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05. August 2014

Ärztlich begleiteter Suizid: Freie Entscheidung über Leben und Tod

 Von Reiner Hausbalk
Palliativstation in einem deutschen Krankenhaus.  Foto: epd

Deutschland braucht einen rechtlichen Rahmen für einen selbstbestimmten Suizid. Konkrete Entwürfe dazu gibt es längst.

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Wir werden nicht gefragt, ob wir geboren werden wollen, aber in unserem säkularen Staat erlaubt uns das Grundgesetz nicht nur die freie Entscheidung über eine menschenwürdige Lebensgestaltung, sondern auch über die Umstände unseres Todes. Die Einführung der verbindlichen Patientenverfügung (Paragraf 1901a BGB) war ein erster, längst überfälliger Schritte in diese Richtung. Was fehlt, sind rechtliche Rahmenbedingungen eines auf freier Selbstbestimmung beruhenden ärztlich begleiteten Suizids.

Die Folge dieses Fehls sind laut Statistischem Bundesamt 9890 Personen, die im Jahr 2012 einen Suizid unternahmen, das heißt 30 Prozent der nicht natürlichen Todesfälle. Dabei liegt der Anteil der Männer mit 74 Prozent fast dreimal so hoch wie der der Frauen mit 26 Prozent. Bei den in der Regel unwürdigen Begleitumständen werden meist Unbeteiligte hineingezogen – wie zum Beispiel Zugführer, wenn sich jemand mit Suizidabsicht vor eine Bahn wirft. Die derzeitige Gesetzeslage in Deutschland verbietet zu Recht die aktive Sterbehilfe, aber die Beihilfe zum straffreien Suizid ist folglich auch straffrei. Der derzeitige Versuch konservativer politischer Kreise, mit Unterstützung der Amtskirchen und ärztlicher Standesvertreter, die Sterbehilfe zu kriminalisieren, führt jedoch gerade in die vom Grundgesetz nicht gewollte Entmündigung – und damit zu weiteren „nicht natürlichen“ Todesfällen. Dabei wäre eine die Menschenwürde und freie Entfaltung der Persönlichkeit anerkennende gesetzliche Regelung mit Rechtssicherheit für alle Beteiligten die sinnvollere Lösung.

Diese Lücke beabsichtigt ein von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. (DGHS) im November 2012 vorgestelltes Suizidpräventionsgesetz (SPG) zu füllen. Als Muster dient das Schwangerschaftskonfliktgesetz für die Verfahrensweise sowie die in der Schweiz bewährten strikten Regelungen für die Ausstellung eines Beratungsscheins. Die Suizidprävention steht dabei im Vordergrund. Daher sieht das SPG zunächst eine intensive, anonym gehaltene Beratung eines Sterbewilligen durch staatlich anerkannte und kontrollierte Beratungsstellen vor, um Kurzschlusshandlungen zu vermeiden und Hilfestellungen in Fällen von sozialer und wirtschaftlicher Not und bei psychosozialen Konflikten anzubieten. Sprechen nach den Ergebnissen des Beratungsgesprächs Gründe für die Annahme, dass der Beratene an einer psychischen Erkrankung leidet, die ihn zu suizidalen Gedanken veranlasst, so ist ihm Hilfestellung zur weiteren Beratung und Behandlung seiner Krankheit zu geben; eine Zwangseinweisung als Ergebnis des Beratungsgesprächs hat allerdings zu unterbleiben. Die Beratung sollte auch in Alten- und Pflegeheimen ohne Einfluss von außen ermöglicht werden.

Die Voraussetzungen zur möglichen Ausstellung eines Beratungsscheines sind äußerst streng. Unter anderem ist die Suizidhilfe nur dann zu gewähren, wenn der Suizidwunsch aus einem schweren, krankheitsbedingten Leiden heraus entstanden ist. Der Begriff der Krankheit ist dabei weit auszulegen und umfasst zum Beispiel auch Leiden infolge eines Unfalls oder einer schweren Behinderung. Es dürfen weiterhin keine Zweifel an dem Urteilsvermögen der suizidwilligen Person mit Bezug auf ihren Entscheid, sich mit Hilfe eines Arztes das Leben zu nehmen, bestehen. Ist die Suizidalität Ausdruck oder Symptom einer psychischen Krankheit, darf grundsätzlich keine Suizidhilfe gewährt werden.

Erst nach Abschluss der Beratungen ist dem Hilfesuchenden eine Beratungsbescheinigung auszustellen, die es ihm ermöglicht, einen Arzt seiner Wahl aufzusuchen, der ihm bei einem Suizid behilflich ist. Ärzte handeln nach ihrem Gewissen. Folglich muss es ihnen freigestellt werden, ob sie bei einem Suizid assistieren (wie viele fürsorgliche Hausärzte es schon heute tun) oder nicht. Auf jeden Fall kann es ihnen nicht durch einen dem Grundgesetz widersprechenden Bundesärztekammerbeschluss verboten werden, wie die Causa Arnold gezeigt hat (Az VG9K63.09).

Neben der Formulierung rechtlicher Rahmenbedingungen ist es ein Ziel des Gesetzes, die Kommerzialisierung der Sterbehilfe zu verhindern, die ethisch selbst bei weiter Auslegung des Selbstbestimmungsrechts der Menschenwürde widerspricht.

Zum anderen – so zeigen die Erfahrungen in der Schweiz – tritt der Wunsch nach einem raschen ärztlich begleiteten Suizid häufig in den Hintergrund, wenn die Menschen wissen, dass ihnen im Notfall geholfen wird. Des Öfteren tritt der natürliche Tod früher ein als durch die Einnahme eines tödlichen Medikamentes.


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Last not least kommt die Generation der 68er, die sich nicht von Kirchen- und Standesvertretern bevormunden lässt, jetzt in das Seniorenalter. Sie wollen auch im Alter ihr Leben selbstbestimmt gestalten – bis hin zum Tod. Dies spiegelt sich auch in einer von der Krankenkasse DAK in Auftrag gegebenen repräsentativen Forsa-Umfrage im Januar dieses Jahres wider. Demnach möchten 70 Prozent der Deutschen im Falle einer schweren Erkrankung für sich selbst die Möglichkeit haben, zum Beispiel auf ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung zurückgreifen zu können.

Ermutigend ist, dass selbst bei Vertretern der Kirche zumindest im engsten privaten Kreis ein Umdenken stattfindet. In einem Interview mit dem Magazin Stern bekannte der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland Nikolaus Schneider, dass er seine Frau auch in die Schweiz zur Sterbehilfe begleiten würde. Warum also nicht endlich einen mutigen Schritt weiter gehen?

Reiner Hausbalk ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) und Autor des Suizidpräventionsgesetzes.

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