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Analyse: Griechische Steine

Marodes Bildungssystem, Korruption, Finanzdesaster - in Athen protestiert eine Jugend, die sich um die Zukunft betrogen fühlt. Von Gerd Höhler

Gerd Höhler ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau für Griechenland, Zypern und die Türkei .
Gerd Höhler ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau für Griechenland, Zypern und die Türkei .
Foto: FR

Vor einem Jahr lieferte der Todesschuss eines Polizisten auf den 15-jährigen Alexis Grigoropoulos in Athen den Zündfunken für die schwersten Unruhen in Griechenland seit dem Ende der Obristendiktatur. Jetzt fliegen erneut Steine und Molotowcocktails. Das zeigt: Der Konflikt schwelt weiter. Dabei sind die vermummten Chaoten, die in blinder Zerstörungswut durch die Städte ziehen, nur Trittbrettfahrer. Die eigentlichen Akteure sind, wie schon im Dezember 2008, Zehntausende junge Griechinnen und Griechen, die friedlich auf die Straßen gehen.

Bei diesen Demonstrationen geht es nicht nur um den Protest gegen Polizeigewalt, nicht nur um das Andenken an den getöteten Alexis. Was hier aufbricht, ist die Frustration, die Verzweiflung einer jungen Generation, die sich um ihre Zukunft betrogen fühlt. Griechenland gibt weniger als jedes andere europäische Land für die Bildung aus, nämlich nur 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Kein Wunder, dass die jungen Griechinnen und Griechen in den Pisa-Studien regelmäßig hintere Plätze belegen. Sie sind eingezwängt in das Korsett des wohl rückständigsten Erziehungssystems Europas. Es produziert vor allem Arbeitslose. Jeder fünfte Schulabgänger findet keinen Job. Nirgendwo in der EU sind so viele 16- bis 25-Jährige arbeitslos wie in Griechenland. Und wer eine Stelle findet, verdient selten mehr als den staatlich festgesetzten Mindestlohn von 715,65 Euro. Auf eigenen Beinen stehen oder gar eine Familie gründen kann man damit nicht.

Aber es sind nicht nur die Missstände im Bildungswesen und die materiellen Nöte, die für wachsende Unruhe unter griechischen Jugendlichen sorgen. Sie fühlen sich auch zunehmend fremd in einem politischen System, das unübersehbare Zeichen des Niedergangs trägt. In den vergangenen Jahren jagte ein Skandal den nächsten. Eine Statistik der Organisation Transparency International weist Griechenland als den korruptesten Staat der EU aus. Ob man einen Führerschein will oder eine Baugenehmigung: Wer schmiert, kommt schneller zum Ziel. Abgeordnete verschachern begehrte Jobs im Staatsdienst an ihre Günstlinge. Politiker betrachten den Staat als Selbstbedienungsladen, den man hemmungslos ausplündert. Unter dem Anfang Oktober abgelösten konservativen Premier Kostas Karamanlis erreichte die Verwahrlosung der politischen Kultur Griechenlands einen neuen Tiefpunkt. Seit der Rückkehr zur Demokratie 1974 hat wohl kein Regierungschef das Land so abgewirtschaftet wie Karamanlis. Es war deshalb nicht mehr als recht und billig, dass die Unruhen vom Dezember 2008 das Ende seiner Regierung einläuteten.

Zur politischen Sinnkrise kommt jetzt das Finanzdesaster: Ein Land, das jahrzehntelang über seine Verhältnisse lebte, dessen Politiker Wohlstand auf Pump finanzierten, um sich die Macht zu sichern, steht am Abgrund des Staatsbankrotts. Dieses schwere Erbe tritt jetzt der neue sozialistische Premier Giorgos Papandreou an. Auf ihm ruhen die Hoffnungen vieler Griechen, vor allem jüngerer - auch weil er persönlich so anders, so viel bescheidener daherkommt als die Politiker, die man in Griechenland kennt. Aber das zerrüttete Vertrauen der griechischen Jugend in das politische System zurückzugewinnen, dürfte selbst für den Hoffnungsträger Papandreou ein gewaltiger Kraftakt werden.

Autor:  Gerd Höhler
Datum:  7 | 12 | 2009
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