kalaydo.de Anzeigen

Analyse: Auch für Seeräuber gilt das Völkerrecht

Zwei Anwälte verklagen Deutschland wegen seines Umgangs mit Piraten. Zu klären, ob der rechtmäßig ist, kann dem Kampf gegen Piraterie nur nutzen. Von Steffen Hebestreit

Steffen Hebestreit ist Autor der Dumont-Redaktionsgemeinschaft.
Steffen Hebestreit ist Autor der Dumont-Redaktionsgemeinschaft.
Foto: FR

Manch einem Beobachter mag es als rechtes Bubenstück erscheinen, eines Klaus Störtebeker würdig, was die mutmaßlichen somalischen Piraten nun mit ihrer Klage gegen mehrere Bundesministerien veranstalten. Die ostafrikanischen Seeräuber beschweren sich, dass sie von der deutschen Marine ins benachbarte Kenia verfrachtet worden sind, um ihnen dort den Prozess zu machen, statt ins Tausende Kilometer entfernte Deutschland. Sie sprechen von unwürdigen Haftbedingungen und von europäischen Mindeststandards, die in ihrem Verfahren nicht eingehalten würden.

Es ist das gute Recht der beschuldigten Piraten, die Bundesregierung zu verklagen. Der Rechtsweg steht jedem Angeklagten offen, sei es nun ein Anlagebetrüger, ein Taschendieb, ein Vergewaltiger oder Erpresser, ein Mörder oder eben ein - mutmaßlicher - Seeräuber.

Es ist das gute Recht eines Angeklagten, auf unwürdige Haftbedingungen hinzuweisen und die Rechtmäßigkeit eines Verfahrens anzuzweifeln. Und es ist die verdammte Pflicht eines jeden Rechtsanwalts, seinen Mandanten so gut wie möglich vor Gericht zu verteidigen.

Und genau darum handelt es sich bei der Feststellungsklage der beiden deutschen Rechtsanwälte - um eine Verteidigungsstrategie. Die beiden Juristen wollen ihre Mandanten nach Kräften verteidigen und klären lassen, ob die Vereinbarung zwischen Berlin und Nairobi, die vor kurzem in aller Eile ausgehandelt worden ist, um die Verfahren im Kampf gegen Piraten im Golf von Aden rechtsstaatlich halbwegs abzusichern, ob diese Vereinbarung tatsächlich einer juristischen Prüfung standhält. Sollte ein hiesiges Gericht zu der Erkenntnis gelangen, dass dies nicht der Fall ist, wofür es bislang keine Hinweise gibt, müssten Europäische Union und Bundesregierung nacharbeiten, das ist klar.

Dem Kampf gegen die Piraterie an der Küste Somalias, im Golf von Aden und dem angrenzenden Indischen Ozean kann ein solches Verfahren aber nicht schaden, wie jetzt mancherorts zu hören ist, sondern nur guttun. Zeigt es doch, wie ernst die internationale Gemeinschaft das Völkerrecht nimmt - und es achtet.

Oder, anders ausgedrückt, würde es ein ziemliches Versagen der Staatengemeinschaft bedeuten, wenn sie - aus Furcht vor solchen Verfahren - bei ihrem Kampf gegen die Seeräuber allein auf das Faustrecht setzt. Wenn sie dem populären Ruf nach einem "kurzen Prozess" folgt und "nicht mehr lange fackelt", sondern mit (Bord-)Kanonen auf die bewaffneten Spatzen in den Schnellbooten feuert.

In der berechtigten Debatte über den Schutz der internationalen Schifffahrtswege darf nicht vergessen werden, den Ursachen für diese Renaissance des Freibeutertums an Somalias Küsten zu begegnen. Weil die staatlichen Strukturen in dem Land völlig zerfallen sind, sind die Küstengebiete schon lange ein rechtsfreier Raum. Ausländische Fangflotten fischten die Gewässer gnadenlos leer, und es gibt - von UN-Seite aufgestellte - Behauptungen, wonach Abfälle bis hin zu Strahlenmüll heimlich in dem Seegebiet verklappt worden sind.

All das mag die Piraterie nicht rechtfertigen. Es rechtfertigt aber den Schweiß der Edlen, zumindest rechtsstaatlich einwandfrei gegen die Seeräuber vorzugehen.

Autor:  STEFFEN HEBESTREIT
Datum:  15 | 4 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Video
Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.