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29. März 2011

Analyse: Bildungswende in Watte

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Baden-Württemberg gilt als Musterland konservativer Schulpolitik. Das gegliederte Schulsystem existiert hier noch in Reinform. Die neue grün-rote Regierung will Reformen – aber die wird sie nur sehr behutsam umsetzen.

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Die GEW in Baden-Württemberg hatte ihre Pflöcke schon eingeschlagen, kaum dass die ersten stabilen Hochrechnungen vorlagen. Sie gratulierte am Sonntag um 18:30 Uhr „ihrem Mitglied Winfried Kretschmann“ zum Wahlsieg. Gleichzeitig machte die linke Gewerkschaft klar, was sie von dem ehemaligen Chemie- und Ethiklehrer an der Spitze einer neuen grün-roten Landesregierung erwartet: die Bildungswende nach mehr als 60 Jahren konservativer Schulpolitik.

Wenn man Kontinuität lokal verorten wollte, dann in Baden-Württemberg: das gegliederte Schulsystem (Förderschulen als vierte Säule inklusive) existiert hier noch nahezu in Reinform, ergänzt um einige neue Werkrealschulen, eine Sonderform der Hauptschule für besonders begabte Jugendliche. Integrierte Gesamtschulen, das Lieblingsmodell der Linken, muss man hier mit der Lupe suchen. Für Schulversuche und neue Modelle hatte das Kultusministerium meistens kein offenes Ohr. Man setzte lieber auf Altbewährtes. Geadelt und in ihrem Kurs bestätigt fühlten sich die Baden-Württemberger regelmäßig durch das gute Abschneiden ihrer Schüler bei Pisa. Sie können wirklich alles in Stuttgart, auch Streber.

Um diese Erfolge bangen nun Teile der konservativen Klientel im Ländle, wenn Grün-Rot die Bildungspolitik bestimmen wird. Dahinter verbirgt sich aber vor allem die Angst vor neuen Reformen, weil die Hängepartie um das verkürzte Gymnasium (G8) vielen in unguter Erinnerung ist. Es dürfte vor allem die Gymnasial-Lobby sein, die die ersten Schritte der neuen Stuttgarter Koalition mit Argusaugen beobachtet. Die „Neuen“ setzen auf Gemeinschaftsschulen und längeres gemeinsames Lernen – auch um damit dem Schulsterben auf dem Land entgegenzuwirken. Außerdem möchten die Grünen Gymnasien vor Ort die Möglichkeit geben, zu G9 zurückzukehren.

Dabei werden Kretschmann und sein SPD-Vize Nils Schmid jedoch keine Radikalreformen durchsetzen. Das traut sich nach dem Hamburger Debakel um die Gemeinschaftsschule keine Landesregierung mehr. Dennoch stößt der konsenshafte grüne Ansatz der Erprobung „innovativer Schulkonzepte von unten“, den auch Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen verfolgt, auch auf Skepsis.

Etwa beim Vorsitzenden des konservativen Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger. Er befürchtet eine „Atomisierung der Schullandschaft“, wenn jede Kommune selbst entscheiden kann, ob sie eine Gemeinschaftsschule will oder nicht. Mit einem kompletten Richtungswechsel in der Schulpolitik rechnet Meidinger unter Grün-Rot jedoch nicht. Er und andere Konservative bleiben gelassen – solange Kretschmann nicht auf die Idee kommt, das Sitzenbleiben abzuschaffen.

Auf eine Schulrevolution deutet nichts hin

Doch auf eine Schulrevolution, die alles vom Kopf auf die Füße stellt, deutet bislang nichts hin. Im Gegenteil: Was Kretschmann für die anderen Politikbereiche bereits angedeutet hat, scheint umso mehr für die Schulpolitik zu gelten: Konsens statt Krieg.

Selbst die baden-württembergische GEW, die den Umschwung seit Jahrzehnten herbeisehnt, klingt in den Tagen nach der Wahl nicht mehr nach Revolution. Ihr Sprecher Matthias Schneider redet gar von „Kontinuität“, die sich vor allem die Lehrer nach den zahlreichen Reformen wünschten. Dazu gehört auch, dass das eigentlich ungeliebte Turbo-Abitur nicht gekippt wird. G8 hatte und hat zwar viele Probleme, doch mittlerweile wollen selbst die massivsten Kritiker das Rad nicht komplett zurückdrehen. Man hat sich arrangiert mit dem schnellen Durchschleusen Richtung Uni – und fordert allerhöchstens Nachbesserungen. Dazu könnte allerdings gehören, dass einige Schulen zum G9 zurückkehren – und somit eine Parallelstruktur von Schulen entsteht, die das Abitur nach zwölf beziehungsweise dreizehn Jahren anbieten.

Bei vielen Eltern in Baden-Württemberg weckt der Regierungswechsel Hoffnung auf mehr Mitbestimmung. Seit 60 Jahren sei Schulpolitik in Baden-Württemberg „von oben verordnet“ worden, klagt der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Christian Bucksch. Ewiger Streitpunkt zwischen Land, Schulen und Elternvertretern ist beispielsweise die verpflichtende Grundschulempfehlung, auf die Mütter und Väter in der Regel keinen Einfluss haben. Um aufs Gymnasium zu kommen, muss ein Kind in den Fächern Deutsch und Mathematik mindestens einen Notendurchschnitt von 2,5 haben.

Ob Kretschmanns neuer Kultusminister dieses und andere heiße Eisen anpackt, ist noch ungewiss. Klar ist bislang nur, dass der versprochene „Bildungsaufbruch“ eher ein Spaziergang als ein Gewaltmarsch werden wird. „Kretschmann ist eigentlich ein erzkonservativer Schwabe“, sagt der ehemalige Leiter der Internatsschule Salem, Bernhard Bueb, über den neuen Mann in Stuttgart. Wenn das stimmt, dann wird der grüne Ex-Lehrer Kretschmann vermutlich erst einmal mit spitzem Bleistift rechnen, welche Bildungsreform den meisten Ertrag verspricht – und dann langsam und bedächtig loslegen.

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