Handys sind populär. Zum Jahreswechsel gab es bereits mehr als fünf Milliarden mobile Telefone weltweit. Trotz der massenhaften Verbreitung streiten Wissenschaftler seit Jahren darüber, ob Handystrahlung schädlich ist oder nicht. Jetzt warnen Forscher, dass sich in Israel die Fälle von Ohrspeicheldrüsenkrebs vervierfacht haben. Noch ist unklar, ob wirklich Handys die Ursache für das erhöhte Krebsrisiko sind. Etwas mehr Vorsicht empfehlen Experten ohnehin im Umgang mit dem strahlenden Gerät, das beim Telefonieren nahe an das Gehirn gehalten wird. Vor allem viele Jugendliche sind Dauerplauderer. Häufig lassen sie das Handy einfach nebenher weiterlaufen und hören den Alltag der anderen mit. Stundenlang – die Flatrate macht’s möglich. Aber auch viele Erwachsene werden unruhig, wenn sie ihr Handy nicht bei sich haben.
„Die Anzahl der Fälle von Ohrspeicheldrüsenkrebs in Israel hat sich von 1970 bis 2006 vervierfacht, während die Zahl der Tumoren anderer Speicheldrüsen stabil blieb“, sagt Forschungsgruppenleiter Professor Harold Sgan-Cohen von der Hebrew Universität in Jerusalem .
Die Mediziner hatten Daten des nationalen Krebsregisters ausgewertet. Im selben Zeitraum, in dem der Krebs zunahm, stieg auch die Handynutzung stark an. Allein von 1997 bis 2006 hat sich die Gesprächszeit der telefonierfreudigen Israelis versechsfacht. Allerdings: Dass dieser Anstieg tatsächlich die Ursache für den Krebs ist, behaupten die Forscher nicht. Doch es gibt zumindest einen starken Verdacht.
Immerhin sitzt die kleine Ohrspeicheldrüse direkt dort, wo das Telefon hingehalten wird. Bereits vor drei Jahren berichtete Siegal Sadetzki, Leiterin einer früheren Studie in Israel, dass intensive Handy-Nutzer erhöhte Risiken von Ohrspeicheldrüsenkrebs aufwiesen. Allerdings handelt es sich bei diesem Tumor um eine äußerst seltene Krebsart. Zu Beginn der Untersuchung im Jahr 1960 traten in ganz Israel, also in einer Bevölkerung von damals gut zwei Millionen Menschen, gerade einmal 16 Fälle auf. 2006 waren es dann 64 Fälle, die Bevölkerung war auf 6,5 Millionen gestiegen. Die statistische Untersuchung beruht also nur auf einer sehr geringen Anzahl von Fällen.
Das kritisiert auch Professorin Maria Blettner von der Universität Mainz: „Im Zeitraum der Studie hat sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt. Allein das erklärt schon die Hälfte der Krebszunahme“, sagt die Epidemiologin und Statistikerin. Denn wo es mehr Menschen gibt, werden auch mehr krank. Bleibt noch die andere Hälfte des Anstiegs. Doch Blettner, die sich seit mehr als zehn Jahren mit Gesundheitsschäden durch Handys beschäftigt, warnt vor voreiligen Schlüssen: „Nur weil zwei Prozesse gleichzeitig ablaufen, muss das nicht heißen, das sie auch zusammenhängen“, sagt sie.
„Die Handynutzung ist nur ein Faktor von vielen, die sich in den letzten Jahrzehnten verändert haben: Vielleicht ist in Israel auch der Lärmpegel gestiegen, oder die Ernährungsgewohnheiten haben sich verändert“, meint Maria Blettner. Während die Israelis immer häufiger am Hörer hingen, habe sich auch die Diagnostik verbessert. Durch neue Techniken in der Medizin – wie zum Beispiel die Magnetresonanztomographie (MRT) – könne die Zahl der registrierten Tumore auch deshalb zugenommen haben, weil die Ärzte sie öfter entdeckten, so Blettner. Dass Handystrahlung der Grund für die Zunahme der Krebsfälle sein soll, leuchtet ihr aufgrund der Daten aus Jerusalem nicht ein. Und auch die israelischen Wissenschaftler selbst mahnen weiteren Forschungsbedarf an.
Handystrahlung ist ein Thema, bei dem sich die Geister scheiden – auch unter Wissenschaftlern. In regelmäßigen Abständen erheben sich warnende Stimmen von Forschern, die Gesundheitsschäden durch Handystrahlung festgestellt haben wollen. Und mit ebensolcher Regelmäßigkeit stellen andere Forscher diese Studien in Frage und kritisieren Fehler im Versuchsaufbau.
Dass Handys krank machen, ist nicht auszuschließen, aber offensichtlich auch sehr schwer nachweisbar. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Technik der Handys und ihre Nutzung ständig verändern. Und selbst, als im vergangenen Jahr eine lang erwartete Studie zu Krebs und Handystrahlung als Großprojekt verschiedener Länder fertig wurde – die sogenannte Interphone-Studie – klafften die Interpretationen der Ergebnisse weit auseinander: In ein- und derselben Studie finden die einen Belege für die Gefahrlosigkeit von Handys und die anderen guten Grund zur Sorge.
„Das Handy ist so allgegenwärtig, wie will man da überhaupt messen, ob die Strahlung schädlich ist?“, fragt Sybille Kohlstädt vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Eine Schwierigkeit bestehe schon darin, dass es kaum noch Vergleichsgruppen gebe, die keiner Strahlung ausgesetzt seien.
Allerdings sind elektromagnetische Felder unterschiedlich intensiv. Die Strahlenwirkung von Handys auf den Körper ist nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz um ein Vielfaches stärker als das Feld der Funkmasten, über die Mobiltelefone kommunizieren. Generell ist die Strahlenbelastung dann am höchsten, wenn das Handy aktiv ist (also beim Telefonieren), das Netz schwach ist (und das Gerät intensiv funken muss) und das Mobiltelefon sich sehr nahe am Körper befindet.
Was dabei genau mit Gehirn und Körper passiert, wissen die Mediziner nicht. „Wissenschaftler haben noch keinen Wirkmechanismus gefunden, der an sich schädlich ist“, sagt Anja Schulte-Lutz, Sprecherin vom Bundesamt für Strahlenschutz (BFS). „Im Rahmen des Forschungsstands ist der einzige Effekt, den man bislang nachweisen kann, die Erwärmung des Gewebes.“
Dass Menschen beim Telefonieren heiße Ohren bekommen, liegt nachweislich am Akku, der Wärme abgibt. Und auch die Handyantenne sendet Mikrowellen aus, die genau wie das Küchengerät Mikrowelle für Wärme sorgt. Und das allein reiche schon aus, meint Bernd Rainer Müller, Experte für Handystrahlung beim Umweltverband BUND: „Wärme schädigt automatisch die Zellen und das Gehirn.“ Zwei wichtige Bereiche sind außerdem noch sehr wenig erforscht: Die Langzeitfolgen der Handynutzung und die Wirkung auf Kinder. Gerade letzteres ist ein empfindliches Thema: Experten gehen davon aus, dass der noch nicht ausgewachsene Körper sensibler auf Strahlung reagiert. „Aus ethischen Gründen macht man keine Experimente mit Kindern. Von vielen Forschern und Politikern werden Kinder deshalb als kleine Erwachsene betrachtet und die Werte einfach für sie runtergerechnet“, sagt Müller, der zum Runden Tisch für elektromagnetische Felder des Bundesamtes gehört. Jedoch belaste die Strahlung Kinder stärker: „Kinderköpfe sind kleiner, die Schädelknochen weicher, die Erwärmung im Gewebe damit stärker. Vor allem ist ihr Gehirn noch in der Entwicklung und dadurch sensibler.“
Die vom BFS empfohlenen Strahlungswerte findet Müller unzureichend für Kinder. Zudem sage die Wirkungen der Wärme nichts über andere Schäden durch Handystrahlung aus. Fest steht: Kinder werden länger und intensiver mit Mobiltelefonen im Kontakt sein. Im Gegensatz zu einem älteren Nutzer, der sich sein erstes Gerät vielleicht mit Mitte vierzig zugelegt hat, werden sie im Laufe ihres Lebens noch viele Jahrzehnte lang bestrahlt.
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Die Wirkung auf Kinder haben auch kalifornische Wissenschaftler untersucht. Siebenjährige, die bereits im Mutterleib und nach der Geburt Mobiltelefonen ausgesetzt waren, leiden demnach häufiger unter Verhaltensproblemen. Auf diesen Zusammenhang deutet das Ergebnis ihrer Studie hin, die auf Daten von insgesamt 29 000 Kindern basiert. „Wichtige weitere Variablen, die ebenfalls Einfluss auf das Ergebnis haben könnten, sind beachtet worden“, erklärt Leeka Kheifets von der Universität für öffentliche Gesundheit in Los Angeles. So wurden soziale Schicht, der Lebensstil und die Krankheitsgeschichte der Familien erfasst, um auszuschließen, dass diese der Grund für die Probleme sein könnten.
„Die Studie wirkt gut gemacht“, sagt die Mainzer Professorin Blettner. Restlos überzeugt ist sie dennoch nicht. „Woher weiß ich, dass es wirklich die Strahlung ist und nicht das Telefonieren als solches, das zu den Problemen führt?“ Schwangeren Frauen rät Blettner, das Handy nicht am Körper zu tragen, wo die Strahlung das Baby am stärksten trifft. „Wir sollten keine Panik machen – aber wer ängstlich ist, sollte das Handy während der Schwangerschaft ganz weglassen.“
BUND-Experte Bernd Rainer Müller rät allen, die sich selbst schützen oder die ihrem Nachwuchs das Handy nicht völlig verbieten wollen: „Vor allem Kinder sollten ausschließlich mit der Freisprechanlage telefonieren. Schon wenn das Handy nur 30 bis 40 Zentimeter vom Kopf entfernt ist, werden die Grenzwerte für Strahlung bereits um das Zehn- bis Hundertfache unterschritten.“
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