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Medizin

05. März 2013

HIV: „Den Begriff Heilung vorsichtig gebrauchen“

HIV-infiziertes Baby in einer südafrikanischen Klinik. Foto: AFP

HIV-Experte Brockmeyer über die angebliche Heilung eines Babys von einer HIV-Infektion.

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Der Vortrag über die Heilung eines Babys von einer HIV-Infektion ist dieses Jahr offenbar das Highlight auf dem Retrovirus-Fachkongress CROI (Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections). Der deutsche HIV-Experte Norbert Brockmeyer von der Universität Bochum, der zurzeit ebenfalls die Tagung in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia besucht, berichtet von einem regelrechten Hype deswegen. Er sieht den Fall als wichtige Bestätigung für den Ansatz, so früh wie möglich mit antiretroviralen Mitteln zu behandeln.

Herr Professor Brockmeyer, überrascht Sie die Heilung des HIV-infizierten Babys?

Eine Sensation ist es nicht. Die Kollegen von der Johns Hopkins University haben ja nichts grundlegend Neues herausgefunden. Der Fall bestätigt aber das, was wir immer auch schon gesagt und getan haben: Es ist wichtig, ganz früh mit der Therapie zu beginnen. Denn dann besteht die Chance, das Virus zu eliminieren. Das ist eine wichtige Botschaft.

Verschleppen denn viele die Therapie oder den HIV-Test?

In Deutschland kommen etwa 30 Prozent der Betroffenen zu spät zur Diagnostik und Therapie.

Was ist der Vorteil einer frühen Therapie?

In dem aktuellen Fall war es vermutlich so, dass die Viren bekämpft wurden, bevor sie Schläferzellen befallen konnten. Dabei handelt es sich um infizierte Zellen, die in einen ruhenden Status übergehen. Sie teilen sich jahrelang nicht, enthalten aber Viren. Wenn diese Zellen – etwa durch Infektionen – wieder geweckt werden und anfangen sich zu teilen, werden auch wieder Viren vermehrt.

        

Norbert Brockmeyer, Uni Bochum, ist Sprecher des Kompetenznetzes Aids/HIV.
Norbert Brockmeyer, Uni Bochum, ist Sprecher des Kompetenznetzes Aids/HIV.
Foto: dpa

Die Viren verstecken sich also vor den Medikamenten. Kann man sie nicht hervorlocken?

Diese Therapie-Idee gibt es bereits. Man ist bemüht, ruhende Zellen aufwecken, um die HI-Viren anschließend zu eliminieren. Das klappt aber aus irgendeinem Grund noch nicht. Darum sind wir bisher nicht in der Lage, Menschen von HIV zu heilen.

Wie gut ist die moderne Therapie inzwischen?

Wir schaffen es in einer Vielzahl der Fälle, das Virus so zu bekämpfen, dass es im Blut nicht mehr nachweisbar ist. Die Patienten haben inzwischen eine nahezu normale Lebenserwartung, müssen aber die Mittel dauerhaft nehmen. Sonst kommen die Viren wieder aus den Lymphknoten und anderen Verstecken hervor.

Im aktuellen Fall kann man demnach von Heilung sprechen, weil die Viren auch ohne Medikamente nicht wieder zum Vorschein kamen?

Die Kollegen konnten zeigen, dass sich auch nach 26 Monaten kein HI-Virus gebildet hatte, das teilungsfähig ist, sich also weiter vermehren kann. Das ist eine gute Botschaft. Lediglich Bruchstücke waren offenbar im Blut aufzufinden, die unkritisch sind. Nun ist die spannende Frage, ob es so bleibt. Deshalb sollten wir einstweilen den Begriff Heilung ganz ganz vorsichtig gebrauchen.

Warum ist es überhaupt so schwierig, HI-Viren im Körper zu bekämpfen?

Bei einer chronischen Infektion liegt es an den schlafenden Zellen. Der Blick auf andere Virusinfektionen zeigt jedoch: Wir sind auch nicht in der Lage, Herpes- oder Windpockenviren zu eliminieren. Es ist eine Überlebensstrategie der Erreger, sich irgendwo im Körper einzunisten. Bei HIV ist das so besonders schlimm, weil sich die Viren ständig vermehren. Das ist bei Herpes- oder Windpockenviren anders.

Schon einmal wurde nachweislich eine HIV-Infektion geheilt, und zwar 2007 bei einem Patienten in Berlin.

Das war eine ganz andere Therapie. Der Patient war HIV-infiziert und zusätzlich an Leukämie erkrankt. Deshalb brauchte er eine Knochenmarktransplantation. Dabei wurden fast alle immunkompetenten Zellen inklusive der enthaltenen HI-Viren mit Hilfe einer Chemotherapie eliminiert. Dann bekam der Patient Knochenmark von einem Spender mit einer Mutation im CCR5-Gen, die verhindert, dass Zellen von HI-Viren infiziert werden. Damit ist es geglückt, den Patienten zu heilen. Das ist aber ein Sonderfall. Knochenmarktransplantationen sind hochriskant. Die nimmt man nur vor, wenn es keine andere Therapiemöglichkeit gibt.

Das Gespräch führte Anne Brüning.

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Gesundheit von A-Z

Quelle: Onmeda

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