Medizin

27. September 2012

Pille für den Mann: Schonfrist für Spermien

 Von Anke Brodmerkel
Samenzellen des Mannes unter dem Mikroskop. Mit bloßem Auge sind sie nicht zu erkennen, sie sind nur 0,042 Millimeter lang. Ein Milliliter Samenflüssigkeit enthält bis zu 150 Millionen Spermien. Foto: getty images

Immer wieder wurde die Pille für den Mann angekündigt. Gekommen ist sie nie. Die hormonelle Verhütung bleibt somit wie gehabt den Frauen überlassen - Neue Hoffnungen zur männlichen Verhütung ruhen nun auf nicht-hormonellen Ansätzen.

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Immer wieder wurde die Pille für den Mann angekündigt. Gekommen ist sie nie. Die hormonelle Verhütung bleibt somit wie gehabt den Frauen überlassen - Neue Hoffnungen zur männlichen Verhütung ruhen nun auf nicht-hormonellen Ansätzen.

Gut zehn Wochen bis zur Reife

Bei jedem Samenerguss stößt ein gesunder Mann zwei bis sechs Milliliter Sperma aus. Ein Milliliter kann bis zu 150 Millionen Samenzellen enthalten, die Spermien. Die Samenflüssigkeit dient ihnen als Vehikel, um zu der weiblichen Eizelle zu gelangen.

Die Entwicklung der Spermien erfolgt in den Hoden. Jeder Hoden besteht aus etwa 250 Läppchen, die durch Bindegewebe voneinander getrennt sind. In den Läppchen liegen die Hodenkanälchen. Hier reifen die Spermien unter dem Einfluss der Hormone Testosteron und FSH (follikelstimulierendes Hormon) aus Vorstufen der Spermien, den Spermatogonien, heran. Dieser Prozess dauert etwa 72 Tage.

Die reifen Spermien wandern in die Nebenhoden, wo sie bis zum nächsten Samenerguss gespeichert werden. Über die Samenleiter gelangen sie in die Harnröhre. Gewöhnlich produziert ein Mann bis ins hohe Alter hinein reife Spermien. Schwere Krankheiten, verschiedene Giftstoffe, aber auch hohe Temperaturen können die Reifung stören.

Forschern gelingt Meilenstein“, „Die Pille für den Mann rückt näher“, „Neue Hoffnung auf Pille für den Mann“. In den vergangenen Wochen hat wohl so ziemlich jede Zeitung, zum Teil mit fulminanten Worten, ein neues Verhütungsmittel in Aussicht gestellt, das ausnahmsweise einmal nicht die Frauen einzunehmen hätten.

Einige Blätter sprachen gar von einer bahnbrechenden Entdeckung, die die US-Forscher um Martin Matzuk und James Bradner gemacht hätten. Zur Erinnerung: Die beiden Wissenschaftler vom Baylor College of Medicine in Houston und der Harvard Medical School in Boston hatten in der Fachzeitschrift Cell eine Substanz namens JQ1 vorgestellt, die ursprünglich als ein neues Krebsmedikament vorgesehen war, dann aber mit einer völlig neuen Eigenschaft punktete: Der Wirkstoff verhindert die Reifung der männlichen Spermien in den Hoden – und zwar nur so lange, wie er eingenommen wird.

Beim Mäuserich klappt es

Schnell musste der gespannte Leser jedoch feststellen, dass die vorgestellte Methode bislang nur bei Mäusen funktioniert. Und dass es nicht sicher ist, ob sich das Verfahren in seiner jetzigen Form auf den Menschen übertragen lässt. Eberhard Nieschlag hält das sogar für ziemlich unwahrscheinlich. „Bei der verwendeten Substanz ist die Gefahr groß, dass sie nicht nur in die Hoden, sondern auch ins Gehirn eindringt – und dort nicht kalkulierbare Schäden anrichten würde“, sagt der ehemalige Leiter des Instituts für Reproduktionsmedizin am Universitätsklinikum Münster.

Nieschlag hat sich wie kein zweiter Wissenschaftler in Deutschland sein ganzes Forscherleben lang damit beschäftigt, eine Pille für den Mann zu entwickeln. Inzwischen klingt der emeritierte Professor ziemlich desillusioniert. „Mit einem solchen Präparat lässt sich kaum Geld verdienen“, sagt er. „Und deswegen haben die Pharmafirmen kein Interesse daran, es auf den Markt zu bringen.“

Dabei war die Pille für den Mann immer wieder angekündigt worden. Vor allem das Berliner Unternehmen Schering hatte daran geforscht, und mehrere Male schien ein Präparat kurz vor der Marktzulassung zu stehen. Doch als die Firma im Jahr 2006 von dem Pharmariesen Bayer geschluckt wurde, endete die Forschung an einem Verhütungsmittel für Männer abrupt.

Der jüngste Tiefschlag auf dem Forschungsfeld wurde im vergangenen Jahr publik. Damals stoppte die WHO eine Studie, bei der eine Verhütungsspritze an rund 400 männlichen Probanden getestet worden war. Die Männer, die aus insgesamt acht Ländern kamen, hatten alle acht Wochen einen Hormoncocktail aus einem Testosteron und einem künstlichen Gestagen erhalten. Kinder konnten die Probanden so keine mehr zeugen. Insofern hätte die Anti-Baby-Spritze eigentlich als Erfolg verbucht werden können.

Allerdings klagte jeder zehnte Mann über Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen, eine veränderte Libido und Gewichtszunahme – Symptome also, die Frauen, die die Pille einnehmen, nur allzu gut kennen. „Bei 90 Prozent der Männer hat die Spritze reibungslos funktioniert“, ließ der Leiter der Studie, Michael Zitzmann vom Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie in Münster, im Sommer 2011 verlauten. „Zehn Prozent mit Nebenwirkungen sind aber einfach zu viel.“ Vor allem ältere Familienväter litten unter unerwünschten Symptomen. So auch der englische Medizinjournalist Clint Witchalls, dreifacher Vater, 41 Jahre alt: „Noch vor ein paar Monaten strotzte ich vor Arroganz und Angeberei, heute bin ich oft ein jämmerliches, wehleidiges Wrack“, bringt Witchalls die Erfahrungen, die er mit der Verhütungsspritze gemacht hat, in seinem Buch „Die Pille und ich“ auf den Punkt.

Sind Männer einfach zu wehleidig für ein hormonelles Mittel? „Ich glaube schon, dass sie weniger leidensfähig als Frauen sind“, sagt Eberhard Nieschlag. Interessant findet es der Experte zudem, dass in der Ethikkommission der WHO, die die Studie gestoppt hat, lauter Männer saßen: „Und zwar keine Andrologen, sondern vorwiegend Gynäkologen, die sich mit Männern kaum auskennen.“ Nieschlag kritisiert auch, dass es bei der Studie keine Kontrollgruppe gab. „Aus früheren Untersuchungen wissen wir, dass Männer, die nur ein Placebo erhalten, meist ebenfalls über Nebenwirkungen klagen“, sagt er. Er geht davon aus, dass sich Stimmungsschwankungen oder eine gestörte Libido mit anderer Dosierung in den Griff bekommen ließen.

Die Risiken schein kalkulierbar

Wolfgang Weidner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Andrologie, hält das Kapitel der hormonellen Präparate für Männer im Grunde für beendet: „Das Konzept ist gut, die Methode funktioniert – und trotzdem glaube ich nicht mehr daran, dass genügend Männer bereit sind, jahrelang Hormone zu schlucken“, sagt der Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie, Kinderurologie und Andrologie des Universitätsklinikums Gießen. Über den Abbruch der WHO-Studie wundert sich Weidner noch immer: WEidner: „Bis heute sind, aus mir unerklärlichen Gründen, keine Details zu den Nebenwirkungen bekannt geworden.“ Er selbst hält die Risiken nämlich durchaus für kalkulierbar.

Schieben die Männer das Thema Verhütung also nach wie vor lieber ihren leidensfähigeren Partnerinnen in die Schuhe? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. In einer Umfrage der Bayer Pharma AG aus dem Jahr 2007 hielten 49 Prozent der befragten Männer eine Pille für den Mann zumindest für begrüßenswert. Wie viele der Befürworter ein Hormonpräparat dann auch tatsächlich einnehmen würden, lässt sich aus einer solchen Umfrage jedoch kaum herauslesen. Immerhin 18 Prozent der Befragten hätten eine Antibabypille, die sie selber schlucken müssten, von vorneherein abgelehnt, berichtete der Leiter des Surveys, der Androloge Farid Saad, im Mai auf dem Europäischen Kongress für Endokrinologie in Florenz.

Ein Präparat, das nicht in den sensiblen Hormonhaushalt eingreift, hätte bei den Männern womöglich bessere Chancen. Der Ansatz mit JQ1 ist da nur eine möglich Methode. Im Mai berichteten schottische Forscher im Fachblatt Plos Genetics, dass sie bei Mäusen auf das Gen Katnal 1 gestoßen seien, das für die Entwicklung der Spermien unabdingbar sei. Blockiere man es, könnten die Spermien nicht ausreifen – die Mäuse würden vorübergehend unfruchtbar, schrieb das Team um Lee Smith vom Centre for Reproductive Health der University of Edinburgh.

Viele Ansätze, wenig Erfolge

Ein Blick in medizinische Datenbanken zeigt allerdings: Solche und ähnliche Ansätze gibt es zu Dutzenden. Bis heute ist jedoch keiner von ihnen über das Tierversuchsstadium hinausgekommen – zu groß schien offenbar stets die Gefahr unkalkulierbarer Nebenwirkungen zu sein.

Bleiben Männer, was die Verhütung angeht, also weiterhin im 19. Jahrhundert stehen? Man erinnere sich: Kondome gibt es seit 1840 und eine Vasektomie, die Durchtrennung der Samenleiter, wurde erstmals um 1890 vorgenommen. Ende November wird in Berlin der Europäische Kongress für Andrologie beginnen. Wolfgang Weidner ist einer der beiden Präsidenten dieser Tagung. „Bis jetzt ist kein einziger Beitrag zum Thema Verhütungsmittel eingereicht worden“, sagt er. Es bleibt zu befürchten, dass sich auf dem Gebiet in absehbarer Zeit nur wenig tun wird.

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Quelle: Onmeda

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