Die Verantwortlichen der Duisburger Loveparade forschen nicht nach der Wahrheit. Sie suchen nach einem Mittel, ihre Weste reinzuwaschen. Gefunden haben sie ihre vermeintliche Unschuld in zahlreichen Gutachten. Die Stadt Duisburg und die Polizei haben sich in dieser Woche von Juristen freisprechen lassen.
Sachverständige werden vor Gericht oft als befangen abgelehnt. Ihre Gutachten sind dann wertlos, es ist ungewiss, ob sie überhaupt befragt werden. Dieses Mittel ist gegen die medienwirksamen Loveparade-Gutachter leider unwirksam, sie lassen ihr angebliches Spezialwissen auch so verlauten. Das öffentliche Wohlwollen gewinnen wird die Partei mit dem am besten formulierten Fazit, den prominentesten Auftritten in den Medien. Dabei sind die vielen hundert Seiten in Juristen-Sprech nur ein parteiisches Plädoyer.
Dies zeigt die Düsseldorfer Kanzlei Heuking und Kühn. Duisburg ist bei ihnen ein häufiger und guter Kunde. Die Juristen haben die Revierkommune zum Beispiel bei der europaweiten Suche nach einem privaten Partner für ein neues Berufskolleg und dem Umbau des Innenhafens beraten. Eine Autorin des Gutachtens, die Juristin Uta Jasper, ist liiert mit einem CDU-Politiker der Region, dem früheren Oberbürgermeister der benachbarten Stadt Mülheim.
Eine unrühmliche Rolle spielt auch die Stadt Duisburg. Anfragen von Journalisten und Bürgern hat sie mit dem Hinweis auf die laufenden Ermittlungen der Polizei abgewehrt. Dabei darf sie nur Informationen, die die Ermittler behindern könnten, zurückhalten. Das sind etwa Informationen über geheime Durchsuchungen von Wohnungen, nicht aber allgemeine Aussagen über das Konzept des Ordnungsamtes. Nun verletzt die Stadt ihre vorgeschobene Regel im eigenen Interesse und greift den Staatsanwälten mit einem eigenen Urteil vor.
Genauso vorschnell und suspekt ist das Verhalten der Polizei. Sie erklärte sich schon wenige Stunden nach der Katastrophe für unschuldig. Ihr Chef, der frisch ernannte Innenminister Ralf Jäger (SPD), hat gar kurzfristig eine Jubel-Meldung von seiner Webseite genommen, in der er noch einen Tag vor der Veranstaltung das gute Sicherheitskonzept der Polizei gelobt hatte. Auch das Ministerium finanzierte Gutachter. Diese sehen erwartungsgemäß die Stadt in der Pflicht, als Aufsichtsbehörde über das Sicherheitskonzept zu wachen, nicht aber die Polizei.
Und der Dritte im Bunde, der Veranstalter Rainer Schaller, hat sich gar nicht erst mit Gutachtern aufgehalten. Er stellte Videoaufnahmen ins Netz, auf denen die verhängnisvollen Sperr-Ketten der Polizei zu erkennen sind, die womöglich zu den tödlichen Stauungen im Tunnel geführt haben.
Die absoluten Schuldzuweisungen führen in die Irre. Die Ermittler gehen von Fehlern aller drei verantwortlichen Parteien aus. Dies ist bei einer jahrelang sehr aufwendig und in zahlreichen Konferenzen geplanten Großveranstaltung wie der Loveparade naheliegend.
Unter den eiligen Unschuldsbeteuerungen leiden die Opfer und ihre Angehörigen. Sie sind, so ihr Anwalt Gerhart Baum, „angewidert“. Dabei müsse mit ihnen behutsam umgegangen werden. Bislang aber gehen die Verantwortlichen nur mit sich selbst behutsam um und vernebeln ihre Schuld mit Gutachten. Bleibt zu hoffen, dass letztlich die Gerichte die Hintergründe der Katastrophe umfassend aufklären.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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