kalaydo.de Anzeigen

Medizin

08. September 2011

Neue Narkoseform: Der sanfte Schlaf im OP

 Von Jana Schlütter
Augen zu und durch: Aus einer Narkose mit dem Edelgas Xenon wachen Patienten rascher wieder auf als aus einer herkömmlichen Anästhesie.  

Eine Narkose mit dem Edelgas Xenon schont Herz, Kreislauf und Hirn, ist aber teuer. Nun geht es darum, welche Patienten sie wirklich benötigen

Drucken per Mail

Eine Narkose mit dem Edelgas Xenon schont Herz, Kreislauf und Hirn, ist aber teuer. Nun geht es darum, welche Patienten sie wirklich benötigen

Schon wieder eine Operation, die dritte in drei Jahren. Dieses Mal ist es die Hüfte; das künstliche Hüftgelenk der 87-Jährigen muss ausgetauscht werden. Sie hat Angst. Nicht so sehr vor den Schmerzen, die würde sie schon durchstehen. Vielmehr macht ihr die Narkose zu schaffen. Zweimal musste sie erleben, dass sie nach einer Operation tagelang verwirrt war.

Die Ärzte nannten ihren Zustand Delir. Sie mussten die Berlinerin auf der Intensivstation überwachen, aufpassen, dass sie nicht aus dem Bett fällt und sich dabei die Knochen bricht. Sie wusste in dieser Zeit nicht, wo sie war. Aber im Gegensatz zu Alkoholikern, die vergessen, was sie im Vollrausch anstellen, konnte sich die alte Dame hinterher an alles genau erinnern. Für die Tochter war es schwer gewesen, die Mutter so zu sehen. Ihr selbst war es peinlich. Nie wieder will sie so etwas erleben.

        

Die giftgrüne Flasche enthält das Edelgas Xenon.
Die giftgrüne Flasche enthält das Edelgas Xenon.
Foto: waldkrankenhaus (2)

Chefarzt Matthias Reyle-Hahn hört solche Geschichten häufig. Im Gegensatz zu vielen Unikliniken bietet sein Haus, das Evangelische Waldkrankenhaus Spandau, deshalb seit zehn Jahren eine besonders schonende Anästhesie mit dem Edelgas Xenon an. Viele Hochrisiko-Patienten kommen extra an den Stadtrand Berlins: schwer Herzkranke, Multi-Allergiker, Patienten mit einer familiären Veranlagung für eine Überhitzung des Körpers, maligne Hyperthermie genannt. Dabei reagieren die Muskeln zu stark auf herkömmliche Narkosemittel, bei 90 Prozent der Patienten endet das tödlich. Typische Patienten sind auch ältere Menschen, die in der Vergangenheit nach einer Narkose mit einer schweren Verwirrtheit zu kämpfen hatten.

„Die Frau hatte Glück im Unglück“, sagt Reyle-Hahn. Manche finden aus der Verwirrtheit nach der Narkose nicht mehr heraus. Je älter der Patient wird, desto wahrscheinlicher ist dieses Szenario. Warum, weiß keiner. Manch einer hat nur Probleme, die richtigen Worte zu finden, sich Dinge zu merken. Andere gehen über Tisch und Bänke, wollen sich Kanülen entfernen. Wenn so etwas einmal vorkam, passiert es oft bei der nächsten Operation wieder.

        

Eine Narkose wird akribisch überwacht.
Eine Narkose wird akribisch überwacht.

Anders bei Xenon. „In zehn Jahren haben wir keinen einzigen Fall von schwerem Delir nach einer Xenon-Anästhesie gesehen“, sagt Reyle-Hahn. Ganz auszuschließen sei es trotz dieser Erfahrungswerte nicht. „Möglicherweise übersieht man leichte Formen“, sagt er. Das müsse nun an Unikliniken an einer größeren Zahl von Patienten erforscht werden.

Wie solche Forschungsprojekte aussehen könnten, darüber werden Experten auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivtherapie (DGAI) beraten, der am Wochenende in Berlin beginnt. Tagungspräsidentin Claudia Spies wird dort ein Projekt vorstellen, das in ihrem Haus, der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin an der Charité Berlin, bereits geplant ist.

Vor einiger Zeit hat man an der Charité begonnen, das Narkosegas in der Urologie und Gynäkologie zu erproben. „Der stabile Kreislauf unter Xenon kann Ärzte über den wahren Zustand des Patienten täuschen“, sagt Spies. „Deshalb trainieren wir sie erst in einem übersichtlichen Feld, vom nächsten Jahr an verwenden wir Xenon dann auch in der Allgemeinen Chirurgie.“ Die geplante Studie soll klären, ob und warum Xenon einen schweren Delir bei älteren Patienten verhindern kann. Ein entsprechender Antrag ist bereits eingereicht.

Ein besonderes Gas

Xenon kommt in Spuren in der Erdatmosphäre vor. Es ist das teuerste unter den Edelgasen.
Seine narkotisierende Wirkung entdeckten US-Kampftaucher als sie Edelgase als Sauerstoffzusatz testeten. Zugelassen als Narkosemittel wurde Xenon in Deutschland 2005. Es wird in geschlossenen Geräten eingesetzt, die das Gas aus der Atemluft der Patienten zurückgewinnen.
Seine Vorteile: Der Blutdruck bleibt stabil und die Pumpfunktion des Herzens ist unbeeinträchtigt. Im Blut löst sich das Gas kaum. Deshalb gibt der Körper es auch schnell wieder ab. Die Folge: Der Patient wacht rasch wieder aus der Narkose auf.

Es gibt Hinweise darauf, dass Xenon die Hirnzellen schützt – zum Beispiel im Tierversuch mit zu früh geborenen Nagern. Dass das auch beim Menschen funktionieren kann, zeigten im vergangenen Jahr Marianne Thoreson, Professorin für neonatale Neurowissenschaft an der University of Bristol, und John Dingley, ein Anästhesist der Medizinischen Hochschule der Swansea University. Nach einem Notkaiserschnitt atmete Baby Riley Joyce nicht mehr und hatte auch keinen Puls. Selbst als er das überlebte, war sein Schicksal alles andere als sicher. Er drohte durch den Sauerstoffmangel schwere Hirnschäden davon zu tragen.

Sofort wurde er zu den Experten überwiesen. Eine experimentelle Behandlung begann: Sie kühlten das Baby und gaben ihm zusätzlich mit einer speziell für Neugeborene entwickelten Maschine 200 Milliliter Xenon pro Stunde. Sieben Tage später suchte Riley bereits den Blickkontakt seiner Mutter und begann, die erste Milch zu trinken. Ob sich dieser Erfolg wiederholen lässt, wird derzeit in einer Studie überprüft.

„Diese schützenden Eigenschaften von Xenon sind auch für die Narkose bei älteren Patienten interessant“, sagt Spies. Da es hierzu nicht genug Daten gibt, sei die klinische Forschung dazu sinnvoll und dringend erforderlich.

Doch nicht jeder sieht die Narkose mit Xenon so positiv, besonders aufgrund der hohen Kosten ist das Gas umstritten: Je nach Operationslänge kostet die Narkose 150 bis 300 Euro – und damit das zehnfache einer herkömmlichen Narkose mit anderen Gasen wie Isofluran und Sevofluran. Die gesetzlichen Kassen übernehmen die teure Variante nur in Ausnahmefällen. Auf dem DGAI-Kongress wird daher nach den idealen Indikationen für Xenon gesucht: Wer sollte es bekommen? Wer braucht es nicht so dringend?

Für den Anästhesisten Hugo van Aken vom Universitätsklinikum Münster ist Xenon nur ein Traum: „Natürlich kann man damit eine hervorragende Narkose erzeugen“, sagt er. Wirtschaftlich sei es aber nicht möglich, dem Gesundheitssystem die Kosten für eine Narkose aufzubürden, die zehnmal so teuer sei wie die herkömmliche. Außerdem sei das Gas zu rar.

Einfache Mittel wie etwa Farbcodierungen von Medikamenten auf der Intensivstation, ein Fehlermeldesystem und die Umsetzung von Checklisten hält van Aken in der Breite für besser geeignet, um die Patientensicherheit zu erhöhen. Ärzte und Schwestern sollten sich einige scheinbar selbstverständliche Fragen explizit stellen: Welche Seite soll operiert werden? Liegt die Einverständniserklärung vor? Wurde das Narkosegerät überprüft? Hat der Patient eine Allergie?

In Berlin und Brandenburg nutzen bereits 81 Prozent der im Kooperationsverbund Inabbra zusammengeschlossenen Krankenhäuser diese Checkliste. Das habe eine anonyme Umfrage ergeben, sagt Claudia Spies. In den Niederlanden konnten Forscher nachweisen, dass die einfachen Fragen die Komplikationsrate von 15 Prozent auf 10 Prozent senken, die Sterblichkeit reduzierte sich von 1,5 Prozent auf 0,8 Prozent. „Ich kenne kein technisches Verfahren und keinen Wirkstoff, der ähnlich effektiv wäre“, ergänzt van Aken. Xenon hat aus seiner Sicht keine Zukunft.

Dem widerspricht Reyle-Hahn vehement. Die Fakten sprächen für Xenon: „Es ist die beste Narkose, die wir derzeit anbieten können“, sagt er. Das Edelgas wird genau so ausgeatmet wie es eingeatmet wurde. Es schont Herz, Kreislauf und Gehirn. Auch nach 12- bis 16-stündigen Operationen wachen die Patienten innerhalb von Minuten auf und sind ansprechbar. Da während der OP weniger Komplikationen auftreten, verkürze sich auch die Liegedauer.

Außerdem seien die Kosten für die Narkose verschwindend gering im Vergleich zu einem Tag auf der Intensivstation. Reyle-Hahn: „Wir finanzieren das für Risikopatienten aus dem ganz normalen Krankenhausetat. Es zahlt sich aus.“

Jetzt kommentieren

Gesundheit von A-Z

Quelle: Onmeda

Selbsttest
BMI-Rechner

Errechnen Sie Ihren Body-Mass-Index!

Ihr Gewicht (in kg)
Ihre Körpergröße (in cm)
Alter (in Jahren)
Videonachrichten Wissen
Leben
Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Spezial

Vor vierzig Jahren brachen mutige Männer auf, um einen Menschheitstraum zu erfüllen - die Landung auf dem Mond.