Die protestentwöhnte Republik reibt sich die Augen. Auch manch einer, der an diesem Wochenende selbst mit durch die Hauptstadt demonstrierte: Huch! Was war das? Die Anti-Atomkraftbewegung ist wieder da. So stark wie seit fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr, als die Katastrophe von Tschernobyl die Menschen gegen die strahlende Technologie auf die Straße brachte. Und so verjüngt, dass man kaum merkt, dass seit den ersten Bildern von einer Gorlebener Treckerkarawane schon 30 Jahre ins Land gegangen sind.
Nicht neu geboren, aber gerade noch rechtzeitig aufgewacht, hat da eine teils wiederbelebte alte, teils neu formierte Protestbewegung ein deutliches Lebenszeichen gegeben. Von der Oma, die den alten Anti-AKW-Sticker vorgekramt hat bis zum Punk, vom Gorleben-Veteranen bis zum jungen Attac-Streiter, vom Wendland-Bauern bis zum Solar-Manager hat da ein Bündnis - in schönster Generationengemeinsamkeit - der Politik eine Botschaft ins Stammbuch geschrieben.
Das war Protestkultur vom Feinsten. Und es war Wahlkampf in Bestform. Wahlkampf ? Natürlich! Warum soll es plötzlich anrüchig sein, mit einer politischen Botschaft auf die Straßen zu ziehen, die derzeit zugepflastert sind mit Politiker-Versprechen? Was ist anstößig daran, dass in dem Meer von gelb-roten "Atomkraft- Nein-Danke"- Fahnen auch rote, dunkelrote und jede Menge grüne Fahnen flatterten? Wahlkampf soll deutlich machen, wofür Parteien stehen. Was also ist legitimer, als dass Grüne, SPD oder Linke nun durch Mitlaufen klargemacht haben, dass sie für eine Energiepolitik ohne Atom eintreten?
Das Erfrischende aber an dieser Anti-Atom-Demonstration war: Sie war Wahlkampf von unten. Mit Parteipräferenzen liebäugelnd, aber nicht an Parteiloyalitäten gebunden, stellten da einige zehntausend den Wahlkampf vom Kopf auf die Füße. Keine Parteien-Versprechen ans schweigende Stimmvolk. Umgekehrt: eine Wähler-Ansage an die Politik, womit sie rechnen muss nach dem 27. September.
Gewiss, wie kurz oder wie lange in Deutschland Atomkraftwerke noch laufen, wird nicht die Wahl entscheiden. Auch wenn die Demonstranten in Berlin - anders als vor 30 Jahren - mit ihrem Ruf nach "Mal richtig Abschalten" mittlerweile Mehrheitsmeinung vertreten, die Stimmabgabe beeinflusst das nur bedingt. Fast Zweidrittel der Deutschen wollen am Atomausstieg festhalten, dennoch ist Pro-Atomkraft-Kanzlerin Angela Merkel beliebteste Politikerin, und die FDP kann auch als strammer Kernenergie-Fan vor Kraft kaum laufen.
Aber jede künftige Regierung kann nun wissen, worauf sie sich einstellen muss, wenn sie die Atomlobby mit längeren Laufzeiten für ihre Meiler bedient. Denn die Ankündigung von Union und FDP, den Atomkonsens aufzukündigen, bestätigt im Nachhinein, welch gesellschaftliche Wirkung der Kontrakt tatsächlich hatte. Der Atomkraft-Konflikt war befriedet, nicht vergessen. Auch die politische Spaltkraft der Nukleartechnik hat offenbar eine längere Halbwertzeit, als einige vermuteten. Dieses Potenzial ist weit größer als die Schar der Demonstranten. Es kann durchaus zur kritischen Masse werden. Das ahnen auch Union und FDP und werfen Bonbons: Energiekonzerne könnten ja im Gegenzug für längere AKW-Laufzeiten einen Teil ihrer Gewinne spenden. So billig lässt sich die kritische Masse kaum abspeisen.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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