kalaydo.de Anzeigen

Analyse: Die entzauberten Bayern

Die CSU treibt die Angst um, bei der Wahl die Messlatte von 50 plus x zu reißen. Und selbst im Endspurt stolpert sie über Pannen. Von Iris Hilberth

Iris Hilberth ist Korrespondentin der Frankfurter Rundschau in München.
Iris Hilberth ist Korrespondentin der Frankfurter Rundschau in München.
Foto: FR

Für andere Parteien wären sie ein Grund, in unbändigen Jubel zu verfallen, für die CSU sind die derzeitigen Prognosen für die Bayern-Wahl am 28. September eine folgenträchtige Katastrophe: 49 Prozent wird den Schwarzen im Freistaat vorhergesagt. Das ist nicht nur weniger als wenig nach über 60 Prozent von Edmund Stoiber im Jahre 2003, es würde vor allem bedeuten: das Führungsduo Günther Beckstein und Erwin Huber hat die Messlatte gerissen. Die liegt bei 50 Prozent, alles darunter war in den letzten 40 Jahren undenkbar. Beim erklärten Wahlziel 50 plus x ging es stets nur um die Größe der Unbekannten, niemals aber um die magische Fünf.

Das sieht im Jahre eins nach Stoiber anders aus. Seit Monaten plagen die CSU die schlechtesten Umfrageergebnisse, an die man sich in Bayern erinnern kann. Und Stoiber, der sich nun Ehrenvorsitzender nennt, erinnerte seine Partei erst kürzlich, was auf dem Spiel steht: "Der Mythos der CSU besteht aus der absoluten Mehrheit."

Der Mythos. Oft beschworen, von anderen bewundert. Dieser Mythos speist sich aus der bislang weit verbreiteten Meinung, dass die CSU und das erfolgsverwöhnte Bayernland eins sind. Auf die Frage: "Wer hat’s erfunden?" konnte es im Freistaat nur eine Antwort geben: die CSU. Die Verknüpfung der Schwarzen mit dem Freistaat ist so intensiv über Jahrzehnte gepflegt worden, dass die meisten innerhalb wie außerhalb Bayerns das Rautenmuster auf den Oktoberfest-Tischdecken und den bayerischen Löwen sofort mit der CSU in Verbindung bringen. Damit hatte sich der feste Glauben bei den Wählern verankert, dass nur die CSU das Land im Süden der Republik vertreten und gegen alles Böse verteidigen könne.

Genau dieser Mythos aber hat mehr als nur einen Knacks bekommen. Erst durch Stoibers rigiden Sparkurs und sein Hin und Her zwischen Berlin und München. Und jetzt durch das neue Tandem, das sich seit der Machtübernahme vor einem Jahr zwar abstrampelt, aber erst die Kommunalwahl an die Wand fuhr und nun aus der Talsohle nicht mehr rauskommt. Rein rechnerisch könnte die CSU auch dann allein weiterregieren, wenn das Resultat weniger als 50 Prozent lautet. Die bundesweite Durchsetzungskraft der CSU aber würde leiden, sie würde zu einer ganz normale Partei.

Daher ist es mehr als Jammern auf hohem Niveau, wenn die Schwarzen im Freistaat nun die Angst vor dem Verfehlen der Zielmarke umtreibt. Denn wenn der Nimbus schwindet, da hat Parteivize Horst Seehofer recht, kommt er nicht mehr zurück. Dass er zugleich verbreitet, mit 52 Prozent hätten Beckstein und Huber eine eigene Legitimation, nährt Gerüchte, er warte auf deren Scheitern, um von Huber das Amt des Parteichefs zu übernehmen.

Im Endspurt müht sich die CSU nun fast verzweifelt, den Verlust der absoluten Mehrheit zu verhindern. Etwa mit der gewagten These Becksteins, der Genuss von zwei Maß Bier könne ein richtiges Mannsbild nicht am Autofahren hindern. Der Ministerpräsident sei wohl betrunken im Wahlkampf unterwegs, hieß es dazu bissig von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Und auch Huber steuerte ein Panne bei. In seinem Schreiben an alle Wähler wurden Kandidaten verwechselt und den Leuten CSUler ans Herz gelegt, die sie in ihren Stimmkreisen überhaupt nicht wählen können.

Autor:  IRIS HILBERTH
Datum:  17 | 9 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Video
Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Zeitgeschichte

Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Die FR beschreibt das Land anhand der Lebensgeschichten ihrer Einwohner.