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Literatur

16. September 2010

Literatur: Mehr, mehr, mehr davon!

 Von Arno Widmann
Mittendrin während der Frankfurter Buchmesse 1982, rechts: Verlegerin und Fotografin Inge Feltrinelli.  Foto:  Meller Marcovicz/Ullstein

Das also ist das Fegefeuer der Eitelkeiten: Heute erscheinen Fritz J. Raddatz’ „Tagebücher“ Bei Raddatz ist Marion Gräfin Dönhoff die "Inge Meysel des Journalismus". Man kann das Buch lesen als anekdotenpralle Klatschgeschichte. Die Bunte ist blass dagegen.

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Es ist der böseste und verliebteste, also der schönste Blick in das intellektuelle Innenleben der Republik: Fritz J. Raddatz’ „Tagebücher – Jahre 1982-2001“. So sieht also unser Fegefeuerchen der Eitelkeiten aus! „… als Kissinger mal in Hamburg war und Sommer zur Gräfin sagt: ,Ach, Henry ist heute Abend bei mir zum Essen, soll ich Ihnen mal seine Nummer geben?‘; die Antwort, sehr leise und wie es in alten Stücken heißt: nebenhin: ,Danke, ich habe die Nummer – er war gestern bei mir zum Tee.‘“

Bei Raddatz ist die damalige Zeit-Herausgeberin „diese Inge Meysel des Journalismus“. Sie ist dusslig, charakterlos. Raddatz, Ex-Feuilletonchef der Zeit, ist wütend und bitter. Aber er hat sicher recht, wenn er schreibt: „Da liegt die Ursache, warum jemand wie die Dönhoff, die ja wahrlich nicht schreiben kann, so großen Erfolg hat: Die Journalistin als Dame oder umgekehrt. Sie schreibt eben immer, ,aber man muss auch … verstehen‘, ob das nun Botha oder Jaruzelski ist, sie hat nie eine kämpferisch-dezidierte Meinung vorgetragen. DAS ist nicht fein, und das duldet man in Deutschland nicht.“ Raddatz ist nicht ausgewogen. Er schüttet alle Kinder mit allen Bädern aus. Wenn sie dann schreien, wundert er sich. Die Tagebücher haben – wie sich das gehört – ein Personenregister. Hier kann jeder die Invektiven über Helmut Schmidt und Joschka Fischer, Richard von Weizsäcker und Rudolf Augstein nachlesen. Er kann sich kundig machen über Gerd Bucerius in einem Brief, den Raddatz an Dahrendorf schrieb. Man erfährt so, dass der Liberalismus der Zeit ihr nicht vom Verleger geschenkt worden war, sondern sie musste ihn ihm immer wieder abringen.

Man kann das Buch lesen als anekdotenpralle Klatschgeschichte. Die Bunte ist blass dagegen. „Ohne Vorwarnung (jedenfalls nach außen wahrnehmbare) hat der Herr von Holtzbrinck den Chefredakteur Roger de Weck gefeuert, die Alt-Herausgeber Dönhoff & Schmidt nicht mal informiert, geschweige denn sich mit ihnen beraten – was beide ohne Murren hinnehmen, mit ihren dürren Preußenärschen an ihren Sesseln sich festklammernd, weil’s ja so angenehm, Büro, Sekretärin und Reisespesen ohne Obergrenze zu haben…“

Man kann die Tagebücher auch als Endlos-Fortsetzungsroman über die Verkommenheit des Kulturbetriebs lesen. Hinter den großen Worten der Feuilletons stehen kaum mehr als die kleinen Eitelkeiten, die gezielten Gehässigkeiten um die Hackordnung streitender Konkurrenten. Die schönen Sätze werden gebildet aus den Ingredienzen Neid und Hass. Das ist der basso continuo dieser Tagebücher. Er wäre schwer zu ertragen, wären da nicht die über ihm sich aufbauenden Melodien. Das Auf und ab des Verhältnisses zu Günter Grass, zu Gabriele Henkel, der „Mondänen“ der Aufzeichnungen, zu Rolf Hochhuth, zu Gabriel García Márquez. Schön und sehr für Raddatz einnehmend das Vier-Zeilen Loblied auf Fragonard. Dessen kluge Schönheit freilich sich einem Hofe verdankte, der noch absurder war als der, den Saint-Simons Nachfolger Fritz J. Raddatz schildert.

Das wirklich Bestrickende an diesen Tagebüchern ist freilich die Persönlichkeit des Autors. Wer die Eitelkeit anderer – mit der eigenen kommt ja jedermann gut zurecht – unerträglich findet, der wird dieses Buch nicht lesen können. Allenfalls in homöopathischen Dosen. Wer aber ein wenig ein Raddatz ist, also selbst eitel genug, um den Blick auf die Eitelkeit der anderen geschärft zu haben, der wird das Buch kaum aus der Hand legen können.

Denn Raddatz zeigt neben der Eitelkeit der anderen auch die eigene. Das macht das Buch gescheit und den Leser dazu. Wenn Fritz J. Raddatz schreibt, dass in einer Runde der größten deutschen Autoren der 80er Jahre keiner dem anderen zuhört, weil jeder den Moment erwischen wollte, wo er sich einklinken kann, dann weiß er das, weil er auch sich dabei ertappt. Auch er will endlich selbst reden. Immer wieder der Gedanke, warum er Jahrzehnte lang immer über andere geschrieben hat, statt selber zu schreiben. „Primärtexte“, wie der Professor, den es in Raddatz ja auch gibt, sagt.

Raddatz spricht auch über seine Sexualität, seine langsam nachlassende Sexualität. Das spielt in den Tagebüchern eine nicht annähernd so große Rolle wie im Leben selbst. Aber es spielt eine Rolle. Es wird ernst und wichtig genommen. Schon allein dafür sind wir Leser ihm dankbar. Ein Befreiungsschlag auch das, weil Raddatz sich nicht schont. Wie er auf Capri bei einem „mitteljungen, schlanken, schnauzbärtigen, behaarten, zierlichen Mann“ abblitzt. Wie er sich die Sache erklärt. „Ich will nicht angeben, sondern mit Sprache streicheln; und das mag zu viel sein. Mein alter/ewiger Fehler: Ich mache die Menschen sich nichtig fühlen, unterlegen; und das weckt instinktiv Aggressionen.“

So flieht er vor der Erkenntnis, dass er mit all den von ihm erwähnten Berühmtheiten – die ja alle berühmt nur sind in der kleinen Welt der Literatur – protzend einfach nur nervte. Das ist rührend, und man will dem grazilen Greis, der er jetzt sich anschickt zu werden, alles Gute wünschen. Dabei wünscht man sich doch einfach – egoistisch wie der Leser nun einmal ist – nur noch mehr solcher Bücher von ihm.

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