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Medizin

28. Dezember 2011

Internet Sexsucht: Sex mit der Maus

 Von Oliver Heil
Wie eine Droge: Sobald der Computer an ist, suchen Internet-Sexsüchtige nach neuen Pornofilmen. (Symbolbild) Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ein paar Klicks im Internet und der Pornofilm läuft. Manche erliegen der Versuchung immer wieder und werden regelrecht süchtig danach.

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Ein paar Klicks im Internet und der Pornofilm läuft. Manche erliegen der Versuchung immer wieder und werden regelrecht süchtig danach.

Ursula Beckmann ist bereit fürs Pornokino. Besonders bequem hat sie es allerdings nicht. Die Studentin der Tiermedizin liegt vollständig verkabelt auf der hellgrauen Bank eines Magnetresonanz-Tomografen. Sie trägt einen Kopfhörer und auf den Bildschirm kann sie nur mit Hilfe eines Spiegels blicken, der über ihrem Kopf montiert ist. Die Bank fährt in die Röhre des Apparats. Gleich geht der Film ab.

Ursula Beckmann geht nicht aus Spaß ins Pornokino, sondern für wissenschaftliche Zwecke. Die Diplom-Psychologin Britta Günster leitet den Versuch. Auf ihren Bildschirmen im Raum nebenan kann sie das Gehirn der Probandin sehen und den Puls sowie die Atmung beobachten. Außerdem verfolgt sie, welche Bilder Ursula Beckmann im Scanner gerade sieht: farbige Vierecke, unspektakuläre Zufalls-Fotos – und Pornobilder.

Reize im Scanner

Wenn Ursula Beckmann nach dreieinhalb Stunden und drei Durchläufen im MRT nach Hause geht, dann wissen die Forscher am Gießener Bender Institute of Neuroimaging (Bion) recht gut Bescheid über ihre sexuelle Motivation, wie sie auf sexuelle Reize reagiert, wie leicht sie sich von den Pornobildchen ablenken lässt und wie gut sie sich durch sexuelle Reize konditionieren lässt.

Ursula Beckmann leistet, zusammen mit hundert anderen nicht-süchtigen Probanden, einen Beitrag zur Erforschung der Internet-Sexsucht. „Wir beschäftigen uns mit der Frage, was Internet-Sexsucht genau ist, wie sie entsteht und warum“, erläutert Rudolf Stark, der an der Universität Gießen Professor für Psychotherapie und Systemneurowissenschaften ist.

Die Forscher wollen zunächst herausfinden, was sich im Gehirn abspielt, wenn Menschen sexuelle Reize wahrnehmen. Sie suchen besonders nach Zusammenhängen zwischen sexueller Ansprechbarkeit und sexueller Motivation. Und sie wollen wissen, ob Menschen, für die Sex besonders wichtig ist, auch überdurchschnittlich leicht auf sexuelle Reize anspringen. In einem zweiten Schritt prüfen die Psychologen, ob sich die sexuell besonders Motivierten auf Pornobilder konditionieren lassen.

Dass Forschung zu diesem Thema wichtig ist, bekommt Stark als Leiter der psychotherapeutischen Ambulanz der Uni Gießen direkt mit. Die Internet-Sexsüchtigen, die in seine Sprechstunde kommen, hätten zum Teil einen extremen Leidensdruck, berichtet Stark.

Teufelskreis Internet-Sexsucht

Von ihnen weiß er, dass die Sucht soziale Beziehungen und Arbeitsverhältnisse zu Bruch gehen lässt, dass ein Orgasmus beim Pornokonsum irgendwann kein Stoppsignal mehr darstellt und dass – ein typisches Merkmal für Suchterkrankungen – die Betroffenen eigentlich die Finger von Pornos lassen wollen. Doch sobald der Computer an ist, suchen sie wieder und wieder nach neuen Filmen.

Während sich Experten in Kliniken und Praxen längst mit der Problematik beschäftigen, hinkt die Forschung hinterher, sagt Rudolf Stark. So habe es auch lange gedauert, bis Internet-Sexsucht überhaupt als stoffungebundene Suchtkrankheit akzeptiert wurde, vergleichbar der Spielsucht.

Die Gießener Forscher nehmen an, dass Internet-Sexsüchtige in eine Art Teufelskreis geraten. „Am Anfang kann Frustration in der Schule oder im Beruf stehen, vor der sich Betroffene in eine Scheinwelt flüchten“, sagt Tim Klucken, der am Gießener Institut für die Konditionierungsaspekte der Sucht zuständig ist.

Diese Flucht werde als Bewältigungsstrategie erlernt und immer wieder angewendet. „Am Ende dieser Spirale", sagt Klucken, „verspürt der Betroffene, schon wenn er den Monitor nur sieht, sofort das Bedürfnis , sich einen Porno anzusehen.“

Ähnlich funktioniert vermutlich die Sucht nach Computerspielen. Allerdings sind sexuelle Reize viel unmittelbarer, weil sie ganz basale menschliche Bedürfnisse ansprechen.

Ursula Beckmann und die anderen Probanden nehmen genau genommen an drei Studien teil. Während sie im Scanner liegen, werden sie zuerst darauf getestet, wie heftig sie auf Pornobilder reagieren. Zum Vergleich sehen sie harmlose und schockierende Fotos. Danach müssen sie Konzentrationsaufgaben lösen und beurteilen, ob zwei Linien parallel verlaufen, während zwischen den beiden Linien Pornobilder erscheinen.

Im letzten Versuch werden die Teilnehmer konditioniert. Sie lernen, dass auf ein farbiges Viereck immer ein sexueller Reiz, ein Pornobild folgt. Wenn sie aus dem Scanner kommen, beantworten sie noch einen in Gießen entwickelten Fragebogen zu ihrer sexuellen Motivation.

Wie oft sie Sex haben, wollen die Forscher von den Versuchsteilnehmern wissen und welchen Aufwand sie für den Sex betreiben. Besonders durch die Verknüpfung von sexueller Motivation und Konditionierbarkeit erhoffen sich die Forscher eine Bestätigung ihrer Teufelskreis-Hypothese. Die Auswertungen eines ähnlich angelegten Pilot-Experiments stützen die Annahme.

Wie eine Droge

Rudolf Stark geht davon aus, dass vor allem junge Männer betroffen sind. Ähnlich wie bei anderen Süchten kommen bei der Internet-Sexsucht zwar viele mit dem Objekt der Sucht in Kontakt. Aber nur einige machen exzessiven und gefährlichen Gebrauch davon. Und am Ende verfällt eine gewisse Anzahl der Konsumenten der Droge.

Ihn interessiert nun die Frage, wer süchtig wird nach Internet-Pornografie, durch welche Prozesse es überhaupt so weit kommt und was die Betroffenen von anderen Konsumenten unterscheidet. Deshalb wollen die Forscher das Experiment mit 25 Sexsüchtigen wiederholen und die Ergebnisse mit denen der nicht-süchtigen Probanden zu vergleichen.

„Was wir an Parallelen und Abweichungen zu unseren bisherigen, nicht sexsüchtigen Probanden finden“, sagt Rudolf Stark, „wird uns hoffentlich entscheidende Hinweise liefern, welche Komponenten Einfluss haben auf die Ausprägung einer Internet-Sexsucht.“

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Quelle: Onmeda

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