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Analyse: Ein Harrisburg genügt

Nach dem Beinahe-Super-GAU 1979 wurde kein neuer Atommeiler in den USA gebaut. Jetzt reden einige von einer Nuklear-Renaissance und planen neue AKW. Von Joachim Wille

Joachim Wille ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Joachim Wille ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Harrisburg - da war doch was. Pünktlich 30 Jahre nach dem schwersten Atomunfall in der Geschichte der USA bringt sich der berüchtigte Reaktor "Three Mile Island" in Erinnerung. Ein "interner Störfall. Radioaktivität trat während Wartungsarbeiten innerhalb der Anlage aus, und 150 Arbeiter wurden wegen ,leichter Verstrahlung nach Hause geschickt. Der Betreiber beeilte sich zu erklären: Es bestehe keinerlei Gefahr für die Gesundheit."

In der Tat: Das aktuelle Geschehnis ist mit dem Beinahe-Super-GAU im Jahr 1979 nicht vergleichbar. Damals kam es im zweiten der beiden Harrisburg-Blöcke zu einer Teil-Kernschmelze. Ohne Notmaßnahmen wäre es damals womöglich zu einer Katastrophe gekommen, wie sie dann 1986 in Tschernobyl geschah. Und zwar nicht in einem maroden, falsch konstruierten, fahrlässig bedienten Sowjet-AKW, sondern in einem "sicheren", nach westlichen Standards gebauten Reaktor.

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Harrisburg brachte der beginnenden Anti-AKW-Bewegung weltweit einen ungeahnten Schub - und veränderte die Energiedebatte, besonders auch in den USA. Deutlichstes Zeichen: Seit dem Fast-Super-GAU in Pennsylvania, also drei Jahrzehnte lang, haben die US-Stromkonzerne keinen einzigen neuen Atommeiler bestellt. Das hat natürlich nicht nur mit dem Unfall zu tun, sondern auch mit den energiepolitischen Rahmenbedingungen. Stromkonzerne scheuen - in den USA wie in Europa - die milliardenschweren Investitionen in neue Atomkraftwerke, solange es keine staatlichen Garantien oder/und Subventionen gibt. In zunehmend liberalisierten Strommärkten sind die großen Anlagen nicht mehr die verlässlichen Gelddruckmaschinen, die sie in den "guten" alten - das heißt schlechten - Monopolzeiten waren.

Ausgerechnet jetzt, zum 30. von Harrisburg, könnte sich das Blatt wenden. Die USA diskutieren den Neubau von AKW - und staatliche Hilfen dafür, ohne die die seit Jahren beschworene "Renaissance" der Atomkraft offenbar nicht einmal ansatzweise Realität werden kann. Präsident Obama hat sich lange Zeit eher zurückhaltend zur Atomkraft geäußert. Inzwischen sind die Karten der US-Nuklearindustrie sehr gut, zumindest einige AKW-Neubauten durch zu bekommen. Obama hat nämlich nur dann im Parlament eine Chance auf eine Mehrheit für seine Klimapolitik, wenn er dort auch die eingefleischten AKW-Befürworter auf seine Seite bringt.

Ein Beleg für eine echte Nuklear-Renaissance wäre das noch nicht. Die Nagelprobe wäre, wenn neue AKW etwa in den USA nun auch ohne jede direkte oder indirekte Subvention gebaut würden. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering. Aber auch Finnland und Frankreich, die beiden bisherigen "Leuchttürme" der Branche, taugen kaum für Euphorie. Der finnische Reaktor vom französisch-deutschen Modell EPR wird drei Jahre verspätet fertig, zudem doppelt so teuer wie geplant. Und Frankreich mit seinem abgeschotteten Strommarkt, in dem der Staatskonzern EDF den neuen EPR einfach durchdrücken kann, ist auch alles andere als ein Musterfall.

Summa summarum: Die Atomkraft steht nicht vor dem Durchmarsch, mag die die mächtige, gut mit der Politik vernetzte Branche diesen Eindruck auch gern erzeugen. Um mit ihr das Klima zu retten, müsste weltweit bis 2050 alle zehn Tage ein neuer Meiler ans Netz gehen. Das ist völlig unrealistisch. Und ein Harrisburg genügt.

Autor:  Joachim Wille
Datum:  23 | 11 | 2009
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