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14. August 2012

Analyse : Lehren aus dem Göttinger Skandal

 Von Hartmut Kliemt
Die Verteilung von Organtransplantanten bedarf eindeutiger und transparenter Verfahren.  Foto: dpa

Bei der Verteilung von Spenderorganen sollten jene bevorzugt werden, die zuvor spenderwillig waren. Lücken im Organisationsablauf müssen geschlossen werden.

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Organtransplantate sind äußerst knapp. Ihre Verteilung muss von rechtlichen Regeln und nicht von Ärzten bestimmt werden. Die Gleichbehandlung aller Bedürftigen nach überprüfbaren und transparenten Zuteilungsverfahren ist Voraussetzung dafür, dass die Bürger die Transplantationsmedizin akzeptieren und sie als potenzielle Spender unterstützen. Im Falle von Nieren verstorbener Spender werden die in Deutschland wartenden Transplantationsbedürftigen auf einer einheitlichen Warteliste geführt. Für jedes verfügbare Organ wird „ohne Ansehung der Person“ von Eurotransplant mit einem Computerprogramm ein Empfänger bestimmt.

Auch für die Zuordnung von Spenderlebern wurden in Deutschland seit 2006 Kriterien für kritisch Leberkranke eingeführt, die auf dem amerikanischen „Model for End-Stage Liver Disease“ (MELD) basieren. Diese Regeln sind ebenfalls von vorbildlicher (rechtlicher) Bestimmtheit. Patienten, die auf eine Spenderleber warten, werden in eine Rangfolge gebracht. Die Organe werden an sie aufgrund physiologischer, objektiv messbarer Parameter und nicht nach ärztlichem Ermessen vergeben.

 Hartmut Kliemt
Hartmut Kliemt

Die Einführung des MELD sollte verhindern, dass Ärzte ihre eigenen Patienten durch Interpretation der Regeln bevorzugen können. Der aktuelle Skandal um die Göttinger (und Regensburger) Transplantationen bestätigt gerade, dass dies prinzipiell gelungen ist. Der beschuldigte Mediziner konnte die Regeln offenkundig nicht zugunsten seiner Patienten interpretieren, sondern musste diese objektiv erkennbar brechen. Nun kann er, sollte sich der Verdacht bestätigen, dafür auch belangt werden. Dies wird von Nachahmung abschrecken.

All dies ist an sich positiv. Die Lücke im Organisationsablauf der Organzuteilung, die den Regelbruch ermöglichte, muss allerdings umgehend geschlossen werden. Die Organisationsabläufe der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) und der beteiligten Kliniken gehören auf den Prüfstand. Sie sollten überdies in Zukunft von unabhängigen Prüfern, ähnlich wie die Autos vom TÜV, zertifiziert werden.

Aus dem gegebenen Anlass müssen wir uns aber auch verstärkt mit Sonderregelungen befassen, die zur Ergänzung der zunächst klaren Regeln eingeführt wurden. Wenn man etwa Nieren bevorzugt an Kinder vergibt, um diesen ein normales Wachstum zu ermöglichen, ist das akzeptabel. Es gibt dafür nicht nur einen guten Grund, sondern es erfolgt selbst nach einheitlichen und prüfbaren Sonder-Regelungen. Etwas ganz anderes ist es, wenn die Ausnahmeregeln wie im Falle der Verteilung postmortal gespendeter Lebern überhandnehmen. Wenn als kritisch eingestufte Organe an Transplantationszentren verbleiben und dort an den allgemeinen Vergabeverfahren vorbei nach ärztlichem Ermessen vergeben werden, unterminiert das die Prinzipien der Gleichbehandlung aller Kranken.

Wer nehmen will, sollte auch geben

Ärzte, die ihre eigene Rolle ernst nehmen, sind immer zuerst ihren jeweiligen Patienten und nicht der Allgemeinheit aller Patienten verpflichtet. Als Patienten erwarten wir, dass unser Arzt speziell für uns im Rahmen des Zulässigen Partei ergreift. Als Bürger dürfen wir erwarten, dass alle Regelverletzungen, die grundlegende Verteilungsfragen und die Gleichbehandlung von Patienten betreffen, mit Nachdruck und allen rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft werden.

Die Bestimmtheit der auf dem MELD basierenden Regeln ist vorbildlich. Die vielen Ausnahmen von den Regeln, die zunehmend zugelassen wurden, sind aber solange keinesfalls vorbildlich, wie sie nicht selbst in allgemeine Regeln gefasst werden. Hier gibt es einen eindeutigen Verbesserungsbedarf. Aber wir müssen uns auch an unsere eigenen Nasen fassen. Denn wer nehmen will, sollte auch zum Geben bereit sein. Die Verteilungsregeln sollten die zuvor Spendenwilligen bevorzugen, wenn sie später einmal spendenbedürftig werden. Eine Vergabe von Prioritätspunkten proportional zur Zeit der dokumentierten eigenen Spendenbereitschaft ist objektiv bestimmbar. Sie kann die Verteilung gerechter gestalten und die Knappheit mildern.

Warum es zulässig sein soll, dass von zwei gleichbedürftigen und gleichgeeigneten Empfängern ausgerechnet derjenige ein knappes Organ erhalten darf, der sich selbst nicht zur Spende bereiterklärt hat, ist schwer nachvollziehbar. Jeder ist fähig, eine Spendenerklärung abzugeben. Der solidarisch Spendenwillige sollte bevorzugt unsere Solidarität erfahren, wenn es nur ein Organ gibt.

Jede Maßnahme, die der Organknappheit unter Bewahrung rechtsstaatlicher Prinzipien entgegenwirken kann, sollten wir vorurteilsfrei diskutieren. Denn wir alle können so krank werden, dass unser Überleben von einem knappen Spenderorgan abhängt. Spenden wir also!

Hartmut Kliemt ist Professor für Philosophie und Ökonomik, Mitglied der DFG-Forschergruppe „Priorisierung in der Medizin“ sowie Vizepräsident Forschung an der Frankfurt School of Finance & Management.

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