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Medizin

02. März 2011

Verblüffende Effekte mit Zuckerkügelchen: Placebos mit Heilkraft

 Von Lilo Berg
Verbreiteter als man denkt: Mindestens die Hälfte aller Mediziner weltweit setzt auf Placebos.  Foto: picture-alliance / OKAPIA KG, Ge

Entgegen der landläufigen Meinung ist der Placebo-Effekt keineswegs ein Synonym für Wirkungslosigkeit. Studien belegen verblüffende Effekte. Die Bundesärztekammer empfiehlt den verstärkten Einsatz von Schein-Medikamenten.

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Berlin –  

Ihr Arzt hat Ihnen ein Medikament gegen Schmerzen verordnet? Es könnte sich um ein Placebo, ein Scheinmedikament handeln – und es muss nicht zu Ihrem Nachteil sein. Die meisten Mediziner greifen gelegentlich zu solchen Mitteln, vor allem zur Schmerztherapie, aber auch wenn ihre Patienten über Schlaflosigkeit, depressive Verstimmung oder Verdauungsstörungen klagen. Das geht aus einer umfangreichen Stellungnahme der Bundesärztekammer (BÄK) mit dem Titel „Placebo in der Medizin“ hervor, die am Mittwoch vor Journalisten in Berlin präsentiert wurde.

Entgegen der landläufigen Meinung ist der Placebo-Effekt keineswegs ein Synonym für Wirkungslosigkeit. Im Gegenteil: „Placebos wirken stärker und sehr viel komplexer als bisher angenommen“, betonte Christoph Fuchs, der Hauptgeschäftsführer der BÄK. Ihr Einsatz sei bereits jetzt von enormer Bedeutung für die ärztliche Praxis. Und angesichts der überzeugenden wissenschaftlichen Beweise sei künftig sogar eine stärkere Nutzung empfehlenswert. „Mit dem Einsatz von Placebos lassen sich erwünschte Arzneimittelwirkungen maximieren, unerwünschte Wirkungen verringern und Kosten im Gesundheitssystem sparen“, sagte der Stuttgarter Medizinhistoriker Robert Jütte, unter dessen Leitung die Studie entstand. Sie stellt nicht nur den aktuellen Forschungsstand dar, sondern geht auch auf die rechtliche Grauzone ein, in der sich Ärzte bei der Placebo-Gabe bewegen.

Ärzte als Scheindroge

Welche verblüffenden Effekte sich mit Zuckerkügelchen und anderen Scheintherapeutika erzielen lassen, zeigen immer mehr Studien. Sie helfen zum Beispiel bei Magengeschwüren, und zwar in 59 Prozent der Fälle, wie eine Untersuchung zeigte. Diese Heilungsrate gilt aber nur für die Behandlung in Deutschland. In Brasilien angewandt, wirkte sie nur bei sieben Prozent der Patienten. Neben diesen kulturellen Unterschieden finden sich auch andere Besonderheiten. So lindern teure Placebos Schmerzen besser als preiswerte Placebos. Und wenn Patienten wirkstoffgleiche, aber günstigere Nachahmer-Arzneien erhalten, ist die Wirksamkeit geringer als bei den teureren Originalpräparaten. Auch treten mehr Nebenwirkungen auf. Allerdings, und das betonte Robert Jütte bei der Pressekonferenz, wenn der Hausarzt den Patienten gut über den nicht vorhandenen Unterschied aufklärt, dann gibt es auch keine Unterschiede in der Wirksamkeit.

In diesem Fall hat der Mediziner selbst als Scheindroge gewirkt. Sein Einfluss ist mächtig und beeinflusst jede therapeutische Situation unabhängig davon, ob Placebo oder der Wirkstoff verabreicht wird. Doch nicht immer lässt sich die Wirksamkeit der Droge Arzt so gut quantifizieren wie die von Scheinmedikamenten. Mit Hilfe von Bild gebenden Verfahren konnten Wissenschaftler zum Beispiel nachweisen, dass Antidepressiva und wirkstofffreie Pillen im Gehirn ähnliche Effekte auslösen, allerdings in unterschiedlichen Regionen. „Wir wissen heute recht viel über die Neurobiologie der Placebo-Wirkung“, fasste Jütte zusammen.

Einsatz weit verbreitet

Wie aber verträgt sich der Einsatz von Scheinmedikamenten mit Ethik und Recht? Die neue Stellungnahme nennt zwei Bedingungen: Das Placebo muss dem Patienten mindestens genauso gut helfen wie die Standardtherapie und er muss über den Einsatz informiert werden – zumindest im Groben. Es sei beispielsweise zulässig, dass der Arzt von einer unspezifischen Therapie spreche, um den Begriff Placebo zu vermeiden, sagte Robert Jütte. Dem Arzt überlassen bleibt auch die Wahl des Placebos. Manche sprechen sich mit einem Apotheker im Ort ab.

Wenn der ein Rezept für „Rp. Kaps. Arteficiae grün-weiß“ vorgelegt bekommt, weiß er, dass die speziell angefertigten Pillen ohne Wirkstoff ausgehändigt werden sollen. Im Unterschied zu diesen reinen Placebos verordnen viele Ärzte auch sogenannte unreine Placebos, etwa Vitaminpillen oder Mittel aus der Komplementärmedizin. Jütte: „Oft erhalten die Patienten dann etwas Homöopathisches, weil der behandelnde Arzt das als völlig harmlos ansieht.“

Wie verbreitet der Einsatz von Placebos ist, zeigte im vergangenen Jahr eine Umfrage in Bayern: Dort bekannten sich 88 Prozent der Hausärzte dazu. Weltweit setze mindestens die Hälfte aller Mediziner Scheintherapien ein, heißt es in der neuen Studie. Und die meisten Patienten haben es nicht gemerkt.

Bundesärztekammer (Hrsg.): Placebo in der Medizin, Deutscher Ärzte-Verlag Köln 2011, 193 Seiten, 29,95 Euro.,

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