Hat Kyoto noch eine Chance? Bis zum letzten Wochenende hätte kaum einer der Delegierten auf dem Weltklimagipfel in Durban seine Hand dafür ins Feuer gelegt. Selbst Klimakanzlerin a D. Angela Merkel persönlich schrieb Durban diesbezüglich ab. Inzwischen gibt es wieder etwas Hoffnung. China überraschte die Beobachter, die mit dem 17. Gipfel schon das Ende der UN-Klimadiplomatie kommen sahen. Der globale Obereinheizer China hat alle überrascht mit seiner Absicht, ab 2020 einem neuen, international verbindlichen Klimavertrag beizutreten. Trotzdem muss man fragen: Taugt der extrem langwierige Klimagipfel-Prozess überhaupt, das eskalierende Problem zu bewältigen?
Während sich Jahr für Jahr Gipfel an Gipfel reiht, steigen die CO2-Emissionen in atemberaubendem Maße. 2010 waren es sechs Prozent – neuer Rekord. 2011 sind es trotz Wirtschaftskrise voraussichtlich drei. Geht es so weiter, steuert die Welt nicht auf ein Temperaturplus von „nur“ zwei Grad, sondern auf eines von fünf Grad zu. Fünf Grad – das ist der Unterschied zwischen einer Eiszeit und dem Klima, das wir gewöhnt sind. Nur dass es nicht kälter, sondern viel wärmer wird. Gefährlich warm.
Der Kyoto-Ansatz kann immer noch scheitern. Deswegen müssen Alternativen gedacht werden. Eine lautet, den Klimaschutz nicht in irrwitzig komplexen Megakonferenzen mit 195 Staaten, sondern im Rahmen der G20-Staten zu verhandeln. In diesem Format treffen sich die klassischen Industriestaaten und die aufstrebenden Schwellenländer wie China, Brasilien und Südafrika. Diese Länder alleine sind für 80 Prozent des Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich. Hier könnte eine Verständigung leichter sein, so die Hoffnung.
Allerdings stehen sich auch hier die bisherigen Hauptwidersacher gegenüber: die USA, China und die EU. Außerdem ergibt sich ein Gerechtigkeitsproblem. Die 20 mächtigen Staaten würden Maßnahmen beschließen, und alle anderen Länder schauen zu, obwohl unter ihnen diejenigen sind, die unter dem Klimawandel am meisten leiden. Afrikanische Länder und die pazifischen Inselstaaten etwa. Ob die 20 Großen freiwillig genug tun, damit diese gerettet werden?
Ein radikal anderes Modell ist der „Budget-Ansatz“. Es geht von der Zwei-Grad-Erwärmungsgrenze aus, auf die sich die Weltgemeinschaft beim Klimagipfel 2010 in Mexiko geeinigt hat. Jedes Land bekäme – völkerrechtlich festgeschrieben – ein eigenes, nach Einwohnerzahl festgelegtes Budget, mit dem es haushalten muss.
Klimaforscher können errechnen, welche Mengen Treibhausgase die Erdatmosphäre noch verkraften kann, wenn maximal die zwei Grad werden sollen. Das restliche „Budget“ beträgt rund 750 Milliarden Tonnen CO2. Zum Vergleich: 2010 kamen aus Auspuffen, Schornsteinen und vernichteten Wäldern 33,5 Milliarden Tonnen CO2 – ein neuer Rekord. Schaffte es die Weltgemeinschaft, die CO2-Fracht von 2015 an abzusenken, müsste der Schadstoffausstoß in der Folge um fünf Prozent pro Jahr fallen. Käme die Trendumkehr erst 2020, wären sogar neun Prozent jährliche Reduktion nötig.
Rechnet man das Rest-Budget pro Erdenbürger aus, wird klar, wie stark die Industrieländer auf die Bremse treten müssten: Jeder Mensch dürfte pro Jahr rund 2,7 Tonnen CO2 verursachen. Zum Vergleich: In den USA liegt der Wert heute bei 20 Tonnen. Die US-Amerikaner hätten ihr Budget nach nur rund sechs Jahren aufgebraucht, Deutschland nach zehn, China nach 24. Staaten wie Indien und Vietnam blieben indes 80 Jahre. Unterentwickelte Länder dagegen hätten noch jede Menge „Luft“. Burkina Faso könnte noch 2900 Jahre lang auf derzeitigem Niveau CO2 produzieren.
Entwickelt wurde das Budget-Modell vom Umweltbeirat WBGU der Bundesregierung. Es liefere einen einfachen, transparenten und fairen Schlüssel für die Verteilung der Klimaschutz-Lasten, argumentiert er. Tatsächlich könnte er das enervierende Gefeilsche zwischen den Staaten und Ländergruppen auf den jährlichen Klimagipfeln überflüssig machen.
Allerdings: Das Budget-Modell erfordert einen internationalen CO2-Handel. Denn es ist ja völlig undenkbar, dass etwa die USA ihren Schadstoffausstoß bis 2017 auf Null brächten. Die Industrieländer, aber auch die Schwellenländer müssten bei Entwicklungsländern Emissionszertifikate kaufen, die von ihnen nicht gebraucht werden. Vorteilhaft wäre das für beide Seiten. Die Klimasünder müssten ihre Emissionen nicht so abrupt senken, die armen Länder könnten Einnahmen verbuchen, um daraus die eigene Entwicklung und Anpassung an den Klimawandel zu finanzieren.
Nach der Vorstellung des Konzepts 2009 beim Klimagipfel in Kopenhagen gab es positive Resonanz – nicht nur bei Klimaexperten aus Europa, sondern auch aus China und Indien. Gerade auf China, das bereits einen internen Emissionshandel einführt, ruhen die Hoffnungen. Große Vorbehalte gibt es von US-Seite. Doch Washington war klimapolitisch bisher sowieso ein Totalausfall. Gute Konzepte müssen auch ohne die USA vorangebracht werden.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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