Aktuell: Terror in Paris | Kolumne "Gastwirtschaft" | Skispringen, Wintersport | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Eintracht Frankfurt

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

16. August 2012

Analyse: Die Radikalisierung der Wolga-Region

 Von Karl Grobe
Mitglieder einer islamischen Sekte werden in Kazan festgenommen.Foto: AFP

Verschiedene islamistische Bewegungen versuchen in der russischen Schlüsselregion Tatarstan den traditionellen Islam zu verdrängen.

Drucken per Mail

Der Islamwissenschaftler Reis Suleimanow fühlte sich an den Tahrir-Platz erinnert. Genau so hätte die arabische Revolution in Kairo angefangen. Die Kundgebung, die er vor einer Woche beobachtete, fand allerdings in Russland statt, achthundert Kilometer östlich von Moskau in der Millionenstadt Kasan an der Wolga. Die Reporterin Olga Ivshina bestätigte den Eindruck im britischen Sender BBC und zeigte sich bestürzt darüber, dass die muskulösen bärtigen Herren von der Religionspolizei auf dem Platz vor dem Tatarischen Nationaltheater eine strikte Trennung der Geschlechter erzwangen. Die hatte es auf dem Tahrir-Platz nicht gegeben.

Suleimanow sah die Fahnen der als Terrororganisation verbotenen Hisb ut-Tahrir. Ivshina hörte Hinweise auf Aufrufe des Dokku Umarow, den islamistischen Kampf vom Kaukasus in die islamischen Gebiete an der Wolga zu tragen. Umarow, „Russland Bin Laden“, ist verantwortlich für viele Terrorakte in Russland und hat in Tatarstan offenbar bereits Anhänger.

Verschiedene islamistische Bewegungen versuchen den traditionellen Islam der Wolga-Region zu überrunden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war von Kasan und von den Krim-Tataren eine Neuererbewegung ausgegangen, die islamische Werte mit europäischer Wissenschaft versöhnen wollte. Diese Jadidismus genannte Strömung wurde in der Sowjetunion verfolgt und auch nicht rehabilitiert, als nach 1942 ein staatlich kontrollierter Islam installiert wurde. Dessen Vertreter haben sich zum Teil nach dem Zerfall des Sowjetsystems mit der neuen Staatsmacht arrangiert. Doch ihnen misstrauen vor allem drei soziale Gruppen: die weltlich gesinnten nationale Selbstbestimmung vertretenden Tataren, die neuen Anhänger des wiederbelebten Jadidismus und die von allen bisherigen Systemen und Ideologien enttäuschte Jugend.

Tatarstan ist Schlüsselregion

Die autonome Republik Tatarstan, in der die Tataren etwa 55 Prozent der vier Millionen Einwohner stellen, ist eine der fünf reichsten Regionen Russlands. Erdöl, Erdgas, Metalle und eine entwickelte Industrie erwirtschaften Gewinne, die nach Moskau abgeführt werden müssen. Zudem kreuzen sich hier die Ost-West-Routen vom Moskauer Kerngebiet nach Sibirien und die Nord-Süd-Wolga-Verkehrslinie. Es kommt hinzu, dass von allen Tataren Russlands – nach den Russen die größte Ethnie – nur ein Drittel in der Autonomen Republik lebt, die übrigen aber Kasan und seine geistigen und geistlichen Autoritäten respektieren. Das alles macht Tatarstan zu einer Schlüsselregion, in der sich möglicherweise die Zukunft der „Machtvertikale“ Wladimir Putins, sein zentralistischer Herrschaftsanspruch, entscheidet.

Die seit zweieinhalb Jahren amtierende neue Führung hat noch nicht das Ansehen des früheren Langzeit-Präsidenten Mintimer Schajmijew, des autoritären, politisch und religiös aber toleranten Präsidenten seit dem Ende der Sowjetunion. Sie muss sich vor allem der religiösen Entwicklung stellen. Mufti Gusman Iskhakow, äußerte schon vor 15 Jahren die Sorge über eine Radikalisierung durch fremde Einflüsse. Seit die Religion wieder frei sei, mangele es an ausgebildeten Imamen, die nur in Ägypten oder Saudi-Arabien geschult werden könnten. „Und wenn sie zurückkommen“, so Iskhakow, „vertreten sie einen ganz anderen Islam“. Er versuchte, mit Toleranz gegenzusteuern. Von den fast 60 Moscheen in Kasan wird etwa ein Dutzend von Wahhabiten beherrscht, den Anhängern der saudi-arabischen radikalen Variante des Islam. Im Untergrund ist eine andere, von zentralasiatischen Extremisten beeinflusste, Richtung aktiv, die verkürzt als Salafisten bezeichnet wird.

Behörden greifen durch

Die extremistischen Bewegungen sind aber nicht nur verantwortlich für Gebete und geistige Konkurrenz, sondern seit 1999 auch für Anschläge auf Pipelines. In einem abgelegenen Distrikt lieferten Extremisten sich im November 2010 zudem ein Feuergefecht. Und wahrscheinlich geht der doppelte Mordanschlag vom Juli dieses Jahres auch auf ihr Konto. Mufti Ildus Faisow, der oberste Geistliche der Region, kam schwer verletzt davon. Sein Vertreter Waliulla Jakupow wurde zur gleichen Zeit vor seiner Wohnung erschossen.

Seitdem greifen die Behörden durch. Ausländer dürfen nicht mehr in religiösen Einrichtungen aktiv sein, die Organisationen müssen Buch über Personal und Gelder führen, und jeder Imam muss vom Staat bestätigt werden. Eben das hatte Mufti Iskhakow vermeiden wollen. Er wusste, dass die Verschmelzung der Religion mit der Machtvertikale den Radikalen nutzt. Faisow, seit einem Jahr sein Nachfolger, sah das anders. Experten sagen, dass den etwa 3 000 Salafisten und Wahhabiten demnächst größere Massen zuströmen werden. Besonders aus der Jugendorganisation, die das Treffen auf dem Platz vor dem Theater organisierte. Und vielleicht sogar aus der Nationalbewegung Milli Majlis, deren Sprecherin Fausija Bajramowa dort eine kurze Rede hielt. Eine Fusion des Nationalismus mit religiösem Fanatismus kann die Republik erschüttern, mit Folgen für ganz Russland.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Anzeige
Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Griechenland

Schaden für Europas Linke

Von  |
Ein Schuldenschnitt ist in vielen Ländern der EU politisch nur schwer durchzusetzen, weil er letztlich auch auf Kosten der Steuerzahler geht.

Dass Griechenlands neuer Premier ausgerechnet eine Koalition mit den Rechtspopulisten eingeht, ist ein schlechtes Omen. Man kann nur hoffen, dass Syriza nicht daran zerbricht. Der Leitartikel. Mehr...

Leitartikel

Pegidas politische Stichwortgeber

Auch wenn die Teilnehmer es nicht glauben wollen: Einen Großteil ihrer Parolen bezieht die Pegida-Bewegung aus der Politik.

In den Parolen der Islam- und Ausländerfeinde spiegelt sich der Geist der Ausgrenzung, der auch die Flüchtlings- und Migrationspolitik der vergangenen Monate beherrscht hat. Mehr...

Leitartikel

Die europäische Frage

Der Vorsitzende des  Linksbündnisses Syriza, Alexis Tsipras, gibt seine Stimme ab bei der Wahl in Griechenland am Sonntag.

Nicht eine linke Partei in Griechenland ist das Problem der EU, sondern die soziale Spaltung, die Unzufriedenheit nährt. Und leider auch Populisten, die die Schuld immer bei Fremden suchen. Mehr...

Muslime in Deutschland

Die Heimat der Muslime

Muslime beim Nachmittagsgebet  in der Eyüp-Sultan-Moschee in Nürnberg.

Es gibt in diesem Land eine Vielzahl demokratischer islamischer Initiativen und Organisationen. Es wäre für sie an der Zeit, sich zu einer gemeinsamen Plattform zusammenzuschließen. Der Leitartikel. Mehr...

Papst Franziskus

Den Worten müssen Taten folgen

Papst Franziskus spricht von einer moderneren katholischen Kirche. Doch den Worten des Pontifex müssen auch Taten folgen.

Wenn er die Kirche wirklich verändern will, muss Papst Franziskus seinem Vorstoß zur Familienplanung Taten folgen lassen – und die traditionelle Lehre reformieren. Der Leitartikel der FR beschäftigt sich mit den Nachwirkungen der päpstlichen Worte. Mehr...

Weltwirtschaftsforum in Davos

Sozialstaat muss für Balance sorgen

Auf dem Weltwirtschafsforum in Davos wird zur Zeit auch über das Thema Ungleichheit diskutiert.

Der Graben zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Wenn die Politik nicht eingreift, werden Globalisierung und Digitalisierung die Gegensätze immer weiter verschärfen. Der Leitartikel. Mehr...

Pegida Demonstrationen

Der Freiheit droht der Bankrott

In Dresden durfte am Montag nicht demonstriert werden.

Der Staat sollte nicht alles tun, um die innere Sicherheit zu gewährleisten. Er muss vielmehr alles unterlassen, was im Streben nach dieser Sicherheit die Freiheit seiner Bürger einschränkt. Der Leitartikel. Mehr...

Vorratsdatenspeicherung

Im Reich der Paranoia

Unionsparteien wollen mehr Daten sammeln - obwohl solche Maßnahmen in anderen Ländern Terroranschläge nicht verhindert haben.

Wer damit rechnen muss, überwacht zu werden, verhält sich nicht mehr frei. Deshalb gefährden die Maßnahmen, die jetzt wieder diskutiert werden, die Freiheit und das Gemeinwohl. Der Leitartikel. Mehr...

Krieg im Namen der Religion

Verletzte Gefühle

Von  |
Auch in Mali gab es Proteste gegen die Karikaturen von "Charlie Hebdo".

Die Verletzung religiöser Gefühle fungiert als Brandbeschleuniger bei der Radikalisierung junger Muslime. Dabei geht es kaum um die individuelle Kränkung, sondern um absoluten Hass. Ein Leitartikel. Mehr...

Bildung

Jenseits von Alltagszwängen

Von Frank Olbert |
Die Besetzung des Films "Frau Müller muss weg".

Schule stößt in Bereiche unserer Wirklichkeit vor, die uns sonst verborgen blieben. Diese Erweiterung des Horizonts kann man nicht im Ernst verwerflich finden. Mehr...

Anzeige