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17. September 2013

Kolumne, Merkel, Wahl: Die Monstermutti

 Von 
Mutti Merkel.  Foto: AFP

Es wird Zeit, dass Merkels innerparteiliche Gegner erkennen, dass sie „Mutti“ nichts anhaben können.

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Wenn Mutti früh zur Arbeit geht/
dann bleibe ich zu Haus./
Ich binde eine Schürze um/
und feg die Stube aus.

Ein Lied für die werktätige Mutti. Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, war es früher in den DDR-Kombinaten zu hören. Gesungen von den Jungen Pionieren, einer Massenorganisation, in der die realsozialistischen Kinder abgerichtet wurden. Wer in Ostdeutschland aufwuchs, kennt das Mutti-Lied. Ob Angela Merkel es wohl leise im Kanzleramt vor sich hinsummt – als Hymne an sich selbst sozusagen?

Lange nicht mehr so gelacht

Schließlich klebt der Beiname „Mutti“ inzwischen wie Sirup an ihr. „Stick with Mutti“ schreibt der Economist; „Heimspiel für Mutti Merkel“ der Stern; „Mädchen, Mutti, Machtfigur“ die Süddeutsche. Wer Merkel sagt, kommt an Mutti nicht vorbei. Und das ist wahrscheinlich der größte politische Sieg einer Frau, die es schon immer verstand, Schmähungen zu schlucken bis sie in Schmeicheleien endeten. Was denkt Merkel wohl, wenn sie „Mutti“ hört? Wahrscheinlich: Lange nicht mehr so gelacht!

Dabei fing die Geschichte gar nicht komisch an. Es war auf einem CDU-Parteitag im Dezember 2008 als Angela Merkel die „schwäbische Hausmutti“ ins Spiel brachte; mit ihrem haushalterischen Alltagsverstand sollte die Schwäbin als Gegenmodell zu den Zockern an den Internationalen Kapitalbörsen herhalten. Das supersimple Beispiel kam den Parteikollegen nur recht.

Eine Witzfigur

Schon lange hatten CDU-Männer nach einem Abwehrzauber gegen ihre Übermutter gesucht. So wurde die „Mutti“ erfunden – was keineswegs liebevoll familiär gemeint war. Im politischen Kontext ist Mutti ganz klar eine Witzfigur. Die mächtigste Frau der Welt wurde zur Herrscherin über Heim und Herd degradiert. Fürsorglich, harmlos, einflussreich nur im privaten Bereich. Und kein anständiger Junge lehnt sich zu Haus gegen die arme Mutti auf.

Arrogant und sexistisch kam die Beschwörungsformel „Mutti“ daher – und war auch genau so gedacht. Als Etikett zum Kleinmachen. Doch wieder hatten die Kerle die Kanzlerin unterschätzt. Diese Frau ist ein lernender Organismus, wann werden die das endlich kapieren? Spätestens mit dem Blick auf die Bundestagswahl fing Merkel an, sich dem Lästerwort anzuverwandeln. Der Mechanismus ist bekannt und trotzdem ein Kunststück. Ein negativer Begriff wird umgedeutet und positiv aufgeladen, bis er zur Auszeichnung mutiert. Reframing nennt die Psychotherapie den Prozess, wenn Wahrnehmungen und Bedeutungen neu gestaltet werden.

Politik entpolitisiert

Nichts anderes hat Angela Merkel mit „Mutti“ gemacht. Nahm die familiäre Figur, machte sie zum politischen Leitbild – und entpolitisierte damit die Politik. Mutti kümmert sich, heißt die alles verschlingende Botschaft. Bleib ruhig Kind, schlaf weiter, Volk! Wo der hochgereckte Mittelfinger ihres Herausforderers Steinbrück ein Phallussymbol ist, zeigt uns Merkels mit ihren zur Raute geformten Händen die mütterliche Vulva. Wer aber braucht verdammt noch mal eine andere Mutter als die eigene? Schon gar in der Politik?

Unverfroren hat sich Angela Merkel zu unser aller Mutter erklärt. Zur Monstermutti, die für das Kind im Wahlvolk auch gleich noch ein Liedchen parat hat.

Ich habe auch ein Puppenkind/
das ist so lieb und fein./
Für dieses kann ich ganz allein/
die rechte Mutti sein.

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