Bahnchef Hartmut Mehdorn hat Recht. Ein Bedienzuschlag von 2,50 Euro pro Ticket geht vollkommen in Ordnung. Wer am Schalter kauft, verursacht Personalkosten, wer dagegen online einen Platz bucht, erspart der Bahn einiges. So die reine - betriebswirtschaftliche - Lehre.
Mit einem Bedienzuschlag imitiert der Bahnchef, was seine schärfsten Konkurrenten auf der Fernstrecke, die Fluggesellschaften, seit Jahren praktizieren. Sie zerlegen die Preise aus Marketingkalkül (London ab zehn Euro) und schlagen dann Kerosin- und Sicherheitszuschläge, Gebühren und Abgaben drauf, rechnen Frühbucherrabatte wieder raus und schwuppdiwupp kostet der Flug nach London nicht zehn, sondern 180 Euro. Das Geschäftsmodell von Ryanair beruht auf diesem Prinzip.
Dennoch hat Mehdorn mit dem Bedienzuschlag einen grandiosen Fehler gemacht. Er hat mal wieder übersehen, dass die Bahn keine Airline ist, dass beim Schienenkonzern die Empörung der Kunden und der Fahrgastverbände sich ganz schnell in politische Forderungen kanalisieren kann. So wie es sich in den vergangenen Tagen bei der Diskussion über das Extra für den Verkauf am Schalter zutrug, was dann zwangsläufig im Aus des Bedienzuschlags mündete. Der Manager hätte es besser wissen müssen. Er wollte die Speisewagen abschaffen und fiel damit auf die Nase, er wollte das gesamte Preissystem dem der Airlines anpassen und fiel auf die Nase.
Mehdorns Maß an betriebswirtschaftlicher Starrköpfigkeit und mangelnder Lernfähigkeit ist schon erstaunlich. Wir wissen nicht, was der Manager als nächstes ausheckt - ein Gepäckzuschlag wäre naheliegend, oder wie wäre es mit der Reanimation der guten alten Bahnsteigkarte? Aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit können Bahnkunden und Beschäftigte davon ausgehen, dass neue Zumutungen auf sie zukommen.
Denn die Bahn plant einen Börsengang und sucht gerade nach Anlegern. Und dass Investoren auch mit einem Anteil von nur rund fünf Prozent in einem vom Staat dominierten Betrieb massiv Einfluss nehmen können, zeigt die Telekom, wo die Superheuschrecke Blackstone mitmischt und wo gerade ein Großteil der Call-Center abgewickelt wird. Die Telekom ist zudem das Musterbeispiel dafür, wie sich die Politik ganz langsam - über einen Zeitraum von zehn Jahren - aus dem Konzern zurückgezogen hat und wie sich die reine betriebswirtschaftliche Lehre dort durchgesetzt hat.
Das darf bei der Bahn nicht passieren. Die Politik muss das Unternehmen an der kurzen Leine halten. Ansonsten droht eine fatale Entwicklung, mieser Service wäre nur ein ärgerlicher Nebenaspekt. Die Gefahr besteht, dass sich der Schienenkonzern verstärkt auf lukrative Fernverbindungen zwischen Ballungsräumen konzentriert.
Dabei ist das Gegenteil geboten: Deutschland muss den Regional-, den Nah- und den Güterverkehr ausbauen. Und das geht trotz neuer Wettbewerber nur mit dem Fahrbetrieb der Bahn, der demnächst auf dem Kurszettel erscheinen soll.
Ein funktionierender Schienenverkehr ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Wachstum möglich ist und gleichzeitig die Klimaziele erreicht werden und die Abhängigkeit von Benzin und Diesel verringert wird.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.