Auch damals, vor 125 Jahren, war der Winter kalt, als Reichskanzler Otto von Bismarck die Vertreter von insgesamt 14 Nationen in sein Palais in der Wilhelmstraße 77 zu einer Konferenz einlud. Es ging um Afrika, jenen sonnenverwöhnten Nachbarkontinent, den aufzuteilen sich die europäischen Großmächte gerade angeschickt hatten. Dass ausgerechnet der Regierungschef des kaum 14 Jahre alten Reichs zu der Afrika-Konferenz geladen hatte, verwunderte die Zeitgenossen. Schließlich war Deutschland bisher kaum als Kolonialnation aufgefallen; der eiserne Kanzler selbst galt sogar als ausgemachter Kolonialisierungs-Gegner. "Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön", soll er einem begeisterten Forscher kühl entgegnet haben, "aber meine Karte von Afrika liegt hier in Europa."
Daran änderte auch der mit der Berliner Konferenz eingeleitete Stimmungsumschwung des Eisenkanzlers nichts. Selbst als Bismarck seine Kolonialhunde Carl Peters & Co zur Unterwerfung der noch übrig gebliebenen Teile des afrikanischen "Niemandslands" losließ, ging es dem Machtpolitiker keineswegs, wie in seiner Eröffnungsrede zur Konferenz behauptet, um die "Zivilisierung der Eingeborenen", sondern um die Untermauerung des deutschen Großmachtanspruchs; seine Karte von Afrika lag weiter in Europa.
Genau dort ging auch kurz darauf der Traum vom deutschen Imperium wieder zu Bruch. Mit dem Ersten Weltkrieg verlor das Reich seine Kolonien wieder und damit jegliches Interesse an Afrika. Nicht einmal der "Größte Feldherr aller Zeiten" wollte den un-arischen Kontinent in seinen Wahn von der Weltherrschaft einschließen.
Auch im demokratischen Nachkriegsstaat änderte sich an dem Desinteresse nicht viel. Für die deutsche Außenpolitik blieb Afrika im Allgemeinen, was für Bayern-Chef Uli Hoeneß das Austragungsland der Fußball-WM im Süden im Besonderen ist: unheimlich, unwirtlich, ungeeignet.
Dabei hatte die Bundesrepublik eine große Chance, in Afrika eine ganz andere, einzigartige Rolle zu spielen. Als Industrienation, die sich nur kurz und vor langer Zeit als Kolonialherr in Verruf gebracht hatte, waren viele der inzwischen souverän gewordenen afrikanischen Regierungen an einem deutschen Partner hoch interessiert. Er hätte einen Ausgleich zu den französischen und britischen Lobbyisten darstellen können, die sich noch immer als nur dünn bemäntelte Kolonialisten aufspielten. Doch die Republik nahm die Chance nicht wahr. Zu einer eigenständigen Afrika-Politik hat sie nie gefunden.
Heute fragen sich Regierungsmitglieder im Wirtschaftswunderland Angola, wo denn die unternehmerischen Repräsentanten des bisherigen Weltmeisters im Außenhandel bleiben. Die Kongolesen fragen sich, was nach dem Abzug der Bundeswehrsoldaten, die die Wahlen sicherten, eigentlich anders geworden ist. Mancher Afrikaner fragt sich schließlich, warum es die Berliner Regierung nicht einmal für nötig hielt, auf den 125. Jahrestag der berüchtigten Berliner Konferenz einzugehen - von einer Entschuldigung für die damalige Arroganz mal ganz abgesehen.
Die Antwort: Mit einem Entwicklungsminister, der sein Ressort am liebsten wegrationalisieren würde, und einem Außenminister, der sich eher mit Hartz IV als mit Afrika beschäftigt, ist im kalten Berlin vollends die Eiszeit eingekehrt.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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