Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

17. Juni 2011

Analyse: Everybody’s Depp

 Von 
Koch, Guttenberg, steinbrück.

Im Grau des Berliner Alltags wird man noch träumen dürfen – von Politikern mit Charisma, die es nicht nur allen recht machen wollen. Sogar von Roland Koch.

Drucken per Mail

Der jugendliche „Kanzler der Herzen“ flieht ins – wahrscheinlich US-amerikanische – Exil. An seiner statt beflügeln zwei ältere Herren die Fantasie des politisch interessierten Teils der Republik: der Sozialdemokrat Peer Steinbrück (64) und der Grüne Winfried Kretschmann (63). Karl-Theodor zu Guttenberg (39) dagegen, der vor kurzem noch selbst unpolitische Menschen für den Gang der Staatsgeschäfte entflammte – aktuell vermag sich niemand so recht sein Comeback vorzustellen.

Einerseits: Gut so! Denn mit Abstand betrachtet, hat er sachlich nicht viel bewirkt. Andererseits lädt das Grau des Berliner Alltags zu bunten Träumen ein. Denn die Politik braucht nicht nur Themen, sie bedarf auch der Protagonisten, die in der Lage sind, die Menschen zu begeistern.

Wie anders schafft es Peer Steinbrück auf die vorderen Ränge der Beliebtheitsskala? Beim Finanzminister a.D. handelt es sich zwar eher um einen pastellfarbenen Tupfer. Aber im Vergleich zum einschläfernden Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und dem irrlichternden Sigmar Gabriel verfügt Angela Merkels Assistent bei der großkoalitionären Bewältigung von Teil eins der Finanzkrise über Charisma im Überfluss. Schon wie er mit verschmitztem Lächeln gegen das informelle Parteigebot „Du sollst Dich nicht selbst ausrufen!“ verstößt, verleiht dem Senior jugendlichen Rebellencharme. Einer, an dem man sich reiben, an den man sich erinnern kann, wenn der Fernseher ausgeschaltet ist.

Winfried Kretschmann wiederum hat den rebellischen Rest seiner Parteiidentität zur Altersmilde sublimiert. Während andere über Koalitionen mit der CDU schwadronieren, lobt der erste grüne Ministerpräsident schlicht Merkels Mut und warnt seine Freunde, sich durch ein Nein zum Atomausstieg à la Angela im Getto der Opposition einzumauern. Kaum ein paar Wochen im Amt, gibt er schon den Elder Statesman, der überparteilich Noten erteilt. Gerade dies hebt ihn aus dem Grünerlei hervor.

Allen Unterschieden zum Trotz eint den roten und den grünen Traumfänger ein Stück vom „Guttenberg-Gen“: Mach Dein Ding! Oder wie der unvergleichliche Franz Josef Strauß formulierte: Wer Everybody’s Darling sein will, wird Everybody’s Depp!

Rauschende Wahlschlacht

Wie Angela Merkel. Routiniert stößt sie immer wieder die eigenen Leute vor den Kopf. Ihre nukleare Wende bringt ihr nicht zu Unrecht den Vorwurf ein, dem Zeitgeist hinterherzutrotten. Um zu würdigen, wie viel Mut dieser Weg dennoch kostet, bedarf es schon der Abgeklärtheit des geläuterten Nonkonformisten Winfried Kretschmann.

Sollte der Höhenflug des grünen Traumteppichs bis ins Wahljahr währen und ein Kanzlerkandidat Steinbrück die Sozialdemokraten beflügeln – Merkel müsste in Rente. Hätte ein Guttenberg mit selbst verfasster Doktorarbeit ihr im eigenen Lager gefährlich werden, aber die Union an der Macht halten können? Dazu brauchte auch die FDP einen Nachfolger für Guido Westerwelle, der die Menschen bewegt. Sich vorzustellen, dass Philipp Rösler das gelingt, dafür reicht die waghalsigste politische Fantasie nicht aus.

Aber wer weiß, vielleicht kehrt ja ein weiterer Veteran auf die Bühne zurück, wenn ein Wahlsieg in der Stadt Berlin die Grünen in Versuchung führen sollte, einen Kanzlerkandidaten zu küren. Joschka Fischer dürfte die eigenen Leute mindestens so irritieren wie Steinbrück die seinen. Doch der 63-Jährige überragte die innerparteiliche Konkurrenz nicht weniger als der Sozialdemokrat. Und was die angeblich fehlende Ambition angeht: Die hatte der einstige Straßenkämpfer auch geleugnet, ehe er ins Auswärtige Amt einzog.

Gegen die beiden alten müsste dann noch ein einst „junger Wilder“ in die Arena zurückkehren: Roland Koch (53), als Konzernchef die deutsche Mutante von „Bob der Baumeister“. Der Hesse als Kanzlerkandidat der Union – das gäbe eine rauschende Wahlschlacht – mit offenem Ende und einer, wetten, Rekordbeteiligung! Am Ende stünde er der ersten schwarz-grünen Koalition im Bund vor, die Vorgängerin Merkel noch als Hirngespinst abgetan hatte.

Ach, immer diese Personalspekulationen! Sollten wir uns nicht mit der Sache beschäftigen? Im Prinzip jein. Der kurze Höhenflug des Ikarus Guttenberg hat gezeigt: Glamour ist nicht alles, doch ohne wenigstens ein wenig davon ist der Rest recht blass. In des Barons mutmaßlichem künftigem Gastland rumpelt Barack Obama durch die Mühen der Ebene, aber immerhin hat sein Charisma mehr US-Amerikaner als je zuvor an die Wahlurnen gebracht.

Ob Guttenberg die Mutation vom Star zum Handwerker geschafft hätte – wir werden es womöglich nie erfahren. Steinbrück kann Praxis. Und Fischer. Und Koch. Und um die Fantasie noch einmal auf mittlere Höhe fliegen zu lassen: Da wartet eine höchst unterbeschäftigte Menschenfischerin – Margot Käßmann. Was, wenn der Katholik Kretschmann einer rot-grünen/grün-roten Mehrheit den gefallenen evangelischen Engel als Bundespräsidentin vorschlüge? Der Kandidat Joachim Gauck hat die Menschen bewegt, obwohl er chancenlos war. Der Traum von der bunteren Republik verdient einen neuen Anlauf.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Burkini-Urteil

Ein Funken Vernunft im emotionalen Dunkel

Von  |
Teilnehmerinnen einer Protestveranstaltung vor der französischen Botschaft in London. 

Das begrüßenswerte Burkini-Urteil bringt Frankreich keinen Rechtsfrieden. Dazu müssten Politiker die wahren Probleme lösen, statt auf Nebenkriegsschauplätze auszuweichen.  Mehr...

Südafrika

Das Ende einer Ära

ANC-Parteichef Jakob Zuma.

Wahlniederlagen des ANC haben die Partei Nelson Mandelas geschockt. Nun steht Südafrika vor stürmischen Zeiten. Der ANC wird mit allen Mitteln die verbliebene Macht verteidigen. Der Leitartikel.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung