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Medizin

22. Juli 2011

Medizin: „Zauberkugeln“ gegen Krebs

 Von Silvia von der Weiden
Dendritische Zellen präsentieren Killer-Zellen Antigene . Foto: phototake

Forscher erproben neue Waffen gegen die tödliche Krankheit, die in Deutschland jedes Jahr 437.000 Menschen befällt. Die Medikamente sollen das Immunsystem sensibilisieren.

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Es klingt wie ein Zauberspruch, der böse Geister vertreiben soll: Brentuximab, Blinatumomab, Ipimilumab. Die fremdartigen Namen bezeichnen neuartige Waffen gegen eine tödliche Krankheit, die jedes Jahr in Deutschland 437 000 Menschen neu befällt: Krebs. Im Kampf gegen die bösartigen Zellen haben Forscher nun die Vision von einer Impfung gegen Krebs zum Leben erweckt.

Vor mehr als hundert Jahren träumte der deutsche Arzt und Chemiker Paul Ehrlich von „Zauberkugeln“ gegen Krebszellen. Der Begründer der Immunologie, Erfinder der Chemotherapie und Nobelpreisträger für Medizin meinte damit Antikörper. Diese Eiweißmoleküle des Immunsystems schwärmen aus, um fremde Eindringlinge im Körper zu markieren, damit diese von den Truppen der Immunabwehr dingfest gemacht werden können.

Solche molekularen Lenkwaffen lassen sich heutzutage mit Hilfe der Gentechnik maßschneidern. Sie passen zu Oberflächenmolekülen, den sogenannten Antigenen, an denen sie die Tumorzellen erkennen. Die Forscher verfolgen gleich mehrere Strategien. Sie enttarnen die Tumorzellen, bringen die Truppen der Abwehrzellen auf Trab, in dem sie Antikörper mit neuen, schlagkräftigen Eigenschaften versehen und durchbrechen Blockaden, mit denen Tumoren das Immunsystem gezielt in die Irre führen.

Lange Zeit drohte das Konzept daran zu scheitern, dass die Herausforderungen zu komplex waren. „Tumorzellen verlieren ihre typischen Oberflächenantigene im Verlauf der Erkrankung oft. Außerdem genügt es keinesfalls, wenn der Antikörper an der Krebszelle andockt. Er muss auch in der Lage sein, Killermechanismen auszulösen“, so das Deutsche Krebsforschungszentrum. Neue Konzepte setzen deshalb darauf, Immunzellen einzusetzen, die all die geforderten Aufgaben übernehmen können. Dendritische Zellen, benannt nach ihrem Erscheinungsbild, das an ein Bäumchen erinnert, sind solche Allroundtalente. Sie sind darauf spezialisiert, Antigene aufzunehmen, zu präsentieren und die schärfste Waffe des Immunsystems, die T-Killerzellen, zu aktivieren.

Vor gut einem Jahr dann ließ die US-Gesundheitsbehörde FDA den therapeutischen Krebsimpfstoff Sipuleucel-T zu. Das Unternehmen Dendreon aus Seattle hatte den Wirkstoff für Patienten entwickelt, die bereits an fortgeschrittenem Prostatakrebs erkrankt waren. Für die Immunisierung entnehmen Ärzte dem Betroffenen Blut. Die dendritischen Zellen aus dieser Probe werden mit einer Eiweißverbindung beladen, die als wesentliche Komponente ein Tumorantigen enthält. Dieses Antigen ist typisch für 95 Prozent aller bösartigen Prostatazellen.

Wenn die aufgerüsteten dendritischen Zellen in den Körper des Patienten zurückgelangen, haben die Immunzellen so das Phantombild ihres Feindes ständig vor Augen und können sich mit allen Kräften auf ihn stürzen, so die Hoffnung. In der Praxis fällt der Erfolg jedoch bescheiden aus, wie klinische Studien bezeugen. Der Impfstoff verlängert die mittlere Überlebenszeit von Patienten mit metastasierendem Prostatakrebs nur um gut vier Monate, von 21,4 auf 25,9 Monate. Das bewog die FDA dazu, der Impfung zunächst die Genehmigung zu versagen. Erst nach einer weiteren Studie schaffte das Mittel die Zulassung.

Ihm folgte Ipimilumab, ein Antikörperwirkstoff, den der Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb auf den US-Markt brachte. Es soll den bislang als unheilbar geltenden Schwarzen Hautkrebs bekämpfen. Das Krebsmedikament löst bei den T-Zellen die höchste Stufe der Alarmsirenen aus und bringt so die Truppen des Immunsystems in Gefechtsposition. Doch auch dieser Taktik ist nur ein mäßiger Erfolg beschieden. Die mittlere Überlebenszeit der Patienten verlängerte sich von 6,5 auf zehn Monate. Erkauft wird das mit schweren Nebenwirkungen, darunter Darmentzündungen, Fieber und Atembeschwerden. Einige Patienten starben sogar an heftigen Immunreaktionen.

Bisher verzeichnen die Ansätze vor allem mäßige Erfolge, große gesundheitliche Risiken und gewaltige Kosten: In den USA schlägt ein Therapiezyklus mit drei Infusionen von Sipuleucel-T mit rund 93 000 Dollar zu Buche. Im Falle von Ipilimumab berichteten US-Medien über Kosten von bis zu 120 000 Dollar für eine Behandlung. Kritiker vermuten deshalb hinter so manchem neuen Mittel gegen Krebs faulen Zauber statt der versprochenen „Zauberkugeln“. „Was nützt es dem Krebskranken, wenn er auf eine Therapie anspricht und selbst das Tumorwachstum zum Stillstand kommt, wenn er doch nicht länger lebt oder mit schweren Nebenwirkungen bezahlen muss“, fragt die Berliner Ärztekammer, die sich mit dem Thema jüngst auseinandersetzte. Sie fordert mehr Qualität und Neutralität bei den Zulassungsstudien.

Mit Brentuximab drängt ein weiteres Antikörpermedikament auf den Markt. Das US-Unternehmen Seattle Genetics entwickelte das Mittel gegen aggressive Blutkrebsformen. Die FDA hat das konkurrenzlose Brentuximab bereits für die Behandlung des Hodgkin Lymphoms unter Auflagen zugelassen, obwohl es erst bei 20 Patienten getestet wurde. Es soll dafür sorgen, dass Betroffene bis zu einer Knochenmarktransplantation länger und mit weniger Beschwerden überleben. Das gelang immerhin bei sechs der Patienten.

Einen „individuellen Impfstoff“ gegen eine weitere Blutkrebsform, das sogenannte follikuläre Non-Hodgkin-Lyphom, entwickelt die Bayer-Tochter Icon Genetics. Dabei vervielfältigen die Wissenschaftler Gene für die Tumorerkennungsmerkmale aus den Krebszellen des Patienten in Tabakpflanzen. Daraus lässt sich dann innerhalb von fünf bis zehn Tagen im Labor ein Impfstoff herstellen, der das Immunsystem des Patienten dazu anregt, Antikörper zu bilden.

Weitere therapeutische Impfstoffe sind derzeit in der Entwicklung oder Erprobung, so der Verband Forschender Arzneimittelhersteller. Darunter seien Mittel gegen Nierenkrebs, nicht-kleinzelligen Lungenkrebs und Brustkrebs. Trotz erster Erfolge – an ein „Zaubermittel“ gegen Krebs glaubt selbst die Pharmaindustrie nicht: „Ein universelles Medikament gegen alle Formen von Krebs wird es niemals geben.“

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Quelle: Onmeda

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