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26. August 2013

„Orientierungshilfe" der EKD: Mehr als biologische Beziehungen

 Von Jürgen Ebach

Vor zwei Monaten erschien die „Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ zum Thema Familie. Von mehreren Seiten ertönt der Vorwurf, dass sich die EKD von grundlegenden biblischen und theologischen Maximen entfernt - Zu unrecht.

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Vor zwei Monaten erschien im Gütersloher Verlagshaus die „Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ zum Thema Familie. Eine „Orientierungshilfe“ ist es und evangelischem Verständnis entsprechend keine lehramtliche Bestimmung dessen, was die Kirchenmitglieder zu glauben und zu tun haben.

Zwei weitere Überschriften – „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ sowie „Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ – kennzeichnen je auf ihre Weise den anthropologischen Rahmen und das soziale Ziel. Die Orientierungshilfe enthält vielfältige konkrete Ausführungen zur Frage, wie Familien vor allem im Blick auf das Wohl der Kinder in Gesellschaft und Kirche zu stärken sind. Sie geht dabei von einem offenen und weiten Familienbegriff aus und nicht mehr vom Modell der bürgerlichen Ehe und Kleinfamilie als alleiniger evangelischer Leitfigur. Da gibt es nicht nur die Kleinfamilie mit Vater, Mutter und zwei Kindern, sondern auch Patchworkfamilien, in denen Kinder mehr als einen Vater und eine Mutter haben, dazu Einelternfamilien, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften und weitere Lebensformen. Es ist das Verdienst der Orientierungshilfe, dass sie all diese Formen wahrnimmt und gleichwertig als Familien anerkennt. Dieser weite Familienbegriff entwertet Ehe und Kleinfamilie in ihrer nach wie vor für die meisten Menschen prägenden Form nicht. Warum sollte etwas weniger wert sein, wenn es nicht mehr allein etwas wert ist?

Von mehreren Seiten wurde der Vorwurf erhoben, die EKD habe sich von grundlegenden biblischen und theologischen Maximen entfernt, um sich einem fragwürdigen Zeitgeist anzupassen. In der Kritik vereinen sich übrigens diejenigen, welche an vertrauten Positionen festhalten wollen, mit denen, welche die Kirche auf eben diese Positionen festlegen wollen, um sich weiterhin über verstaubte Kirchenansichten mokieren zu können.

Hat sich die EKD mit dieser Orientierungshilfe wirklich von biblisch-theologischen Grundlagen entfernt, wenn sie das lange vertretene alleinige Leitbild der bürgerlichen Ehe und Familie aufgibt? Bei Lichte besehen dreht sich die Sache um. Denn nicht der offene Familienbegriff der Orientierungshilfe verabschiedet sich von biblisch-theologischen Grundlagen, vielmehr mangelt es der lange üblichen kirchlichen Propagierung der Ehe und Kleinfamilie an biblischer Begründung. Diese Ehe- und Familienform geht nicht auf die Bibel zurück, sondern auf das Bürgertum des späten 18. und des 19. Jahrhunderts.

Weiter Familienbegriff in der Bibel

In der Bibel gibt es für manche scheinbar neuen Familienformen zahlreiche Beispiele. Da haben Menschen mehr als eine Mutter wie etwa Mose oder mehr als einen Vater wie Jesus. Da gibt es Leihmütter und Samenspender, da bilden die Schwestern Maria und Martha eine Familiengemeinschaft und da gibt es Frauen als Familienvorstand. Viele große Gestalten der Bibel wie Elia, Jesus oder Paulus werden als ehelos geschildert, ohne dass sie damit familienlos wären. Wenn Jesus seine Herkunftsfamilie schroff zurückweist und diejenigen, die ihm nachfolgen, seine Familie nennt, öffnet sich der Blick für einen weiten und jenseits biologischer Beziehungen stehenden Familienbegriff. Das lateinische Wort „familia“ bezeichnet zudem eine Hausgemeinschaft, die auch die Sklavinnen und Sklaven einschließt. Der weite Familienbegriff der Orientierungshilfe entfernt sich also nicht von den biblischen Zeugnissen, sondern schließt an deren Vielfalt an, ohne sie normativ zu setzen.

Die Erinnerung an die Vielfalt biblischer Familienformen kann den Blick weiten. Dass etwas in der Bibel bezeugt ist, macht es aber nicht schon darum zu einer gegenwärtigen Norm. Vielen bibeltreuen Christinnen und Christen ist die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften nicht erträglich, weil an einigen Stellen des Alten und Neuen Testaments männliche homosexuelle Praxis verurteilt wird. Doch an keiner dieser Stellen ist eine auf Liebe gründende gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft im Blick. Die betreffenden Stellen haben darum mit dem, was heute zur Debatte steht, nichts zu tun. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat inzwischen als erste der EKD-Kirchen ganz im Sinne der Orientierungshilfe die Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften kirchenrechtlich einer Trauung von Frau und Mann gleichgestellt.


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Mit diesem Thema verbindet sich eine grundsätzliche Frage. Wenn das biblische Urteil über homosexuelle Praxis eine überzeitlich geltenden Norm sein soll, warum gilt das dann nicht auch für andere, in der Bibel öfter und gewichtiger formulierte Normen wie etwa das Verbot der Zinsen? Die Frage, was in der Bibel heute gelten soll und was nicht, lässt sich nicht mit Zitaten von Bibelworten entscheiden. Nicht selten kann ich einem biblischen Wort nur zustimmen, wenn ich einem anderen widerspreche. Die in verbindlicher Vielfalt in der Bibel aufgehobenen Zeugnisse des gelebten Lebens vieler Menschen in vielen Zeiten und unter verschiedenen Bedingungen sind immer wieder darauf zu befragen, was sie je heute besagen. Darüber ist immer wieder und immer neu zu diskutieren. In diesem Sinn ist die Orientierungshilfe ein der Bibel entsprechender Versuch zu fragen, wie Familien in ihren vielfältigen Formen heute zu stärken sind und wie in ihnen zwischen Autonomie und Angewiesenheit ein menschenwürdiges Leben in Liebe, gegenseitiger und generationsübergreifender Verantwortung, Verlässlichkeit und Treue gestaltet werden kann.

Jürgen Ebach ist emeritierter Professor an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

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