Polen befindet sich im Schockzustand. Es gibt kein Atemholen. Seit einer Woche werden fast jeden Tag mit großem Geleit Särge durch Warschau transportiert. Quälend langsam nur können die 96 Opfer des Absturzes von Smolensk identifiziert und in ihre Heimat überführt werden. Traueranzeigen füllen die Seiten der Zeitungen und die Nation wird täglich neu an die Katastrophe erinnert. Das Trauma wird tiefe Spuren in Polen hinterlassen. Wie verkraftet es ein Land, auf diese tragische Weise einen großen Teil der Elite zu verlieren?
Die Bilder verzweifelt weinender Kinder an den Särgen ihrer Väter und Mütter brennen sich tief in das kollektive Gedächtnis. Doch ist der Absturz nicht nur eine menschliche Tragödie. Die meisten Männer und Frauen an Bord der Maschine hatten hohe Stellungen in Politik, Wirtschaft, Militär und Kirche inne. So verlor Polen in einem einzigen Augenblick fast die gesamte Führung der Armee: den Chef des Generalstabs, die Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte, der Marine, der Luftwaffe, der Spezialkräfte sowie des operativen Führungskommandos. In diesen Fällen müssen Emotionen außen vorgelassen werden und es gilt, die Lücken schnell mit neuen Funktionsträgern zu schließen. Unmittelbar nach dem Absturz erklärte Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski denn auch fast entschuldigend, dass es seine Pflicht sei, innerhalb der nächsten zwei Wochen den Termin für die Wahl eines neuen Präsidenten festzulegen.
In dieser Situation die Alltagsgeschäfte zu führen, ist eine schwierige Gratwanderung, denn es werden grundlegende Fragen aufgeworfen. Wie weit kann und darf man angesichts eine solchen Katastrophe rational und berechnend über die Zukunft diskutieren. Wie schwer es ist, die menschliche und die politische Dimension voneinander zu trennen, verdeutlichen die Diskussionen über Lech Kaczynski, den toten Präsidenten.
Der Staatschef war am Ende seiner Regierungszeit in Polen mehr als umstritten und sehr wahrscheinlich hätte er den Kampf um eine zweite Amtsperiode deutlich verloren. Unmittelbar nach seinem tragischen Tod - und dem seiner sehr beliebten Frau Maria - kannte die Verehrung für ihn allerdings kaum eine Grenze. Die Entscheidung aber, ihn in Krakau auf dem Wawel-Hügel zwischen Königen und Nationalhelden zu beerdigen, wurde im Volk mit völligem Unverständnis aufgenommen. Plötzlich stellte sich die Frage nach Kaczynskis Leistung als Präsident. Die Antwort darauf fällt in den Augen der meisten Polen wenig schmeichelhaft aus.
Die anfangs demonstrierte Einheit der Nation hat durch die Wahl des letzten Ruheortes tiefe Risse bekommen. Der bisher geltende, unausgesprochene Waffenstillstand zwischen den politischen Gegnern scheint kaum noch einzuhalten. Immer häufiger erscheinen inzwischen Berichte darüber, wer wann welche wichtige Position übernehmen möchte. Das Flehen des greisen polnischen Ex-Premiers Tadeusz Mazowiecki wurde nur kurz erhört. Er wollte, "dass die in der polnischen Politik zutage kommende Kleinkrämerei angesichts der Tragödie, die wir erlebt haben, zumindest für einige Zeit verschwindet". Nach der Beerdigung des Präsidenten auf dem Wawel-Hügel in Krakau wird die Schlacht losbrechen. In den Hinterzimmern der Macht werden die Messer dafür bereits jetzt gewetzt.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.