Sie sollte so schön friedlich klingen, die neue Afghanistan-Strategie der Bundeswehr: Partnering. Schluss sollte sein mit der "Offensive" gegen die Taliban in Afghanistan, stattdessen sollten die deutschen Soldaten ihre afghanischen Kameraden ausbilden, hübsch defensiv, und gemeinsam mit ihnen Zivilisten schützen.
Brigadegeneral Frank Leidenberger ist es nun zu verdanken, dass die Realität wie eine Nadel in den schönen Berliner Luftballon von einem neuen, friedlicheren Einsatz sticht - und die Luft ablässt. Natürlich, so sagt Leidenberger jetzt, führe die neue Strategie auch zu einem erhöhten Risiko für seine Truppe. Schließlich sollen sich die Deutschen künftig ja stärker als bisher aus ihren befestigten Lagern wagen und gemeinsam mit afghanischen Partner-Einheiten die Fläche zurückerobern.
So alternativlos der neue Militäransatz in Afghanistan angesichts der gegenwärtigen Lage scheinen mag, so verlogen ist der erneute Versuch der Bundesregierung, diese Strategie als Defensive zu verbrämen. Da mögen sich Angela Merkel, Guido Westerwelle und Karl-Theodor zu Guttenberg noch so sehr als taktische Nebelwerfer aufführen: Wenn häufiger geschossen werden muss, werden auch mehr Tote zu beklagen sein - auf allen Seiten.
Abermals hat die Bundesregierung damit die Chance verpasst, der Öffentlichkeit reinen Wein einzuschenken über die tatsächlichen Zustände in Afghanistan. Wohin ein solch verdruckster, unehrlicher Umgang mit der Wahrheit führt, hat nun der Spiegel eindrucksvoll nachgezeichnet. Die Kollegen haben detailgenau zusammengetragen, was in den vergangenen vier Monaten über den verheerenden Luftangriff von Kundus bekanntgeworden ist, bei dem damals wohl mehr als hundert Menschen getötet wurden.
Mit wirklichen Neuigkeiten kann der Spiegel zwar nicht aufwarten, doch allein die akribische Darstellung zeigt, wie sehr Merkel, Guttenberg, Franz Josef Jung und Frank-Walter Steinmeier in dieser Zeit darauf bedacht waren (und immer noch sind), nicht genauer nachzufragen. Sich nicht selbst eigene kritische Gedanken zu machen. Sich von der blutigen Realität in Afghanistan so weit es geht zu isolieren.
Dieses Verhalten mag menschlich nachvollziehbar sein. Politisch ist es eine Katastrophe, wenn die Regierung den heikelsten Militäreinsatz der bundesdeutschen Geschichte allein der Bundeswehr überlasst.
Was passiert, wenn die politische Führung ihre Aufgaben vernachlässigt und sich nur auf das Militär verlässt, zeigt exemplarisch der Umgang mit jenem verhängnisvollen 4. September: Da stellt sich ein Generalinspekteur trotz aller Zweifel vor seinen Oberst - weil dies von ihm als Vorgesetztem erwartet wird. Da hält ein Staatssekretär die Kollegen im Unwissen, weil er "Schaden" von seinem Ministerium fernhalten will. Da behauptet ein Minister tagelang, es habe keine zivilen Opfer gegeben, weil er die Tragweite des Vorfalls nicht einmal im Ansatz kapiert - und nicht genauer nachfragt. Und erst wenn auf deutschen Befehl hin mehr als hundert Menschen getötet werden, hält es die Kanzlerin für angebracht, ein paar Minuten ihrer wertvollen Zeit diesem Einsatz zu widmen.
Der Luftschlag von Kundus und seine Folgen sind in erster Linie kein Skandal der Bundeswehr, sondern der Bundesregierung. Es wird Zeit, dass Merkel den Afghanistan-Einsatz zur Chefsache macht.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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