Das hat es noch nie gegeben: Terroristen überfallen eine ganze Stadt und nehmen sie zur Geisel. Das Ziel ist gut gewählt: Mumbai ist die Wirtschaftsmetropole Indiens, ein Lebensnerv wird getroffen. Gleichzeitig fallen Ausländer in den Luxushotels in die Hände der Angreifer: Damit weitet sich der Terrorakt zur internationalen Krise aus. Angeblich haben die Terroristen systematisch Jagd auf Briten und Amerikaner gemacht.
Immer wieder kommt es in Indien zu Blutbädern und Terroranschlägen, verstärkt in den letzten vier, fünf Jahren. Auslöser sind vielfach innenpolitische Spannungen, vor allem zwischen Hindu-Extremisten und der muslimischen Minderheit. Vieles spricht allerdings dagegen, dass indische Muslime für die Ereignisse in Mumbai verantwortlich sind. Das wäre geradezu eine Einladung an Hindu-Extremisten, Massaker zu begehen. Hinzu kommt, dass indische Muslime keinen Grund hätten, Ausländer anzugreifen. Wahrscheinlicher ist eine andere Spur. Wiederholt hat es Anschläge islamistischer Extremisten aus Pakistan in Indien gegeben. Am Spektakulärsten war der Angriff auf das Parlament in Neu-Delhi im Dezember 2001, bei dem 14 Menschen ums Leben kamen.
Hintergrund ist die von Militärmachthaber Zia ul-Haq in den 1980er Jahren eingeführte und bis heute angewandte Strategie, islamistische Extremisten im Kaschmir und in Afghanistan als "nützliche Idioten" pakistanischer Machtpolitik einzusetzen. Die Geheimdienste Islamabads haben freie Hand, in der mit Indien umkämpften Grenzregion Kaschmir Provokateure einzusetzen, die den indischen Staat destabilisieren sollen, mit Hilfe von Terroranschlägen. Offiziell haben alle pakistanischen Regierungen diese Gewalt stets verurteilt und ihre Bereitschaft bekundet, dem Terror Einhalt zu gebieten. Mithin bietet sich der Bock als Gärtner an.
Es hat den Anschein, dass diese traditionelle "Arbeitsteilung" zwischen der Regierung und den Geheimdiensten außer Kontrolle geraten ist. Denn der Terrorangriff in Mumbai sprengt alle Maßstäbe und wäre, sofern die Urheber tatsächlich in Pakistan sitzen, ein casus belli. Indien hätte alles Recht der Welt, diese Provokation militärisch zu beantworten. Das wird Neu-Delhi nicht tun, Pakistan ist Atommacht wie Indien selbst. Aber die Beziehungen zwischen beiden Ländern dürften einer neuen Eiszeit entgegensehen.
Aus pakistanischer Sicht ist die politische Aufwertung Indiens durch die Regierung Bush, vor allem die beabsichtigte Zusammenarbeit im Nuklearbereich, eine Provokation gewesen. Gleichzeitig fühlt sich Islamabad, das sich, ähnlich wie Syrien im Libanon, als Schutzmacht Afghanistans sieht, durch die Regierung Karzai in Kabul schlecht vertreten. Denn Karzai setzt auf gute Beziehungen zu Washington und Neu-Delhi, auch als Reaktion auf Islamabads weitreichende Unterstützung der Taliban.
Die Lage ist auch deswegen so gefährlich, weil Pakistan auf dem besten Weg ist, ein "gescheiterter Staat" zu werden. Das Land steht kurz vor dem Bankrott. Radikale Islamisten haben sowohl die Armee wie auch die Geheimdienste unterwandert. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Kräfte längst ihr eigenes Spiel spielen, ohne Wissen der Regierung in Islamabad. Die Grenzen zwischen El-Kaida, den Taliban, Fanatikern aus dem Kaschmir einerseits und den Sicherheitskräften und der Staatsmacht andererseits verlaufen mittlerweile fließend. Es wird dauern, bis die Welt alle Einzelheiten der Operation erfährt - wenn überhaupt. Aber der Angriff in Mumbai ist eine Zäsur wie 9/11. Eine ganze Stadt als Geisel - Der Terror der Zukunft hat am Mittwoch in Indien begonnen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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