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24. Januar 2013

Analyse: Der Kasper und das Teufelchen

 Von Regina Kerner
Silvio Berlusconi zu Gast in einer Fernsehsendung.  Foto: AFP

Ende Februar wird in Italien gewählt. Und schon wieder droht ein Comeback von Silvio Berlusconi. Hinter dessen Clownerie steckt politisches Kalkül.

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Als es kürzlich tatsächlich einmal einen Berlusconi-freien Tag im italienischen Fernsehen gab, war das der Zeitung La Repubblica eine sarkastische Notiz wert: „Kein Spot, kein Interview, keine Show. Die Nachricht ist allarmierend. Geht es Berlusconi schlecht? Hat er die Stimme verloren? Ist er verhaftet worden? Millionen Italiener warten mit Hochspannung vor dem Fernsehapparat: und können in der Zeit endlich mal was anderes anschauen.“

Aber während sich seine Gegner lustig machen über den 76-jährigen, kann der auf steigende Umfragewerte verweisen. Einen Monat vor der Parlamentswahl Ende Februar holt seine Mitte-Rechtskoalition auf. Wer sich fragt, warum so viele Italiener stets aufs Neue einem Mann ihr Vertrauen schenken, der Sex- und Korruptionsprozesse am Hals hat, der als Politiker seine privaten Interessen als Unternehmer bedient, und der wegen peinlicher Auftritte auf internationalem Parkett als Lachnummer gilt, der muss Fernsehen schauen. Berlusconi weiß genau, wie er die Italiener immer wieder um den Finger wickeln kann.

Seit Wochen ist er auf allen Kanälen präsent, egal ob Fernsehen oder Radio, ob Früh- oder Spätprogramm. Im Gegensatz zu seinen politischen Gegnern, Mario Monti, dem Führer des neuen Zentrumslagers und dem Sozialdemokraten Pier Luigi Bersani, ist sich Berlusconi für keine Talkshow zu schade. Zurückgelehnt, in siegessicherer Pose, gibt er den gut gelaunten Alleinunterhalter. Er kann blitzschnell zwischen staatsmännischer Ernsthaftigkeit und Clownerie changieren. Berlusconis Hauszeitung Giornale nennt ihn einen „Schelm von 76 Jahren“ mit „unglaublichem Charme“. La Repubblica indes warnt: „Vorsicht vor der Attacke des Spaßvogels“.

In seinen eigenen TV-Sendern wird er von blonden Moderatorinnen mit bewunderndem Augenaufschlag befragt, etwa zu seiner fast 50 Jahre jüngeren Verlobten. Dort kann er unwidersprochen die Verschwörungstheorie vorbringen, wonach die Deutsche Bank ihn im Herbst 2011, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, zu Fall gebracht habe, ebenso seine antikommunistischen Tiraden und sein immer gleiches Versprechen, die Steuern zu senken. Aber Berlusconi scheut sich auch nicht vor der Höhle des Löwen. Er begibt sich ins Duell mit seinen Kritikern, weil er weiß, dass gerade das ihm Aufmerksamkeit bringt. Fast neun Millionen Italiener sahen seinen zweieinhalbstündigen Auftritt in der Sendung von Michele Santoro, einem ehemaligen Moderator des staatlichen Fernsehens RAI, den Berlusconi 2001 hatte rauswerfen lassen. Das war mehr als ein Drittel des italienischen Fernsehpublikums.

Mit gespielter Geduld zählt Berlusconi bei solchen Gelegenheiten die vermeintlichen Erfolge seiner Regierungszeit auf, manchmal auch mit Hilfe falscher Daten. Wird ihm der Widerspruch zu viel, markiert er den Wütenden, steht auf und droht, das Studio zu verlassen. Aber die Berlusconi-Show lebt vor allem von spontanen und komischen Aktionen, etwa wenn er sein Taschentuch zieht, um den Stuhl abzuwischen, auf dem zuvor ein linker Journalist gesessen hat – eine Geste, die er sich vom Komiker Totó abgeschaut hat. In einer Talkrunde schlägt er einem Journalisten des Magazins Espresso, der ihm widersprochen hat, lachend ein Stück Karton auf den Kopf, wie der Kasper dem Teufelchen. Er hält dem Moderator seinen Finger unter die Nase und fragt, ob der „den Geruch der Heiligkeit“ wahrnehme.

Oder er trifft unerwartet auf den ehemaligen Anti-Mafia-Staatsanwalt Antonio Ingroia, inzwischen Kandidat einer linken Liste, und streckt ihm grinsend die übereinandergelegten Handgelenke entgegen, wie um zu sagen: Hier, verhafte mich, das tätest du doch am liebsten. Was bei deutschen Zuschauern überhaupt nicht ankommen würde, funktioniert in Italien bestens. Denn die Italiener lieben es, unterhalten zu werden. Sie lieben die Komödie, nicht das Drama. „Hinter seinen scheinbar harmlosen Gags stehen komplexe Interaktionen“, schreibt La Repubblica. „Genau deshalb muss Berlusconi Angst einflößen.“ Wer sich darüber aufrege, bekomme von ihm in pädagogischem Ton zu hören: Misstraut immer denen, die nicht lachen können.

Der Journalist Dirk Schümer hat in seinem Buch „Hofnarren“ Berlusconi als Politiker eines ganz neuen Typs beschrieben: „In Gestalt von Berlusconi wurde der Narr erstmals selbst zum Herrscher – oder umgekehrt.“ Überraschung und Provokation, notorische Witzchen und hormonelle Exzesse passten auffällig zum traditionellen Bild des Narren. Aber seine Ausrutscher bei Regierungsgipfeln, seine derben Machosprüche machten ihn bei seinen italienischen Wählern, die der Staatsmacht von je her misstrauen, nur noch beliebter: Er gelte ihnen als ‚Einer von uns, der sich die Stimmung nicht vermiesen lässt.‘“ 40 Prozent der italienischen Wähler sind derzeit noch unentschlossen. Der Politologe Roberto D´Alimonte vom Zentrum für Wahlstudien der Universität Rom glaubt, dass Berlusconi mehr Stimmen bekommen wird als alle denken. Seine Koalition könne bis zu 35 Prozent erhalten und damit der führenden Mitte-Links-Koalition gefährlich werden.

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