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Analyse: Ein deutscher Polizist

Ist nun alles anders, weil der Polizist, der 1967 den demonstrierenden Studenden Benno Ohnesorg erschoss, für die Stasi spitzelte und ein SED-Parteibuch besaß? Unsinn! Von Stephan Hebel

Stephan Hebel ist Mitglied der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Mitglied der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Müssen wir die Geschichte der westdeutschen Revolte neu schreiben? Ist alles anders, weil der Polizist, der 1967 den demonstrierenden Studenden Benno Ohnesorg erschoss, für die Stasi spitzelte und ein SED-Parteibuch besaß? Wurde Benno Ohnesorg, der Linke, also sozusagen "von links" erschossen? Unsinn!

Was damals geschah, war die Eskalation autoritären staatlichen Verhaltens gegen eine antiautoritäre Bewegung. Und dass es autoritäres, repressives Handeln unter allen möglichen politischen Fahnen gibt, wissen wir nicht erst seit gestern.

Natürlich: Manch einer wird die Tatsache, dass der West-Berliner Beamte Karl-Heinz Kurras für die DDR arbeitete, zu einer Umdeutung der Geschichte nutzen. Nicht alle in Deutschland sehen bekanntlich in der 68er-Bewegung den positiven Beitrag zur freiheitlichen Entwicklung der Bundesrepublik, der sie war - trotz aller Fehler und gewalttätigen Auswüchse, die folgten.

Wie "schön" fänden es die Kritiker gesellschaftlicher Aufbrüche wie 1967/68, wenn nicht der Staat, den sie verändern wollten, für die damalige Repression verantwortlich zu machen wäre, sondern ausgerechnet die "linke" DDR!

Im FAZ-Deutsch klingt das, zunächst in Frageform versteckt, so: "Ob etwas vom Zorn der rebellierenden Jugend sich gegen den real existierenden Sozialismus gerichtet hätte, wenn sie gewusst hätte, dass der Schütze der SED und dem MfS angehörte?"

Es wäre ganz nett, nähme man zwei Fakten zur Kenntnis:

Erstens: Kurras war kein "Einzeltäter". Er handelte im Umfeld einer von ihrer Führung sowie großen Teilen der Medien und der Politik aufgehetzten Staatsgewalt. Sein Schuss war die Eskalation einer gewollten und gezielten, gewalttätigen Repression gegen den Protest. Es müssten schon verdammt viele in der West-Berliner Polizei und Politik Stasi-Leute gewesen sein, wenn man unterstellen wollte, dass die DDR dies gesteuert hätte.

Zweitens: Der weitaus größere Teil der antiautoritären Bewegung hatte mit dem "Sozialismus" nach DDR-Muster nichts am Hut. Rudi Dutschke war bei weitem nicht der einzige, der den autoritären und repressiven Charakter des SED-Regimes durchschaute.

Es stimmt, dass sich ein Teil der 68er, als die Bewegung in ideologisch aufgeladene Gruppen und Grüppchen zerbrach, in der DKP und ihrer Umgebung diesem Regime verschrieb. Aber die Mehrheit wusste, was sich an den Enthüllungen über Kurras nun wieder erweist: Ein deutscher Polizist, geprägt von den schlechtesten Traditionen, kann überall dort ganz gut dienen, wo mit Unruhestiftern kurzer Prozess gemacht wird.

In diesem Sinne "ordentlich" waren sowohl die DDR als auch - trotz ungleich freiheitlicherer Bedingungen - die damalige West-Berliner Polizei. Das Schöne an der Bundesrepublik: Nach 1968 hat sich daran einiges geändert. Das war es, was die meisten Antiautoritären wollten. Und nicht ein anderes, diktatorisches System. Sie hätten sich deshalb über Kurras' SED-Parteibuch vielleicht weniger gewundert, als wir es heute tun.

Datum:  22 | 5 | 2009
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