Wenn sich Washington nun irritiert und frustriert über Hamid Karsais jüngste Ausbrüche zeigt, ist das pure Heuchelei. Seit Monaten haben die USA dem afghanischen Präsidenten immer wieder böse zugesetzt. Man wunderte sich eher, dass er so lange schwieg und stillhielt. Doch als US-Präsident Barack Obama ihn nun auch noch bei seinem ersten Besuch in Kabul brüskierte, musste Karsai sein Gesicht wahren.
Man sollte seine Serie provokativer Tiraden daher nicht überbewerten. Und sich auf mehr einstellen. Karsai bleibt kaum etwas anderes übrig, als sich vom Westen abzusetzen und seine Machtbasis zu afghanisieren, will er politisch überleben. Dazu muss er vor allem das Image der US-Marionette abstreifen. Auf die USA kann er jedenfalls nicht mehr bauen. Sie wollen ihre Truppen nicht nur schnellstmöglich abziehen. Die Obama-Regierung liegt auch mit Karsai im Clinch und wirft ihm munter Knüppel zwischen die Beine. Bereits bei den Präsidentenwahlen im vergangenen Jahr hatten US-Diplomaten kaum verhohlen Rivalen Karsais unterstützt. Das hat er nicht vergessen. Seitdem kursieren zudem - naturgemäß unbestätigte - Gerüchte, dass die USA über Mittelsmänner Abgeordnete im Parlament kaufen, um Karsai politisch zu schwächen.
Damit nicht genug: Vor wenigen Wochen verhaftete Pakistan - offenbar mit Segen der USA - Karsais wichtigsten Verhandlungspartner bei den Taliban und torpedierte so seine Friedensinitiative mit den Rebellen. Den traurigen Tiefpunkt des Konflikts bescherte nun der US-Diplomat Peter Galbraith, der als Vertrauter des US-Sondergesandten Richard Holbrooke gilt. Er stellte Karsai als labil und drogensüchtig dar und schlug damit unter die Gürtellinie.
Wenn Karsai nun die Hand beißt, die ihn füttert, muss man sich nicht wundern. Vertraute Karsais versichern, dass er nicht mit dem Westen und den USA brechen wolle. Die Frage stellt sich eher umgekehrt: Wollen die USA noch mit Karsai zusammenarbeiten? Oder ihn gezielt demontieren?
Fraglos bietet Karsai ausreichend Anlass zu Kritik. Er ist kein Unschuldslamm. Aber ihn allein zum Sündenbock für die afghanische Misere zu stempeln, ist unfair. Die internationale Gemeinschaft trägt einen Gutteil Mitschuld daran, dass Drogenhandel und Korruption wuchern.
Die Gründe für den Konflikt zwischen Karsai und Washington dürften tiefer reichen. Tatsächlich hat das große Endspiel um die künftige Machtverteilung am Hindukusch begonnen. Und ob die USA für Karsai im Nachkriegs-Afghanistan noch eine Rolle haben, scheint sehr fraglich. Die Marionette ist ihnen zu aufmüpfig geworden, Karsai pocht zusehends auf die Souveränität des Landes.
Tatsächlich scheint Washington derzeit mehr darauf aus, mit dem mächtigen Nachbarn Pakistan Zukunftsszenarien für Afghanistan auszukungeln, als auf Karsai, den gewählten Präsidenten des Landes, zu setzen. Auch auf Rückendeckung aus Europa kann Karsai kaum hoffen. Die Europäer scheinen beim großen Finale am Hindukusch auf die Tribüne verbannt zu sein. So hat Washington zentrale Posten in Kabul längst mit seinen Wunschkandidaten besetzt. Der frühere UN-Sondergesandte, der Norweger Kai Eide, der einer der wenigen war, der den USA auch mal die Stirn bot, wurde unsanft aus dem Amt gedrängt. Die Europäer hielten dabei brav still.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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