Ohne einen Kern von Wahrheit können Ressentiments nicht existieren. Das Gefühl, betrogen oder sonst wie geschmälert worden zu sein, wächst nur dann mit Macht empor, wenn es in einer historischen Tatsache wurzeln kann. Am besten noch einer Tatsache, die den Regierenden Unbehagen verursacht.
Thilo Sarrazin ist ein Meister des Ressentiments; das beweist er auch in der Werbetour für sein neues Buch. Nicht nur wenn es um Ausländer geht, sondern auch in der Euro-Debatte spricht er aus, was viele Deutsche am Stammtisch umtreibt.
Thilo Sarrazin gilt als als Wach- und Krachmacher. Mit scharfer Zunge spricht er über Hartz-IV-Empfänger, Migration und Integration. Sein Buch "Deutschland schafft sich ab" wird zum Bestseller. Seine Thesen stoßen auf heftige Kritik.
Foto: dpaWas sind die die Bestandteile der Anti-Stimmung, die der frühere Berliner Finanzsenator so geschickt schürt?
Das ist zunächst die Nostalgie für die D-Mark, ein verklärter Blick auf eine bundesrepublikanische Vergangenheit ohne Solidaritätszuschlag und Globalisierung. Dazu kommt der Stolz auf die Stärke der deutschen Wirtschaft, ein Stolz, der sich in ein Gefühl moralischer Überlegenheit gegenüber schwächeren Nationen übersteigert hat. Das ist die vermeintlich unverfängliche Form, die der deutsche Nationalismus schon seit den 50er Jahren und der Wirtschaftswunder-Zeit genommen hat.
Dann ist da eine Sicht von Europa, in der Deutschland vor allem als Zahlmeister vorkommt. Und schließlich ist das noch jenes dumpfe Schuldgefühl wegen der Nazi-Untaten, das sich verkehrt hat in den dringenden Wunsch, doch endlich mit der Vergangenheit in Ruhe gelassen zu werden.
Das alles mischt Sarrazin höchst gekonnt zusammen, wenn er den deutschen Befürwortern von Euro-Bonds nachsagt, sie folgten einem "Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld in europäische Hände gelegt haben".
Das funktioniert, weil es einen wahren Kern enthält. Es stimmt, dass Deutschland den Euro nicht nur wegen der Vorteile für die deutsche Wirtschaft einführte. Nach der deutschen Einheit sahen die anderen europäischen Länder, allen voran Frankreich, in der gemeinsamen Währung auch eine Möglichkeit, etwaige deutsch-nationale Alleingänge zu verhindern.
Bundeskanzler Kohl willigte in die Währungsunion ein, auch um die Ängste der Nachbarn zu besänftigen. Auch das, wohlgemerkt, im Interesse Deutschlands. Nur leider hat er das damals nicht offen gesagt. Das Verdruckste dieser Entscheidung legte die Grundlage für Sarrazins Polemik.
Wie viel besser wäre es gewesen, Kohl hätte damals die Deutschen abstimmen lassen über die Einführung des Euro! Ein Referendum hätte jeder Verschwörungstheorie auf lange Sicht den Boden entzogen. Das ist eine Lektion, die die Europäer für künftige Gelegenheiten unbedingt beherzigen sollten.
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