Robert Bourgi, der mächtigste und diskreteste der französischen Schatten-Berater in Afrika, brachte es diese Woche knüppeldick. Der 66-jährige Anwalt erzählte ohne Umschweife, wie er von afrikanischen Herrschern zwischen 1995 und 2005 insgesamt 20 Millionen Dollar entgegengenommen habe, um sie im Pariser Elysée-Palast dem damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac und dessen rechter Hand Dominique de Villepin auszuhändigen – in Aktenkoffern, Postsäcken und Buschtrommeln.
Seine Schilderungen sind so skandalös, dass die französischen Medien fast überfordert sind. Sie berichten zwar detailgenau und zitieren andere Afrikaberater, die behaupten, unter dem aktuellen Präsidenten Nicolas Sarkozy hätten diese Praktiken nicht aufgehört. Zugleich scheint es, als erfasse die Pariser Presse das Ausmaß der Staatsaffäre nicht. Vielleicht will sie es nicht erfassen, denn über den wahrscheinlichen Tatbestand der illegalen Parteifinanzierung hinaus gerät die gesamte Afrikapolitik Frankreichs in sehr schlechtes Licht. Bourgis Geldkoffer sind nämlich nur die hässlichste Seite eines Phänomens namens „Françafrique“. So nennt man in Paris die Klientelbeziehungen der einstigen Grande Nation zu ihren west- und zentralafrikanischen Ex-Kolonien. Dieses okkulte System in Worte zu fassen, ist, das muss man den französischen Medien zugutehalten, nicht einfach. Vieles läuft verdeckt.
So ist zum Beispiel bekannt, dass Sarkozy in diesem Frühjahr Fremdenlegionäre in die Côte d’Ivoire schickte, um dem Wahlsieger Alassane Ouattara gegen den abgewählten Präsidenten Laurent Gbagbo zur macht zur verhelfen. Verschwiegen wird, dass der Ouattara dem französischen Baukönig Martin Bouygues schon 1990 – Ouattara war damals Premierminister – die gesamte Strom- und Wasserversorgung der Elfenbeinküste zugeschanzt hatte; und Bouygues ist ein wichtiger Wahlförderer Sarkozys, Taufpate eines seiner Kinder.
Halbwegs bekannt ist das Beispiel Gabun. Dessen 2009 verstorbener Langzeitherrscher Omar Bongo hatte dem französischen Konzern Elf-Aquitaine (heute Total) 42 Jahre lang Förderlizenzen gewährt und sich an den Erdölgewinnen des Konzerns – 200 Millionen Dollar im Jahr – schadlos gehalten. Vor seinem Tod brüstete sich der Inhaber von 70 Pariser Bankkonten selbst damit, er habe den Wahlkampf von fünf französischen Präsidenten – Pompidou, Giscard d’Estaing, Mitterrand, Chirac und Sarkozy – mitfinanziert. Im Gegenzug sicherte ihm Paris jedes Mal die „Wiederwahl“. Auch 2009 erkannte Paris sofort die Wahl seines Sohnes Ali Bongo zum gabunischen Präsidenten an, obwohl die Opposition ihrerseits den Sieg für sich beanspruchte.
Ein jüngstes Beispiel: Nach dem Libyen-Krieg bot Burkina Faso Muammar al-Gaddafi Asyl an. Ganze Lastwagenkolonnen mit libyschen Regimevertretern setzten sich schon durch die Sahara in Bewegung. Plötzlich vollzog Burkina Faso aber eine Kehrtwende und sperrte die Grenze für den Gaddafi-Clan. Afrikakenner wollen erfahren haben, dass es Sarkozy persönlich war, der den burkinabischen Präsidenten Blaise Compaoré zu diesem Umschwung drängte. Campaoré wird von Bourgi auch als „Kofferabsender“ Richtung Elysée genannt. Burkina, Senegal, Kamerun und viele andere afrikanische Staaten stimmen bei Uno-Abstimmungen immer mit Paris.
Das alles ist die Françafrique. Und noch viel mehr: Dieses verästelte Parallelsystem neben der offiziellen Diplomatie schmiert die Geschäfte und die Politik; die Françafrique achtet darauf, dass die französischen Hilfsgelder in Afrika französischen Firmen zugutekommen; sie sägt kritische Entwicklungshilfeminister (Jean-Marie Bockel 2008) ab und schützt skrupellose Despoten (Idriss Déby in Tschad) mit Mirage-Flugeinsätzen; steckbrieflich gesuchte Folterschergen lässt sie aus Frankreich nach Afrika entwischen, dafür unterstützt sie frankophone gegen anglophone Ethnien (Hutus gegen Tutsis vor dem Genozid in Ruanda).
Ein paar Bargeldkoffer im Elysée sind da gar nicht mehr erstaunlich. Sie passen bestens ins Gesamtbild. Erstaunlicher ist eher die öffentliche Reaktion. In Frankreich bewirkt die Bourgi-Affäre eine Weile lang Schlagzeilen, dann kehrt Paris zum Alltag zurück – und die Françafrique zu ihrer „Nimmpolitik“, wie sie ihr Kritiker Antoine Glaser nennt.
Die EU-Partner Frankreich schwanken ihrerseits zwischen Wegschauen und Nichtwissenwollen; sie lassen den Franzosen in Westafrika diplomatisch den Vorrang, weil diese dort „zu Hause“ sind und zum Beispiel bei Geiselnahmen europäischer Touristen wertvolle Dienste leisten. Die Europäer spielen auch mit, wenn Paris die zweifellos gefälschten Wahlen in Gabun absegnet und die postkolonialen Abhängigkeiten zementiert. Das sei immer noch besser als Afrika den Chinesen zu überlassen, meinte ein skandinavischer Botschafter in Paris unlängst dazu. Mag sein. Aber noch besser wäre es, dem System Françafrique durch Brüssel und Berlin eine Absage zu erteilen. Und Afrika den Afrikanern zu überlassen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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