Der Fanclub steht, die Mannschaft ist komplett. Ein Jogi Löw dürfte mit Interesse auf das schauen, was die Grünen in Erfurt vorexerziert haben. Ein Mannschaftskapitän räumt freiwillig das Feld für einen Jüngeren, ein erfahrener Stratege wird weggemobbt zugunsten eines unbekannten Nachwuchskickers. So spielen sich die Grünen mit moderatem Generationswechsel allmählich frei aus dem Fischerschen Erbpachtvertrag ihrer 68er Dynastie.
Personell sind die Grünen gut aufgestellt für die Wahlmeisterschaft 2009: Eine Doppelspitze aus Spitzenkandidaten, die routiniert durch die Republik touren und das grüne Spektrum einbinden. Eine weitere Doppelspitze mit einer Parteichefin, die reichlich grünes Herztonikum verabreicht, und einem Migrantensohn, der das (Selbst)-Bild von der Avantgarde bestätigt. Eine solche Kombination mit Signalwirkung macht ihnen so schnell keiner nach. Doch die Mannschaftsaufstellung sagt noch nichts über Spielstärke und Erfolg.
In Erfurt haben die Grünen eine eher riskante Strategie eingeschlagen. Die Anti-Atomproteste von Gorleben vor Augen und eine bemerkenswert junge Basis im Rücken, surfen sie auf einer neu entdeckten Protest- und Bewegungswelle. Und je näher die Entscheidung über eine künftige Regierungsbeteiligung rückt, desto stärker entdecken sie ihre Oppositionsrolle. Das Rückbesinnen auf die radikaleren Wurzeln kann probates Mittel sein, eigene Klientel zu binden. Nur ist vor der Wahl auch nach der Wahl.
Und je besser es läuft für die Grünen am Wahlabend, desto eher geraten sie mit einem Spiel über den linken Flügel in Gefahr, ihre Anhänger später zu frustrieren. Entweder, weil sie wieder in der Opposition landen. Oder weil sie als Minipartner in einer Dreierkoalition gleich von mehreren Seiten unter Kompromissdruck geraten. In Erfurt aber wiegten sie sich in kraftstrotzendem Selbstbewusstsein, als seien sie in Wahrheit eine 60 Prozent-Partei. Nur draußen im Land hat's niemand begriffen.
Mit ihren Anflügen von Selbstgerechtigkeit umschiffen die Grünen die Frage, warum sie zwar politische Trendsetter sind, aber weiterhin kleinste Oppositionspartei. Obwohl Klimawandel und Biotrend ihnen Recht geben, binden sie kaum neue Wählerschichten. Auch von der Schwäche der Volksparteien profitieren sie nicht mehr als die Konkurrenz. Vor allem drücken sie vor der Antwort an ihre Wähler, was sie am Ende mit deren Stimme anfangen können.
Auf eine erodierende SPD können sie nicht mehr setzen. So versuchen sie, aus dem Niedergang des roten Wunschpartners wenigstens Honig zu saugen. Doch das Abfangen der flüchtenden SPD-Klientel bleibt ein machtpolitisches Nullsummenspiel. Selbst für die unwahrscheinliche Konstellation als Alleinpartner einer wundersam auferstandenen SPD oder für eine rot-rot-grüne Koalition haben sie mit ihrer Kampfansage an neue Kohlekraftwerke reichlich Granit aufgetürmt. Bleibt die Variante Schwarz-Grün oder Jamaika. Dafür schrauben derzeit beide Seiten die Hürden provokativ hoch:
Union und FPD als verlängerter Arm der Atomlobby, die Grünen im frisch besiegelten Schulterschluss mit der Anti-AKW-Bewegung. So steht zwar die grüne Mannschaft, sie wird auch dribbeln und stürmen. Aber man weiß nicht, auf welches Tor sie spielt und ob sie irgendwann trifft.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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