Strahlend weiß ragt der Obelisk des Washington Monuments in den Himmel. Im Rollstuhl fährt Judi Johnson aus Texas langsam über die legendäre National Mall der US-Hauptstadt. Die anstrengende Reise hat sie auf sich genommen. Sie möchte an ihren Sohn Richard erinnern, der 1994 durch die Immunschwächekrankheit Aids gestorben ist. Ihm zur Ehre hat sie eines der Stoffstücke des gewaltigen Aids Memorial Quilt gestaltet. Die Arbeiten sind über weite Flächen ausgelegt.
Es sind viele Einzelschicksale, die sich hier zeigen. Tim Wallin schnäuzt in ein Taschentuch. Auch er ist nach Washington zur Welt-Aids-Konferenz gekommen. Wallin hat seinen Freund Gregg Berg 1993 verloren. Neben den vielen einfachen Menschen sind es Stars wie der britische Musiker Elton John, der mit seinem Partner David Furnish einen Teil des Aids Memorial Quilt in die Kameras hält.
Liebe, Mitgefühl, Verzweiflung, Trauer – das lässt sich hier in Zahlen ausdrücken. Fast 50.000 Decken haben Hinterbliebene von Aids-Opfern gestrickt, gehäkelt oder gemalt. Manche sind schlicht gehalten. James Warren Nichols 1949-1991 steht auf einem, „Ich vermisse Dich“ auf dem von Paul Morris 1946-1987. Lang ist’s her. Im Todesjahr von Paul Morris starteten einige Aktivisten in San Francisco mit dem Quilt, um zu erinnern und ein Zeichen gegen Aids zu setzen.
Vor allem die Hoffnungen auf einen Impfstoff haben sich bislang nicht erfüllt. Ein Grund dafür besteht in der Besonderheit des HI-Virus, sich in den Helferzellen des Immunsystems selbst einzunisten und sie zu zerstören. Mit modernen Kombinationspräparaten, die das Virus an verschiedenen Punkten seiner Vermehrung in der Zelle angreifen, ist es heute zumindest möglich, die Viren bis unter die Nachweisgrenze zu drücken. Die HI-Infektion wird dadurch auf den Stand einer chronischen Krankheit eingefroren, die den Betroffenen eine fast normale Lebenserwartung beschert. Allerdings müssen die antiviralen Medikamente ein Leben lang eingenommen werden. Alarmierend ist, dass das Virus laut der in Washington von der Weltgesundheitsorganisation vorgestellten Daten gegen immer mehr Medikamente resistent wird.
Die Verhütung von Neuinfektionen bleibt daher ein besonders wichtiges Ziel. Kondome sind das einfachste und billigste Mittel, um das zu erreichen. Zudem sind sexuell aktive Menschen auch anderen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis oder Tripper ausgesetzt, deren Übertragung dadurch ebenfalls erschwert wird.
Experten beobachten mit Sorge, dass einzelne Risikogruppen sich nicht schützen und es offenbar auf eine Infektion ankommen lassen. Eine Ursache ist, dass viele junge Menschen die furchtbaren Aids-Todesfälle der 80er-Jahre nicht mehr miterlebt haben. Hier muss die gezielte Aufklärung fortgeführt oder sogar intensiviert werden. Positiv dabei ist, dass in liberalen Staaten, die auf offene Prävention setzen, die Neuerkrankungsraten niedrig sind. So benutzen heute in Deutschland 75 Prozent der jungen Menschen Kondome beim Sex, in den USA sind es nur 60 Prozent.
Hoffnungen richten sich auch auf den Wirkstoff Tenofovir, der bereits seit zehn Jahren zur HIV-Behandlung zugelassen ist. Neuere Studien belegen, dass er auch vorbeugend wirksam ist. Ob er das Risiko bis zu 75 Prozent oder deutlich geringer senkt, darüber streiten momentan die Experten. Zumindest scheint der Wirkstoff bei Männern besser zu wirken als bei Frauen. In Washington wird auch wieder die Hoffnung geweckt, eine HIV-Infektion möglicherweise doch ausheilen zu können. Anlass dazu bietet der gegen Krebs eingesetzte Wirkstoff Vorinostat. Anfang des Jahres waren Studien veröffentlicht worden, dass damit auch in Zellen schlafende HI-Viren, die sich bislang den antiviralen Medikamenten entziehen, freigesetzt und vernichtet werden könnten. Allerdings hat Vorinostat schwere Nebenwirkungen und es ist noch völlig unklar, ob sich diese ersten Tests in wirkliche Heilungen umsetzen lassen.
Hoffnungslos ist die Situation dennoch nicht. So kann die Übertragung des Virus von HIV-infizierten Müttern auf ihr Neugeborenes mit preiswerten Medikamenten verhindert werden – wenn sie denn überall verfügbar wären. Und in vielen armen Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas – auch in den USA – bekommen viele Infizierte keine oder unzureichend Medikamente. Es fehlt schlicht an ausreichend vielen Programmen zur Eindämmung der Infektion.
Der Aids Memorial Quilt wird deshalb leider weiter wachsen. Ein Ende der weltweiten Seuche ist auch nach nunmehr 30 Jahren nicht in Sicht. Auf der National Mall in Washington sprach Martin Luther King in den 60er-Jahren seine berühmten Worte „I have a dream“, mit denen er die Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA einforderte. Hier versammelten sich zwei Millionen Menschen zur Amtseinführung des ersten dunkelhäutigen US-Präsidenten, Barack Obama. Am Freitag packen Helfer den Aids Memorial Quilt wieder ein. Für die nächste Mahnung.
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