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Analyse: Ein Lehrstück über soziale Dynamik

Generationswechsel, Machtkampf und ein Selbstbild im Wandel: Im Zentralrat der Juden zeichnen sich etliche Konfliktlinien ab. Von Harry Nutt

Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: FR

Der Zentralrat der Juden in Deutschland war zu keinem Zeitpunkt eine gewöhnliche Institution zur Vertretung religiöser und gesellschaftlicher Interessen. Für die in der Nachfolge des Dritten Reichs stehende Bundesrepublik war das Wiederentstehen jüdischen Lebens und dessen Vertretung nach dem Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus eine besondere Verpflichtung.

In diesem Sinne waren die verschiedenen Zentralratsvorsitzenden exponierte Ansprechpartner der jeweiligen Bundesregierung. Charismatische Persönlichkeiten wie Heinz Galinski und Ignatz Bubis sahen es nicht nur als ihre Aufgabe an, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Sie bereiteten auch den Weg dafür, dass die Vernichtung der Juden als negatives Geschichtsmal zu einem unwiderruflichen Bestandteil des bundesrepublikanischen Bewusstseins werden konnte.

Das Selbstbild und die Rolle des Zentralrats der Juden in Deutschland hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf dramatische Weise verändert. War Antisemitismus in den ersten Jahrzehnten der Republik weitgehend eine Erscheinungsform des rechten Extremismus, so tritt er heute auch als linker oder muslimischer Antizionismus in Erscheinung. Nicht selten laufen dabei die Vertreter des Zentralrats Gefahr, als Repräsentanten des Staates Israel wahrgenommen zu werden.

Die äußeren Spannungen, denen die Vertretungen der Juden zunehmend ausgesetzt sind, gehen einher mit rasanten strukturellen Umwälzungen im Innern. In nahezu allen jüdischen Gemeinden stellen die Immigranten aus den ehemaligen GUS-Ländern inzwischen die Mehrheit. Neben sprachlichen und kulturellen Differenzen geht der Streit dabei auch um die Frage, ob der Status des Judentums traditionell über den Vater oder die Mutter vererbt wird. Das ist hinreichend Stoff für innere Zerreißproben, die längst über die Konfliktlinie zwischen Alteingesessenen und aus den GUS-Staaten Eingewanderten hinausgehen.

Wahr ist aber auch, dass die jüdischen Gemeinden diesen Belastungen bislang standgehalten haben. Innere Machtkämpfe und Gemeindekonflikte waren zuletzt der verlässlichste Garant dafür, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft die Existenz jüdischen Lebens überhaupt zur Kenntnis nahm. Den Rest besorgten ironisch-klischeehafte TV-Grotesken wie "So ein Schlamassel" oder "Alles auf Zucker".

Es wäre aber an der Zeit, die integrativen Leistungen zur Kenntnis zu nehmen, die die jüdischen Gemeinden für die bundesrepublikanische Gesellschaft vollbringen. Was sich innerhalb der Gemeinden in den vergangenen zwei Jahrzehnten abgespielt hat, birgt mit all seinen Problemen und Dissonanzen auch den Stoff für ein Lehrstück über soziale Dynamik.

Der bevorstehende Wechsel an der Spitze des Zentralrats ist zuletzt als signifikanter Generationswechsel beschrieben worden. Erstmals wird nach Charlotte Knobloch jemand dem Zentralrat vorsitzen, der ein Nachgeborener des Holocaust ist. Das wird notwendig die erinnerungspolitische Ansprache und deren Anspruch verändern. Es ist ein Generationswechsel, der sich nicht losgelöst vom Rest der Gesellschaft vollzieht. Der Machtkampf im Zentralrat der Juden ist samt seiner undelikaten Stilfragen als öffentliches Schauspiel beschrieben worden. Es käme aber darauf an, das Drama dahinter als gesellschaftliche Herausforderung zu begreifen.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  9 | 2 | 2010
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