war das Depressionsrisiko jener Mädchen und Jungen, die häufig beim Bücherlesen angetroffen wurden, nur ein Zehntel so hoch wie das jener Jugendlichen, die nie oder nur selten ein Buch in die Hand genommen hatten.

Offensichtlich ist Lesen eine gute Medizin gegen Melancholie – und gegen Einsamkeit. Die amerikanische Psychologin Jaye L. Derrick und ihre Mitforscher stellten fest, dass Menschen sich zu vertrauten Erzählungen hingezogen fühlen, wenn sie sich allein oder sozial ausgeschlossen fühlen, und dass das Gefühl der Einsamkeit nachlässt, sobald sie in die Erzählwelt eintauchen.

Doch wie stellen es Bücher an, dass wir uns mit ihrer Hilfe nicht so verlassen vorkommen? „Offensichtlich kann man mit einem Buch nicht Händchen halten, und ein Buch trocknet auch nicht deine Tränen, wenn du traurig bist“, sagt Shira Gabriel von der University at Buffalo im US-Staat New York. Gleichwohl spüren wir uns gleich etwas stärker mit der Welt verbunden, sobald wir in den Erzählkosmos einer Geschichte eintauchen. „Irgendetwas Bedeutsames geht da vor beim Lesen“, konstatiert Gabriel. In einer Studie, die demnächst im Journal Psychological Science erscheinen wird, hat Gabriel nun mit ihrer Kollegin Ariana Young ausgeleuchtet, was dieses Etwas sein mag.

Die Teilnehmer – 140 Studentinnen und Studenten – hatten nichts weiter zu tun, als eine halbe Stunde lang in einem Jugendroman zu schmökern. Die einen nahmen sich eine Passage aus der Vampir-Romanze „Twilight“ (Biss zum Morgengrauen) vor, in der Edward seiner angehenden Liebsten Bella anvertraut, wie es sich als Untoter lebt.

Die anderen Laborleser vertieften sich in jene Szene aus dem ersten Harry-Potter-Band, in welcher der frisch eingeschulte Zaubersextaner in Hogwarts vom sprechenden Hut seinem „Haus“ zugewiesen wird und erstmals seinem Hasslehrer Severus Snape begegnet.

Anschließend absolvierten alle Teilnehmer einen Assoziationstest. Dabei wurde anhand der jeweiligen Reaktionsschnelligkeit ermittelt, wie stark der Getestete Wörter wie Zauberstab, Bannspruch, Besenstiel, Zaubertrank oder aber Blut, Eckzähne, Biss, Untoter unterschwellig mit Ich-Wörtern (mir, mich, mein) verknüpfte. Dies galt als Maß dafür, inwieweit der Leser sich selbst mit der Geschichte in Verbindung brachte, also sozusagen mit Haut und Haaren in sie eingetaucht war und sich den Helden nahe fühlte.

Es kam wie erwartet: Diejenigen, die zuvor den Erlebnissen Harry Potters beigewohnt hatten, waren hernach unterschwellig selbst einwenig zu Zauberern geworden. Und diejenigen, die den Bekenntnissen des schönen, bleichen Edward gefolgt waren, fühlten sich gleich etwas vampirhafter als zuvor. Sogar in ihren Antworten auf Fragen à la „Wie scharf sind deine Zähne?“ unterschieden sich die Vampir- von den Zaubergeschichtenlesern. Gabriel und Young folgern daraus, dass wir uns beim Lesen einer Gemeinschaft von fiktiven Weggenossen anschließen, denen wir uns zugehörig fühlen können.

Was die beiden Forscherinnen besonders beeindruckte, war folgender Befund: Je stärker sich ein Proband oder eine Probandin dieser imaginären Gemeinschaft assoziativ verbunden fühlte, desto stärker hob dies Stimmung und Wohlbefinden – ganz wie im richtigen Leben: Wir fühlen uns wohl, wenn wir Anschluss und Nestwärme haben. Tatsächlich offenbarte ein Fragebogen, dass diejenigen Teilnehmer, die sich den Figuren der Story sehr nahe fühlten, auch in ihrem echten Alltag mehr Wert auf Gemeinschaft legten. Leser, die sich von Geschichten mitreißen lassen, sind also keineswegs verschrobene Einzelgänger, die ihre sozialen Bedürfnisse bloß in ihrer Fantasie ausleben können – wie „Bücherwürmern“ bisweilen unterstellt wird. „Lesen ist nicht bloß eine Flucht“, bekräftigt Ariana Young, „sondern erfüllt ein tiefes menschliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit.“

Wenn wir einen Roman lesen, werden wir psychologisch zu einem Teil seines Personals – und seien es Zauberer, Vampire, Zwerge, Außerirdische oder andere gänzlich irreale Gestalten. Real ist hingegen die Nähe, die wir ihnen gegenüber empfinden, und die Empathie, das Einfühlungsvermögen, das wir für sie aufbringen.

Geschichten sind ein erstklassiger Empathielieferant. Der Verhaltensökonom und Neurologe Paul Zak von der Claremont Graduate University in Kalifornien erforscht die Wirkung des Hormons Oxytocin, das zum Beispiel bei der starken Bindung zwischen Mutter und Kind oder zwischen Frischverliebten eine Schlüsselrolle spielt. Zak hat verschiedene experimentelle Konstellationen ermittelt, die bei Probanden zur Ausschüttung von Oxytocin führten.

Das war zum Beispiel der Fall, wenn ein Wildfremder ihnen Vertrauen schenkte. Doch als wirkungsvollster aller Empathieauslöser erwies sich eine emotional aufgeladene Geschichte. Reale Personen haben es demnach schwer, uns ebenso tief zu berühren wie gut erfundene.

Erzählungen verbinden uns aber nicht nur mit erfundenen Charakteren, sondern auch mit den realen Menschen um uns herum – vor allem mit jenen, die mit von der Partie waren und denselben Roman gelesen oder Kinofilm gesehen haben. Uri Hasson von der Princeton University stellte bei Zuschauern, die denselben Film anschauten, ein übereinstimmendes Aktivierungsmuster in ihren Gehirnen fest. Auch ähnelte die Hirnaktivität einer Person, die eine Geschichte erzählte, jener ihrer Zuhörer.

Wir kennen das aus dem Alltag: Wir tauschen uns gerne mit anderen über unsere gemeinsamen Lektüre- und Kinoabenteuer aus. Das stellt Gemeinsamkeit und Nähe her. Früher, in der Mediensteinzeit, als es in Deutschland nur zwei oder drei TV-Programme gab, saß die ganze Nation vor dem Fernseher, wenn ein Straßenfeger wie „Das Messer“ oder „Die Frau in Weiß“ lief. Noch Wochen später war das Ereignis allgegenwärtiges Gesprächsthema. Geschichten sind eben eine soziale Plattform. Sie stellen „kollektive Identität“ her, wie Gabriel und Young das nennen.

Oder ist es doch eher eine kollektive Flucht, ein Verstecken vor den Widrigkeiten des wirklichen Lebens? Der israelische Forscher Rafi Malach hat beobachtet, dass das Gefesseltsein von einer fiktiven Geschichte die Aktivität in solchen Gehirnregionen unterdrückt, die mit Selbstreflexion und Planung zu tun haben.

Wenn wir erfundenen Abenteuern beiwohnen, gönnen wir uns Urlaub vom Selbst und der Last, unser Leben zu gestalten. Sie absorbieren uns, ohne uns zu fordern. Sie entbinden uns eine Zeitlang von der Verantwortung, die die reale Welt uns abverlangt. Deshalb sind sie so entspannend.

Offenbar brauchen wir solche Auszeiten. Geschichten sind Empathiebäder. Wenn wir wieder auftauchen, sind wir zufriedener und fühlen uns unseren Mitmenschen näher.

Geschichten sind für uns „Abstraktion und Simulation sozialer Erfahrung“, wie der britisch-kanadische Psychologe Keith Oatley es ausdrückt. Wir lernen aus ihnen, auch fürs Leben. Deshalb wäre es schlimm, wenn Kinder das Lesen aufgäben.

Autor:  Stanislaw Dick
Datum:  16 | 6 | 2011
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