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07. Dezember 2012

Analyse: Im Abnutzungskrieg

 Von Frank Nordhausen
Ein syrischer Oppositionskämpfer trägt nach dem Freitagsgebet seinen Sohn auf dem Arm.Foto: AFP

Das Assad-Regime gerät militärisch immer stärker in die Defensive. Die syrischen Rebellen haben die Lufthoheit der Armee Assads durchbrochen.

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Kämpft das Assad-Regime seinen letzten Kampf? Sind Verzweiflungstaten der in Syrien herrschenden Alawiten-Sekte zu erwarten? Nach dem US-Präsidenten Barack Obama hat nun auch UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon den Diktator in Damaskus vor einem Chemiewaffeneinsatz gegen die Bevölkerung gewarnt. Obama lässt einen Flugzeugträger vor der syrischen Küste auffahren. Seit einer Woche belagern die Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) den internationalen Flughafen von Damaskus und blockieren immer wieder die 25 Kilometer lange Zufahrtsstraße ins Stadtzentrum. Gleichzeitig nehmen sie einen Militärstützpunkt des Regimes nach dem anderen ein und ziehen ihren Ring um die Hauptstadt immer enger. Das monatelange militärische Patt bekommt Risse.

Ein Videoclip auf Youtube wurde zum Symbol der Veränderung. Darin ist ein Hubschrauber der syrischen Luftwaffe zu sehen, der, von einer Boden-Luft-Rakete getroffen, mit brennendem Triebwerk zu Boden geht. Zwei Tage später holten die Rebellen erstmals einen Kampfjet des Regimes mit einer Rakete vom Himmel. Die Abschüsse zeigen, dass die Aufständischen beginnen, den strategischen Vorteil der Lufthoheit zu egalisieren. FSA-Kommandeure hatten immer wieder geklagt, dass niemand ihnen wärmesuchende Boden-Luft-Raketen liefern wolle. Aus Angst, die Systeme könnten in falsche Hände geraten, hätten die USA jedes entsprechende Gesuch abgelehnt und Käufe verhindert. Daher hatten die Aufständischen vor allem mit Maschinengewehren auf die Kampfjets und Helikopter der staatlichen Luftwaffe gefeuert. Solange das Regime die Lufthoheit behielt, konnte kein Ort in Syrien wirklich als „befreit“ gelten.
Viele der rund 40 000 Toten, die der syrische Bürgerkrieg bislang gekostet hat, gehen auf das Konto von Luftbombardements und Artillerieattacken des Regimes. Nachdem die FSA im Frühsommer begann, Damaskus und Aleppo anzugreifen, setzte die Assad-Armee ganz auf ihre überlegenen Distanzwaffen. Menschenansammlungen in Rebellengebieten wurden verheerenden Luft- und Artillerieschlägen ausgesetzt. Die Aufständischen konnten sich dennoch behaupten. Sie verwickelten die Armee in einen Abnutzungs- und Überdehnungskrieg, wie der Vietcong einst in Indochina die US Army. „Jeder Flug eines Kampfjets kostet das Regime Tausende Dollar, und irgendwann geht ihnen das Geld aus“, prognostizierte der FSA-Kommandeur Abu Ibrahim im Sommer. „Wir aber können warten.“

Die syrische Luftwaffe ist verletzbar

Inzwischen beherrschen FSA-Rebellen und Kurden große Teile des Grenzgebietes zur Türkei, zum Irak und zum Libanon. Das Regime behauptet sich dagegen am Küstenstreifen um Latakia – dem ursprünglichen Siedlungsgebiet der esoterisch-schiitischen Alawiten-Sekte – und in Damaskus. In Aleppo und anderen Städten hält es sich jedoch nur noch mit massiven Luftschlägen. Mitte November eroberten die Rebellen Abu Kamal, eine wichtige Grenzstadt zum Irak und deren strategisch bedeutsamen Flughafen Hamadan. Seit einem Monat haben sie die Straße zwischen Damaskus und Aleppo, eine wichtige Nachschubader des Regimes, unterbrochen. Mitte November gelang es ihnen, zwei bedeutende Militärbasen bei Aleppo und Deir al-Zour zu erstürmen und dabei Lastwagenladungen Waffen und Munition zu erbeuten – darunter erstmals auch russische SA-16-Raketen, um Flugzeuge abzuschießen.

Seither wissen die syrischen Offiziere, dass ihre Luftwaffe verletzbar ist und die Aufständischen auch stark gesicherte Militärbasen einnehmen können. Die erbeuteten Waffen verstärken die Feuerkraft der Rebellen und ermöglichen ihnen weitere Erfolge – ein Schneeballeffekt. Sie gestatten es der FSA jetzt auch, den Krieg wieder nach Damaskus zu tragen. Baschar al-Assad hat deshalb Elitetruppen in die Hauptstadt beordert. Doch trotz der Rückschläge und der Erkenntnis, dass das Regime nicht über ausreichende Truppen zur Kontrolle des gesamten Landes verfügt, gibt es bisher keine Auflösungszeichen unter den Loyalisten. Eine Erklärung dafür ist ihr Zusammenhalt in der Alawitensekte, die sich in einem Überlebenskampf um ihre Identität als Gemeinschaft wähnen. Das macht Verzweiflungstaten plausibel, wie sie von anderen apokalyptischen Sekten bekannt sind.

Es gab Gespräche über Chemiewaffen

Syrische Regierungssprecher erklärten zwar, dass „Syrien niemals Chemiewaffen gegen das eigene Volk einsetzen“ werde. Doch der in die Türkei geflüchtete frühere Chef des syrischen Chemiewaffenprogramms, Generalmajor Adnan Sillu, sagte der Londoner „Times“ im September, es habe bereits im Frühjahr bei Lagebesprechungen „ernsthafte Diskussionen über die Nutzung von Chemiewaffen“ gegeben, „als letzte Möglichkeit, falls das Regime die Kontrolle über wichtige Orte wie Aleppo verliert“. Um den militärischen Nachschub über die Flughafenroute zu sichern und die Rebellen am weiteren Einsickern nach Damaskus zu hindern, könnten sie das tödliche Sarin oder Senfgas einsetzen, Genau das ist die Sorge des US-Präsidenten und des UN-Generalsekretärs.

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